Tages- und Festgeld
Bereitmachen zur Wende
Von Christian Siedenbiedel03. November 2009
Die Zeichen, dass es losgeht, sind unübersehbar: Australien hat schon die Zinsen erhöht, am vergangenen Mittwoch folgte Norwegen als erstes europäisches Land. Als Nächste folgen Südkorea, dann Indien und Anfang 2010 der Rest Asiens - sagt zumindest Thomas Mayer voraus, der Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Im nächsten Sommer, im dritten Quartal, heben dann auch die amerikanische Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank ihre Zinsen an - vermutlich ziemlich gleichzeitig."
Bundesbankchef Axel Weber hat die Banken diese Woche schon mal darauf vorbereitet, die Leitzinsen bald wieder zu erhöhen: Die Kreditinstitute sollten sich auf einen "graduellen Entzug der von den Notenbanken verabreichten Medikamente einstellen", kündigte er an. Es ist eine Zäsur: In der Krise haben die Notenbanken überall auf der Welt die Zinsen gesenkt, um die Wirtschaft zu stützen. Und zwar drastisch. Auf ein Prozent ging der Leitzins in Europa herunter, in Amerika sogar auf magere 0,25 Prozent.
Kurzfristig denken
Jetzt ist die Krise nach allgemeinem Empfinden größtenteils vorbei. Und die Notenbanken heben die Zinsen nach und nach wieder an, damit es im Aufschwung nicht zur Inflation kommt. Tendenziell steigen im Aufschwung nämlich die Preise, etwa für Öl, das für die Produktion vieler Güter benötigt wird.
Wenn aber die Notenbanken die Zinsen anheben, wird Geld teurer - das soll die Preise bremsen. Für Anleger heißt das: aufpassen und sich vorbereiten. "Man sollte jetzt keine zu langfristigen Formen der Geldanlage wählen", sagt Frank Naab, Anlagespezialist für vermögende Privatkunden beim Bankhaus Metzler. Er rät, zumindest noch für rund neun Monate die niedrigen Zinsen auszuhalten. "Das sollte man in Kauf nehmen, sich lieber nicht zu lange binden."
Sein Beispiel: Für Bundesanleihen mit zwei Jahren Laufzeit gibt es derzeit 1,35 bis 1,4 Prozent Zinsen. Für Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit sind es zwar 3,25 bis 3,3 Prozent. "Der Unterschied ist optisch hoch, aber das Zinsniveau ist zu niedrig, als dass man eine langfristige Anlage empfehlen könnte", sagt Naab. "Ich rate, in den Kurzläufern zu bleiben."
Festgeld bringt nichts
Ähnlich verhält es sich mit Tages- und Festgeld. "Die Zinsen, die man im Augenblick für Tagesgeld und Festgeld bekommt, sind niedrig und fast gleich", sagt Max Herbst von der Finanzberatung FMH. Beides bringt zwischen 2 und 3 Prozent im Jahr. Es sei denn, man nimmt sehr lange Laufzeiten in Kauf. So liegt der Spitzenwert für Tagesgeld derzeit bei 2,75 Prozent (1822direkt), der nächstniedrigere Zinssatz einer Bank bei 2,5 Prozent (ING-Diba). Beide Zinssätze sind bis Januar garantiert. Der Durchschnittszins aller Tagesgeldangebote liegt deutlich darunter, bei 1,49 Prozent.
Für Festgeld, das auf sechs Monate angelegt wird, gibt es zurzeit sogar weniger als auf einigen Tagesgeldkonten: Der höchste Zinssatz einer Bank im deutschen Einlagensicherungsfonds liegt laut Max Herbst bei 2,3 Prozent (Isbank). "Man legt sich länger fest, bekommt aber weniger Zinsen", sagt Herbst. Lediglich wer sein Geld auf fünf Jahre festlegt, der kann auf immerhin 3,75 Prozent kommen (VW Bank direct). Dafür nimmt er wegen der langen Anlagezeit aber in Kauf, dass die Zinsen in der Zwischenzeit sicher steigen werden.
Jonglieren mit Basispunkten
Wer also den Prognosen der Volkswirte und Analysten vertraut, dass die Zinsen im nächsten Sommer zunächst von einem Prozent auf 1,25 Prozent und im Herbst weiter auf 1,5 Prozent steigen (siehe Infografik), für den empfiehlt sich eine gestaffelte Geldanlage. "Man kann das Geld bis dahin entweder auf einem Tagesgeldkonto parken oder für ein halbes Jahr fest anlegen", sagen die Experten. Beides hat seine Vor- und Nachteile.
Wer sein Geld bis zur großen Zinswende auf dem Tagesgeldkonto "parkt", riskiert, dass die Banken die Tagesgeldzinsen bis dahin noch weiter senken. Ein bisschen weiter gedrückt haben sie die in den vergangenen Monaten noch. "Weil derzeit viel anzulegendes Geld auf dem Markt ist, ist der Anreiz für Banken, mehr als den Leitzins von einem Prozent für Tagesgeld zu zahlen, sehr niedrig", sagt Anlagefachmann Naab. Und die Spitzensätze beim Tagesgeld sind derzeit nur bis Januar garantiert - danach können sie sinken.
Wer sich also in nächster Zeit wenig ums Geld kümmern möchte, der kann es jetzt für ein halbes Jahr festlegen. Und dann, wenn die höheren Zinsen kommen, eine längerfristige Anlage suchen. Dann nimmt er zwar in Kauf, dass er im Augenblick marginal weniger Zinsen bekommt als bei den Spitzenreitern für Tagesgeldkonten - er hat aber den Vorteil, dass die Zinsen für die Überbrückungsanlage in der Zwischenzeit zumindest nicht unter das derzeitige Niveau sinken.
Wer auf der anderen Seite auch in der Zwischenzeit flexibel bleiben will, weil er eventuell sich bietende Gelegenheiten bei Aktien mitnehmen will, der verliert bei einer Anlage auf Tagesgeldkonten gegenüber Festgeldkonten wenig.
Anlegen unter Unsicherheit
Es ist auch nicht gesagt, dass alle Banken eine mögliche Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank 2010 überhaupt an ihre Kunden weitergeben. Die Finanzberatung FMH hat das sowohl für Tages- als auch für Festgeld über längere Zeiträume untersucht. Sie kommt zu dem Ergebnis: Es dauert einige Zeit, bis Banken Zinserhöhungen an ihre Kunden weitergeben. Allerdings können die Kunden trotzdem von höheren Leitzinsen profitieren, wenn sie bereit sind, die Bank zu wechseln. "Irgendeine Bank prescht beim Tagesgeld immer mit höheren Zinsen vor", sagt Zins-Vergleicher Herbst. Allerdings kann man nicht immer davon ausgehen, dass auch der bisherige Zins-Spitzenreiter bei einer Zinserhöhung mitmacht.
Eine Beispielrechnung: Nimmt man an, die erwartete Zinserhöhung im nächsten Jahr wird im Großen und Ganzen weitergegeben und bis dahin verändern sich die Tagesgeldzinsen nicht großartig - dann kann man grob überschlagen, auf welche Zeit sich eine Geldanlage lohnt (siehe Infografik).
Wer das Geld voraussichtlich in einem Jahr braucht, kann es aller Voraussicht nach genauso gut auf dem Tagesgeldkonto lassen. Wer das Geld erst in drei Jahren braucht, für den kann sich eine Festgeldanlage zu 3,4 Prozent unter Umständen mehr lohnen als eine Kombination aus einem Jahr Tagesgeld (zu 2,75 Prozent) und zwei Jahren Festgeld (zu 3,1 Prozent).
Die Beispielrechnung nimmt an, dass solche Festgeldzinsen im nächsten Jahr um 0,5 Prozentpunkte steigen. Bei ganz langen Anlagen, also fünf Jahren und länger, bleibt allerdings ein erheblicher Unsicherheitsfaktor: Wie sich die Zinsen nach 2010 entwickeln, das halten die meisten Volkswirte und Analysten für schwer prognostizierbar.
F.A.S.
@unit, F.A.Z.
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