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„Lohengrin“
Kinder, schafft endlich Neues!
Von Christian Wildhagen
Bildmagie, mit leichter Hand inszeniert: Dorothea Röschmann als Elsa von Brabant
 
06. April 2009
Was ist der Gral? Die Frage ist leichthin gestellt und verbietet sich doch, will man sich nicht in die Niederungen okkulter Spekulationen oder der neuesten Bestseller-Thriller begeben. Losgelöst von den unklaren historischen Fakten, ja von allem Gegenständlichen, ist der Gral eine Quelle schöpferischer Inspiration. Wagner hat gleich in mehreren seiner großen Mittelalterdramen tief daraus geschöpft, und etwas von dieser heiligen Erleuchtung scheint nun auch über das Regieteam der Neuproduktion gekommen zu sein, mit der die Berliner Staatsoper Unter den Linden ihre Festtage 2009 eröffnete.
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Der Norweger Stefan Herheim, das gefragteste Enfant terrible zeitgenössischer Musiktheaterregie, gilt spätestens seit seinem Bayreuther "Parsifal“ von 2008 als Wagner-Exeget von hohen Graden, der dessen vieldeutiges Werk mit ebenso viel konzeptionellem Tiefsinn wie doppelbödigem Humor, rezeptionskritisch und doch getragen von einem urwüchsigen Sinn für pralles Theaterleben, zu inszenieren versteht. Bei seinem Berliner "Lohengrin“ setzt er diese Linie nun erfolgreich fort, wiederum in Zusammenarbeit mit einem bewährten Team um Heike Scheele (Bühne), Gesine Völlm (Kostüme) und den Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach. Gemeinsam glückt ihnen eine Lesart, die Wagners Schwanenrittersage zum Anlass nimmt, um mit leichter Hand an Grundfragen der Kunst und des Lebens zu rühren.
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Blick ins höchste Licht
An den Fäden höherer Mächte betritt Meister Richard selbst die Bühne, bevor hinaufsteigt ins gleißende Licht
Seinen Anfang nimmt das alles bei Kleists wegweisendem Aufsatz "Über das Marionettentheater“ – oder auch in Herheims eigener Biographie, leitete der Regisseur in seiner frühen Zeit doch eine eigene Puppenspielerkompanie in Oslo. An den langen Fäden eines höheren Spielers hängt denn auch Meister Richard persönlich, räkelt sich als lebensechte Puppe vor uns auf der Bühne, während er aus Urgründen die Inspiration zum berühmten "Lohengrin“-Vorspiel empfängt.
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Die magische Bebilderung der Ouvertüre ist hier einmal keine Regiemarotte, sondern essentieller Teil der Konzeption: Der Komponist, so der Sinn, darf mit seiner klingenden Gralsbeschwörung selbst einen Blick ins höchste Licht werfen und wird von dort auch gleich noch mit einer überdimensionalen Feder bestückt, auf dass er das Empfangene getreulich fixiere. Natürlich ist es ein Schwan, der hier Federn lassen musste, und natürlich wird Lohengrin später aus ebenjener kelchförmigen Wolke zur Erde niedersteigen, in der die Richard-Puppe zuvor gen Himmel gefahren ist.
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Vom Klamauk zum Märchen
Arttu Kataja als Heerufer des Königs in stürmischer Gebärde
Bevor der strahlende Ritter erscheint, armiert mit Schwanenhelm und Silberrüstung wie zu des Bayernkönigs Ludwig seligen Zeiten, veranstaltet Herheim allerdings erst einmal herzhaften Klamauk. Der Heertag König Heinrichs (Kwangchul Youn) in Brabant wird zur Satire auf die Misere der hauptstädtischen Opernhäuser umgebogen, die weißgewandete Elsa (Dorothea Röschmann) zur Wiedergängerin der glücklosen Intendantin Kirsten Harms, während der Chor Tafeln mit Wowereit-Evergreens und anderem Nonsens schwenkt. Frech und urkomisch ist das – aber auch ziemlich entbehrlich, zumal die Anbindung an das sonst so schlüssige Konzept später nicht recht gelingt.
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Doch sobald Lohengrin auf der Bühne ist, macht sich Märchenstimmung breit: Er entrückt die Menschen aus ihrem Alltag, verzaubert und verführt sie, sich in jenen paradiesischen Urzustand zurückzuversetzen, in dem man noch an Wundertäter mit so seltsam unmodischer Barttracht und Kopfbedeckung glauben mochte, in dem aber auch die Übertretung seines Frageverbots buchstäblich dem Biss in den ominösen Apfel gleichkam.
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Am Marionettenfaden durch die Zeitebenen
Die Komparsen in Stefan Herheims Inszenierung hängen an den Fäden einer höheren Macht
Herheim erzählt hier kluge Geschichten über und neben der eigentlichen Handlung, die das Geschehen auf oft frappierende Weise neu beleuchten. Etwa wenn die schlangenhafte Ortrud (Michaela Schuster) bei ihrer Beschwörung "Entweihte Götter!“ per Videoüberblendung zur heidnischen Baumgottheit wird, von deren Ästen der besagte Apfel gleich dutzendweise fällt. Auch die Marionettenmetapher wird immer wieder erhellend aufgegriffen: Zum einen kaschiert sie elegant die immensen Zeitsprünge der Inszenierung, die virtuos zwischen den vier Ebenen von Paradies-, Handlungs- und Entstehungszeit sowie unserer eigenen Gegenwart wechselt.
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So ist der Wagner des Jahres 1848 als vom Chor bediente Miniaturpuppe mit Samtbarett ebenso zahlreich vertreten wie die stiergehörnten Germanenhorden des gralssucherischen Mittelalters samt Holzschwert und -schild. Das schafft zum anderen humoristische Distanz zu den kitschgefährdeten Momenten, etwa dem Brautjungfernzug im zweiten Akt.
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Ende der Kunst-Utopie
Die burleske Alltagswelt schluckt die metaphysische Ambition
Doch spätestens mit dem dritten Akt wird aus dem heiteren Spiel tödlicher Ernst: Lohengrin muss erkennen, dass die Welt den unbedingten, quasi-religiösen Glauben an seine Gralsmärchenwelt längst verloren hat. Die Enthüllung seines Namens macht kaum noch Eindruck auf das längst in den Alltag zurückgekehrte Volk, dem allenfalls noch sein spektakuläres Verschwinden in der Himmelswolke ein Weh und Ach entlocken kann. Von dort stürzt zum Schluss nicht etwa der neue Herzog von Brabant herab, sondern eine letzte, menschengroße Puppe.
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Es ist Lohengrin selbst, und mit seinem Reich der Märchen und Träume stürzt auch das verbliebene Bühnenbild in sich zusammen – das Ende aller Kunst-Utopien. Herheim setzt allerdings auch diesem pessimistischen Showdown eine spielerische Note auf: "Kinder, schafft Neues!“, verkündet Meister Richard gleichsam zwinkernd von oben aus dem Schnürboden – und das darf man dann durchaus auch wieder auf die Berliner Opernsituation beziehen.
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Leuchtend klar und entschieden: Klaus Florian Vogt als Lohengrin
Verglichen mit der Dichte und Stimmigkeit der Regie, blieb die musikalische Seite des Abends eher blass. Unter der erfahrenen und spannungsvollen Leitung von Daniel Barenboim waren in allen Partien rollendeckende Leistungen zu erleben – nicht weniger, aber auch nicht mehr, als man von einer Staatsopernpremiere bei solch einem Anlass erwarten darf. Das intonationsgetrübte, nicht sehr klangsensible Spiel der Staatskapelle blieb sogar stellenweise unter diesem Niveau. Die rühmliche Ausnahme machte hingegen der Lohengrin von Klaus Florian Vogt, der seine Partie mit derart leuchtender, fast engelhaft-androgyner Klarheit und Entschiedenheit sang, als wisse er wirklich genau, was es mit jenem vielgepriesenen Gral auf sich habe.
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F.A.Z.
picture-alliance/ dpa, Karl Forster
 
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