Smartphone Palm Pre
Ein neues Zugpferd an der Spitze des Fortschritts
Von Michael SpehrEr hat eine einzige Adresskarte für die Person, auch wenn die diversen Daten aus drei verschiedenen Quellen stammen
10. Oktober 2009
Man könnte es sich leicht machen und den neuen Palm Pre kurzerhand als weiteren iPhone-Rivalen abhandeln. Nach einem Blick auf die Vor- und Nachteile lautet das Fazit vermutlich: "verflixt nah dran am großen Vorbild". Aber so einfach ist es nicht. Was der traditionsreiche Hersteller Palm mit seinem Smartphone auf die Beine gestellt hat, ist ein von Grund auf neu programmiertes Betriebssystem und alles andere als eine rein kosmetische Anbiederung an das iPhone. Nachdem das amerikanische Unternehmen zuletzt mit Windows Mobile-Produkten tief in die Krise gerutscht war, wollte man nun alles richtig machen.
Das neue Web OS basiert auf mehreren Ideen: Man nehme einen hochwertigen kapazitiven Multitouch-Bildschirm, der eine komfortable Bedienung mit dem Finger erlaubt und nicht auf die Fummelei mit einem Stift angewiesen ist. Man ergänze um eine kleine Tastatur für flinke Texteingaben. Dazu als Krönung ein echtes Multitasking, eine nahezu vollständige Ausstattung und vor allem: die Berücksichtigung der Tatsache, dass man heutzutage nicht nur ein E-Mail-Postfach und einen elektronischen Kalender führt, sondern mehrere, und dass man vernetzt ist mit Facebook und weiteren Diensten. Kommunikation findet auf vielen verschiedenen Ebenen statt, und kein anderes Smartphone bekommt dieses Wirrwarr so gut in den Griff wie der Palm Pre.
Mit dem Pre gelingt das alles ohne Verrenkungen
Die 3,1-Megapixel-Kamera auf der Rückseite schießt draußen akzeptable Foto
Ein Beispiel: Jemand aus Facebook hat eine E-Mail geschrieben. Man will ihn anrufen, seine Rufnummer ist aber nur in Facebook gespeichert, nicht in den eigenen Kontakten. Während des Gesprächs sollen einige Dinge aus der Nachricht diskutiert werden, ferner will man einen Termin vereinbaren, der in den Büro-Kalender (Microsoft Exchange) und in den privaten bei Google passt. Mit einem herkömmlichen Gerät würde man die E-Mail ausdrucken, sich in Facebook die Telefonnummer aufschreiben und müsste gleichzeitig auf zwei elektronische Terminkalender gucken können.
Mit dem Pre gelingt das alles ohne Verrenkungen: Er führt Kontakte und Kalendereinträge geschmeidig zusammen, ohne dass sie an ihrem jeweiligen Ursprungsort verändert werden. Er hat eine einzige Adresskarte für die Person, auch wenn die diversen Daten aus drei verschiedenen Quellen stammen. Ebenso gibt es eine Kalenderansicht, in der berufliche und private Einträge gleichermaßen sichtbar sind. "Synergy" nennt Palm diese Zusammenführung und Bündelung. Und man kann dank Multitasking unterschiedliche Programm-Module gleichzeitig laufen lassen. Sie liegen auf dem Startbildschirm in einer Miniaturansicht wie Spielkarten auf dem Tisch, und mit einem Fingerstreich wechselt man von einer zur anderen, also etwa von besagter E-Mail flink in den Kalender. Das alles ist genial gemacht, ein kleines Meisterstück.
Man tippt kaum schneller als auf dem iPhone
Palm Pre führt Kontakte und Kalendereinträge geschmeidig zusammen
Der Pre nutzt drei verschiedene Eingabemethoden: Mit dem Finger streicht man über das hochauflösende Display (320 x 480 Pixel), tippt auf hübsch gezeichnete Symbole und navigiert durch die Menüs. Unterhalb der Anzeige befindet sich ein eigener Bereich für Gesten, hier kommt ebenfalls der Finger zum Einsatz. Was man unterwegs im Laufschritt braucht, lässt sich mit einer Hand erreichen. Ist mehr Detailarbeit angesagt, schiebt man die Vorderseite nach oben und setzt die Mini-Tastatur ein. Dass ihre Tasten viel zu klein sind und sich hier der Komfort in sehr engen Grenzen hält, sei allerdings nicht verschwiegen. Mit einer virtuellen Bildschirmtastatur wie beim iPhone tippt man kaum langsamer.
Und damit sind wir schon bei der Hardware: Der Pre ist insgesamt mäßig verarbeitet, der Kunststoff wirkt billig. Wer den Akku oder die Sim-Karte wechselt und dazu die Rückseite abnimmt, hat fast den Eindruck, dass er damit das gesamte Gerät auseinanderrupft. Ein Schiebeschalter an der Oberseite aktiviert den Lautlos-Modus, Situationsprofile bietet der Pre nicht. Der Akku hielt bei uns ebenso lange wie der des iPhone 3GS, rund anderthalb Tage. Er wird über die Micro-USB-Buchse geladen, die zudem den Zugriff auf den eingebauten Festspeicher von 8 Gigabyte erlaubt, ein Speicherkarten-Leser fehlt. Für den GPS-Empfänger gibt es derzeit nur eine einzige Anwendung, nämlich Google Maps, das sich sehr langsam aufbaut und deutlich mehr Zeit zur Lokalisierung des eigenen Standorts benötigt als auf anderen Smartphones. Mit Wireless-Lan und Bluetooth kommt der Pre bestens zurecht, ersteres lässt sich im Flugmodus sogar ohne Mobilfunkverbindung nutzen, letzterem fehlt zwar das Sim-Access-Profil für beste Telefonie im Auto, jedoch ist immerhin A2DP für die drahtlose Musikübertragung vorhanden.
3,1-Megapixel-Kamera auf der Rückseite
Mit einem herkömmlichen Gerät würde man die E-Mail ausdrucken...
Insgesamt gibt es in Sachen Konnektivität keine Probleme wie bei Nokia, und UMTS bietet mit dem Datenturbo HSDPA ein maximales Tempo von 3,6 MBit/s. Die 3,1-Megapixel-Kamera auf der Rückseite schießt draußen akzeptable Fotos, Innenaufnahmen sind häufig verrauscht. Ein Videomodus fehlt. Mit Maßen von 10 x 6 x 1,7 Zentimeter und einem Gewicht von 135 Gramm ist der Pre deutlich kompakter als das iPhone, er lässt sich angenehm in der Tasche verstauen und erinnert mit seiner runden Form an einen großen Kieselstein. Einige Chancen hat Palm nicht nur hinsichtlich der Verarbeitungsqualität vergeben, sondern auch bei der Software. Die Taste unterhalb des Bildschirms leuchtet zwar bei einer erkannten Geste, könnte das aber beim Eintreffen von neuen Nachrichten ebenfalls tun.
Meldungen aller Art werden übrigens am unteren Bildschirmrand dezent eingeblendet (und lassen sich mit einem Fingerstreich wegschieben). Um sofort zu sehen, wer da gerade eine E-Mail geschickt hat, muss man also das Schreiben einer SMS nicht unterbrechen, wie dies bei fast allen Handys der Fall ist. Höchstes Lob verdient der Web OS-Browser, der Internetseiten fast wie am PC darstellt und die üblichen Multitouch-Gesten des iPhone versteht.
Man kann nicht flink zu einer bestimmten Stelle "vorspulen"
Touchstone: Die Ladestation mit Induktionstechnik gibt es gegen Aufpreis
Schwach wiederum ist die Software der Musikabteilung. Man kann zum Beispiel nicht flink zu einer bestimmten Stelle "vorspulen", was bei Hörbüchern öfter angesagt ist, und mit dem Schließen des Players geht die letzte Abspielposition verloren. Im Büroeinsatz überzeugte die Exchange-Anbindung, im Unterschied zum iPhone werden auch die Aufgaben synchronisiert. Word-, Excel- und PDF-Dateien lassen sich anzeigen, Office-Dateien aber nicht erstellen. Es fehlen eine Sprachwahl sowie ein RSS-Reader, und eine Wortergänzung oder Autokorrektur bei Texteingaben haben wir ebenfalls vermisst. Überhaupt ist das Bearbeiten von Text umständlich. Die "universale Suche" ist zwar pfiffig gemacht, findet aber kurioserweise keine E-Mail, keine SMS und keine Termine.
Viele dieser Kritikpunkte sind mit der amerikanischen Version 1.2 von Web OS schon beseitigt, sie kommt hierzulande im November. Die Betriebssoftware lässt sich via Mobilfunk oder Wireless-Lan aktualisieren, weitere Updates sollen regelmäßig im Monatsturnus folgen. Und hier sind wir schon beim wichtigsten Unterschied zum iPhone: Web OS ist als Plattform viel offener als das iPhone in seinem goldenen Käfig. Nicht nur, dass man mit einem USB-Kabel unkompliziert auf das Dateisystem zugreifen kann. Auch verzichtet der App Store von Palm auf jedwede Gängelung, Entwickler können ihre Programme auch außerhalb des Online-Ladens verkaufen. Schließlich hat der Pre, der in Deutschland von O2 und Simyo für rund 500 Euro verkauft wird, keinen Sim-Lock und andere Zumutungen, lässt sich also in jedem Netz mit jedem Handy-Vertrag einsetzen. Da die Datentarife beider Anbieter überaus vernünftig sind, liegen die monatlichen "Unterhaltskosten" für den Pre weit unter denen für ein iPhone.
Unseres Erachtens ist dieser neue Palm ein erstes, sehr erfolgversprechendes Gerät für ein hervorragendes neues Betriebssystem, das weitaus besser gefällt als Symbian von Nokia oder Windows Mobile. Im Unterschied zum ähnlich gelungenen Android-System fehlen viele Zusatzanwendungen, etwa eine Fahrzeugnavigation. Aber das alles wird kommen, keine Frage. So steht jetzt also eine Troika aus iPhone, Android und Web OS an der Spitze des Fortschritts bei den Smartphones, und wir sind gespannt, wer das Rennen macht.
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