Zertifikatebranche
Schuld sind immer die anderen
Von Daniel MohrViele Lehman-Anleger fühlen sich von ihren Beratern verraten
26. November 2008
Zertifikate sind in einer Vertrauenskrise. Da verwundert es nicht, dass 71 Tage nach der Insolvenz des Zertifikate-Emittenten Lehman Brothers der Branchenverband zu einer Pressekonferenz lädt, um zu der aktuellen Lage Stellung zu beziehen. Eine "Transparenz-Initiative" steht auf dem Programm, bekräftigt auch noch durch eine Kooperation mit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Doch schnell wird klar, dass mit neuer Transparenz der Produkte nicht viel ist. Der Verband nutzt vielmehr die Gelegenheit, eine Reihe von Schuldigen für die Misere der Zertifikate zu benennen - außer der Branche selbst natürlich.
"Wir bleiben auf Kurs" heißt die neue Broschüre, die Hartmut Knüppel, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbandes (DDV), vorstellt. In ihr werden Fragen zu Zertifikaten beantwortet. Der Titel macht deutlich: Selbstzweifel gibt es in der Branche keine, aber alle anderen haben Fehler gemacht. Im Vorwort der Broschüre heißt es, manche Anleger würden derzeit vor Zertifikaten zurückschrecken, da diese in den Medien als kompliziert, unverständlich oder gar gefährlich dargestellt würden. Dies geschehe zu Unrecht.
Kein Produktproblem, sondern ein Beraterproblem
Seine Ausführungen seien jedoch keinesfalls als Werbung für Zertifikate zu verstehen, stellt Knüppel klar. Mit Marketingverbänden wie der CMA sei der DDV nicht vergleichbar. Die würden immer nur sagen, esst mehr Fleisch und trinkt mehr Milch. Wenige Sätze später lobt Knüppel jedoch Zertifikate in den höchsten Tönen. Diese seien attraktive Produkte, die in jede gute Depotmischung gehörten. Assistiert werden seine Ausführungen von einstigen Kritikern. Anlegerschützer Marc Tüngler, Geschäftsführer des DSW, hat beobachtet, dass es im Bereich der Zertifikate kein Produktproblem, sondern ein Beraterproblem gebe. Diesem müsse der Anleger durch Aufrüstung seines Wissensstandes begegnen. "Der Anleger hat hier eine Holschuld", sagt Tüngler. "Er befindet sich in einer selbstverschuldeten Unmündigkeit." Von Kritik an den Emittenten der Zertifikate will der DSW an diesem Tag nichts wissen. Anlegeranwalt Klaus Nieding betont, er habe immer die Hauptschuld an der jüngsten Vertrauenskrise den Beratern gegeben, die den Anlegern für sie ungeeignete Produkte verkauft hätten: "Die Emittenten trifft keine Schuld, und Zertifikate sollten nicht verteufelt werden."
Ob denn die Branche selbst auch Fehler gemacht habe, möchte ein Journalist wissen. Unter den sechs Herren auf dem Podium herrscht kurze Ratlosigkeit. Dann stellt Knüppel klar: "Der Anleger muss besser aufgeklärt werden, und es gibt ein Beraterproblem. Im Bereich der Produkte hat es keine Fehler gegeben." Widerstand regt sich auch unter den Anlegerschützern nicht. Der Verband habe bereits viel auf den Weg gebracht, meint Tüngler, und überhaupt sei mit Herrn Knüppel viel mehr Musik in der Kommunikation als früher.
Wer 200 Seiten gelesen hat, darf kaufen
Damit ein Anleger künftig weiß, ob er als Käufer von Zertifikaten taugt, soll er sich eine "Checkliste" zu Gemüte führen. Dies ist der zweite Teil der am Dienstag vorgestellten "Transparenz-Initiative". Darin darf er sich mit Fragen befassen wie: "Entspricht der Basiswert des Zertifikats Ihren Präferenzen?" oder "Haben Sie die Zertifikatsbedingungen gelesen und verstanden?" Nur wer alle 18 Fragen mit "Ja" beantwortet - also Präferenzen für Basiswerte entwickelt oder 200 Seiten Zertifikatsbedingungen gelesen hat -, solle dann das entsprechende Zertifikat kaufen.
Eine Bedienungsanleitung für einen Videorekorder würde man schließlich auch durchlesen, hält Knüppel es durchaus für zumutbar, deutlich mehr Zeit mit dem Durcharbeiten von ellenlangen Zertifikatsbedingungen zu verbringen und diese miteinander zu vergleichen. Anlegerschützer Tüngler wäre schon froh, wenn sich wenigstens "mancher Bankberater das mal anschauen würde". Wie die kapitalmarktfernen Rentner, die angeblich besonders von der Lehman-Pleite betroffen sind, an die neuen Errungenschaften der "Transparenz-Initiative" kommen, ist in erster Linie ihre eigene Sache. Der Verband hoffe auf rege Verbreitung durch die Zertifikateverkäufer.
F.A.Z.
dpa
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