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Apec-Treffen in Singapur
Der China-Faktor
Von Christoph Hein, Singapur
Amerikas Wirtschaft ist auf China angewiesen
 
07. November 2009
Wykidd Song ist ein Zauberer. Der Modedesigner aus Singapur schafft es, schöne Frauen in Grazien zu verwandeln, Männer ordentlich anzuziehen. Nun aber muss ihm ein Trick gelingen, vor dem selbst Zauberer schlucken: Soll er doch den amerikanischen Präsidenten so kleiden, dass der gerne und oft an Asien denkt. Song hat das Leinenhemd mit Manschettenknöpfen aus Weißgold und Saphir entworfen, in dem sich Barack Obama und die anderen 20 Staats- und Regierungschefs der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation (APEC) in der kommenden Woche zum offiziellen Foto aufstellen. "Wir wollten ein Kleidungsstück, das die Politiker später aus dem Schrank holen und sich wieder an Asien erinnern“, sagt Koh Lin-net, Organisationschefin des APEC-Gipfels in Singapur.
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Der Zauber von Songs Hemd scheint schon zu wirken. Denn nach Jahren wachsender Abstinenz in Asien entdeckt die amerikanische Regierung die Region zwischen Peking, Tokio und Neu-Delhi wieder. "Ihr Besuch zeigt, wie ernst es den Vereinigten Staaten ist, ihre diplomatische Abwesenheit in der Region zu beenden“, schleuderte Generalsekretär Surin Pitsuwan Hillary Clinton noch entgegen, als die amerikanische Außenministerin im Februar das Sekretariat des südostasiatischen Staatenbundes ASEAN besuchte. Als sie dann Mitte Juli in Bangkok den Vertrag für Freundschaft und Zusammenarbeit mit ASEAN unterzeichnete, rief sie aus: "Amerika ist zurück!“ Immerhin verknüpft ASEAN gut eine halbe Milliarde Menschen mit steigenden Einkommen, die rund 6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt Amerikas beisteuern.
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Washington will aller Welt die Wende zeigen
Des Präsidenten neue Kleider: Der Designer Wykidd Song mit einem asiatischen Gewand für Barack Obama
Auch deshalb hatten schon 15 andere Staaten, unter ihnen Japan, China, Indien und Australien, den Vertrag ratifiziert. Clintons Vorarbeit, viel mehr aber noch Obamas Reise am kommendem Mittwoch nach Japan, zum Gipfel nach Singapur, dann nach China und Südkorea, sollen nun aller Welt die Wende zeigen. Für Jahre hatte sich Washington aus Asien verabschiedet. Es überließ die Region, in der die Hälfte der Menschheit lebt, die das höchste Wirtschaftswachstum ausweist, sich selber. Fochten Amerikaner vor Jahren noch Kriege in Asien, um ihrem Land hier Einfluss zu sichern, verlegten die Vereinigten Staaten in der Ära Bush ihr Gewicht auf den Nahen und Mittleren Osten. Südostasien nutzten sie vor allem als Militärbasis.
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Kontakt pflegte Bush nur zur "Allianz der Demokraten“ – Australien, Japan und Indien. Einen für 2007 geplanten Gipfel mit ASEAN sagte er ab. Zur inzwischen drittgrößten Handelsnation der Erde, zu China, herrschte ein angespanntes Verhältnis. Mal ging es in Verhandlungen um den unterbewerteten Yuan, mal um Menschenrechte. Dann aber wurde Obama Präsident. Der brachte vier Jahre seiner Kindheit in der indonesischen Hauptstadt Jakarta zu, spricht Bahasa. Er kam zu einer Zeit ins Amt, als bei Amerikas Verbündetem Australien Kevin Rudd den knöchernen "Little Sheriff“ John Howard als Ministerpräsident ersetzt hatte. Rudd ist weltgewandt und spricht fließend Mandarin. Endlich wurde die Achse Amerika und Australien wieder von Menschen geführt, die sich der Bedeutung Asiens bewusst waren.
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Ohne Chinas Vertrauen wäre Amerika kollabiert
Die Finanzkrise tat ein Übriges, Asien wieder auf der Landkarte im Weißen Haus zu markieren. Allein schon durch das Schrumpfen der Volkswirtschaften im Westen gewinnt es an Gewicht: Steigt seine Wirtschaftsleistung 2010 um 5,8 Prozent, werden seine wichtigsten Kunden, die sieben großen Industrieländer, wohl nur 1,25 Prozent zulegen. Am Tiefpunkt der Krise, Ende Februar, erschien Clinton in Peking mit einem roten Schal. Sie hatte den Auftrag, die Chinesen dazu anzuhalten, weiterhin amerikanische Staatsanleihen zu kaufen. Wichtiger noch: Peking, mit 800 Milliarden Dollar der weltweit größte Besitzer der Bonds, dürfe auf keinen Fall verkaufen. "Wir werden gemeinsam erstarken oder untergehen, wir sitzen im selben Boot. Und Gott sei Dank rudern wir in dieselbe Richtung“, sagte Clinton.
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Vertrauten die Chinesen nicht mehr auf Amerikas Stabilität, wäre dessen Wirtschaftssystem kollabiert. Spätestens an diesem kalten Tag in Peking wurde klar: Amerika und China müssen sich nicht mögen, nicht einmal verstehen – aufeinander angewiesen sind sie trotzdem. Und das, obwohl Chinas Wirtschaftsleistung pro Kopf lediglich einem Vierzehntel der amerikanischen entspricht. In Washington schrieben sie von "Chimerica“, zwei Weltmächten, verbunden wie siamesische Zwillinge, verkettet. Die Chinesen finanzierten Amerikas Konsum. Die fremdfinanzierte Kaufkraft trieb den Export Chinas in märchenhafte Höhen.
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China steht dort bereit, wo Amerika sich zurückzieht
Von China aber ist nicht nur Amerika viel abhängiger, als ihm lieb ist. In einer geschickten Diplomatie zwischen Scheckbuch und Schulterschluss dehnt Peking seine Einflusssphäre weit nach Süden aus. Jeden Schritt, den sich Amerika aus Asien zurückzog, setzte China. Zunächst sicherte es sich die Bodenschätze im vom Westen geächteten Burma (Myanmar). Die Finanzierung einer Autobahn in Thailand? Kein Problem mit chinesischem Geld. Kredite gegen Rohstoffe in Indonesien? Schnell verhandelt. Eine Brücke über den Mekong in Laos? China steht bereit. All das ging einfacher, dank der starken Gemeinschaften der Auslandschinesen rund um den Pazifik, die enge Verbindungen in die Heimat halten.
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Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong fordert von Spitzenbeamten mit dem "C-Faktor“: Sie sollten nicht nur Mandarin beherrschen, sondern auch das Denken Pekings verstehen können. Das war nicht immer so. "In den neunziger Jahren wurde China als Bedrohung Südostasiens angesehen, weil es Streit um Territorien im Südchinesischen Meer gab und die Chinesen Aufstandsbewegungen unterstützten. In der Asienkrise 1998 begann sich diese Sicht zu ändern, weil China der Versuchung widerstand, den Yuan abzuwerten, als sich die Währungen seiner Nachbarn schon im freien Fall befanden“, schreibt Asien-Fachmann Bruce Vaughn in einem Bericht für den amerikanischen Kongress. "Heute drängt Chinas Charmeoffensive den Territorialstreit in den Hintergrund und richtet sich auf Handel aus.“
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Ein Zusammenwachsen sucht Asien nicht
Gerade in der Krise entwickelte sich der selbsternannte große Bruder China zum Vorbild: In asiatischer Lesart hatte Amerika den Ausbruch der Finanzkrise durch seine Gier und seine laxen Richtlinien zugelassen – aber steuerte nicht Peking mit enormen Konjunkturhilfen und stabilem Wachstum gegen? Japans Geld nehmen die Asiaten gerne, auch weil ihnen dessen Kriegsgreuel unvergessen sind. China aber sind sie enger verbunden. Längst ist den vom Handel geprägten Asiaten klar, dass das Machtstreben der Großmächte nur Vorteile bringt. "In Südostasien ringen China, die Vereinigten Staaten und – mit geringerem Druck Japan – um Einfluss. China hat seinen Auftritt und Einfluss in Südostasien seit der Jahrtausendwende ganz besonders ausgeweitet. Einige Kommentatoren weisen darauf hin, dass Chinas wachsende Präsenz den Einfluss von Amerika gefährde“, heißt es in einem Papier für den Kongress in Washington.
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Asien änderte sich in den Jahren des amerikanischen Desinteresses von Grund auf. Getrieben vom innerasiatischen Konkurrenzkampf zwischen Tokio und Peking, später auch noch Neu-Delhi, wuchs die Region zusammen. So schmiedeten die Asiaten in der Krise einen eigenen Rettungsfonds von 120 Milliarden Dollar, der den unbeliebten Internationalen Währungsfonds ersetzen sollte. Derzeit reden sie über vier konkurrierende Vorschläge einer strukturellen Verbindung, eines Handelsnetzes. Ein Zusammenwachsen nach dem Muster der Europäischen Union aber sucht die Osthälfte der Erde nicht: "Asien ist vielfältig. Wir brauchen eine andere Form der Diplomatie als die Europäer. Wir finden zusammen auf der Grundlage unserer Verschiedenheit“, sagt Singapurs Außenminister George Yeo.
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Amerikas Taktik klingt nach Zuckerbrot und Peitsche
Dennoch: Inzwischen zählt Asien 166 Freihandelsabkommen, verhandelt 62 weitere. Für die Unternehmen, die davon profitieren sollen, ist dies ein undurchdringlicher Dschungel. Zumindest aber zeigt er, dass die Asiaten ihre Abhängigkeit vom Westen verringern. "Lag der Anteil des innerasiatischen Handels an Asiens gesamtem Handelsvolumen 1980 noch bei 37 Prozent, so liegt er inzwischen schon bei fast 60 Prozent“, sagt Peter Allgeier, früherer Botschafter Washingtons bei der Welthandelsorganisation.
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Kein Wunder, dass Amerika aufschreckt, nun sogar bereit ist, mit der Militärdiktatur Burma zu reden. Derzeit klingt die Taktik nach Zuckerbrot und Peitsche: Frisches Zuckerbrot für die alten Verbündeten und die Demokratien der Region: Japan, Australien, Südkorea, Indonesien und die Philippinen. Die Peitsche trifft dann und wann China. Als Antwort auf die amerikanischen Importzölle von 35 Prozent für chinesische Reifen lässt Handelsminister Chen Deming prüfen, amerikanische Autohersteller zu bestrafen. Das Misstrauen sitzt tief: Das Magazin "Newsweek“ schrieb: Der Wettbewerb zwischen Deutschland und England, später zwischen Amerika und Japan habe zu den Kriegen des 20. Jahrhunderts geführt. "Könnte dasselbe zwischen Amerika und China passieren?“ Der nächste Tiefpunkt droht, wenn 2012 zeitgleich in Amerika und Taiwan gewählt und in Peking die Partei tagen wird – der Ton wird deutlich an Schärfe gewinnen. Umso mehr gilt es, nun Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Und sei es nur, ein Fragezeichen an der falschen Stelle. So lautet der Titel des Vortrages, mit dem Obama nächste Woche auf dem Gipfel in Singapur die Rückkehr Amerikas nach Asien ankündigen will: "Die Rolle der Vereinigten Staaten in der Asiatisch-Pazifischen Region im 21. Jahrhundert?“
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F.A.Z.
ASSOCIATED PRESS, AFP
 
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