Schweiz
Riss im Kopf
Von Volker MehnertAlphorn-Wettblasen am Fuß des Matterhorns: So stellt man sich den Inbegriff der Schweiz vor. Doch so einfach ist das nicht mit der Identität der Eidgenossen.
06. November 2009
Es könnte viel einfacher sein: Kreuz und quer durch die Schweiz ziehen sich genug tiefe Täler und hohe Gebirgsketten, die sich für eine Abgrenzung anbieten. Aber nein, die Schweizer haben für ihre Sprachgrenze zwischen Schwyzerdütsch und Französisch, zwischen der Deutschschweiz und der Romandie, eine andere Trennungslinie gezogen: den Röstigraben, den der rechtschaffene Deutschschweizer "Röschtigrabe" nennt.
Er ist mit keiner Naturerscheinung identisch, obwohl er geographisch streckenweise entlang des Flüsschens Saane verläuft, das auf dem anderen Ufer natürlich mit La Sarine einen französischen Namen trägt. Über weite Strecken ist die Trennlinie präzise zu bestimmen, manchmal jedoch verschwimmt sie in den diffusen Revieren der Zweisprachigkeit. Eindeutig ist der Fall entlang der Ostgrenze des Kantons Jura, während sich der Graben in den Kantonen Bern und Freiburg an keine politischen oder geographischen Markierungen hält. Dort lässt er ein Dorf links, das nächste rechts liegen und schlängelt sich sogar mitten durch die Städte Biel/Bienne, Murten/Morat und Freiburg/Fribourg, ohne dass man ihn wirklich zu fassen bekäme. Bevor er zur Alpenüberquerung ansetzt, trennt er noch die touristischen Hochburgen Gstaad und Rougemont, wo das Deutsche im Handumdrehen und nach fünf Minuten Bahnfahrt vom Französischen abgelöst wird. Im Wallis endlich läuft er zu großer Form auf, teilt den Kanton in zwei fast gleichgroße Hälften, in denen es im Osten bieder deutsch und im Westen elegant französisch zugeht; das Ambiente in Zermatt und Crans-Montana, zwei Walliser Bergdörfern, könnte unterschiedlicher kaum sein.
Ricola-Gebirge, Leckerli-Linie, Gruyère-Grenze
Man könnte den Röstigraben nun wenig ernst nehmen und ihn, wie in Deutschland den Weißwurstäquator, als landsmannschaftliche Marotte abtun. So geschah es in einem Ratequiz des deutschen Fernsehens, in dem der Literaturkritiker Hellmuth Karasek vor die Frage gestellt wurde, ob die Schweizer Sprachgrenze wohl Ricola-Gebirge, Leckerli-Linie, Röschti-Graben oder Gruyère-Grenze genannt würde. Doch ist der Röstigraben beileibe kein Ausdruck lustig-belangloser Rivalität, sondern ein kulturelles Phänomen, das sich unterschwellig als feiner, gelegentlich auch tiefer Riss in den Köpfen der Schweizer Bevölkerung darstellt.
Der Begriff des Röstigrabens symbolisiert die unterschiedlichen Mentalitäten und kulturellen Hinterlassenschaften der beiden Volksgruppen, die immer wieder zu Missverständnissen, Kontroversen und sogar veritablen Konflikten führen. Weil zwei Drittel der Schweizer deutschsprachig sind, aber nur zwanzig Prozent Französisch sprechen, fühlen sich die Westschweizer als zu wenig beachtete Minderheit, kommen sich oft benachteiligt vor und machen für Missstände gern die Vertreter der deutschsprachigen Mehrheit verantwortlich. Während des Kalten Krieges war sogar vom "Rideau de Röschti", vom Röstivorhang, die Rede, eine polemische Anspielung auf den Eisernen Vorhang.
Das Geheimnis der helvetischen Koexistenz
Die Spannungen gibt es seit der Gründung der modernen Schweiz im Jahr 1848. Schließlich hatten in vorangegangenen Jahrhunderten die gar nicht so friedliebenden Nachfolger Wilhelm Tells immer wieder versucht, sich über die Kantone der Innerschweiz hinaus auszudehnen und manche Schlacht auch gegen ihre westlichen Nachbarn geschlagen. Im fünfzehnten Jahrhundert fochten sie mehrfach gegen die Burgunder, und die Bataille von Grandson 1476 wird bis heute als großer Sieg der Eidgenossen gefeiert. Einmal nahm der Konflikt zu beiden Seiten des Röstigrabens auch in neuerer Zeit bedrohliche Formen an: Trotz offizieller Neutralität sympathisierte die Romandie während des Ersten Weltkrieges mit Frankreich, während die Deutschschweizer zur Seite der Mittelmächte neigten. Man verdächtigte sich gegenseitig parteilicher Umtriebe, es kam zu politischen Skandalen und erzwungenen Rücktritten im Militär. Beinahe wäre das Land daran zerbrochen.
In der politischen Gegenwart macht sich der Röstigraben ebenfalls bemerkbar. So zeigte sich die Romandie bei Abstimmungen über den Beitritt der Schweiz zu europäischen und internationalen Institutionen regelmäßig weitaus weltoffener als die Deutschschweiz. Ginge es nach den Westschweizern, wäre das Land wohl Mitglied der Europäischen Union. Doch auch angesichts dieser Gegensätze hat man sich immer wieder zusammengerauft und lebt die klassische helvetische Koexistenz: manchmal mit-, meistens nebeneinander.
Weit entfernt vom Hochdeutschen
Sprachlich wurde früher ein Kompromiss im Lateinischen gesucht, es wurden Institutionen wie Pro Helvetia oder Pro Patria gegründet und auf die Autos ein CH für Confoederatio Helvetica geklebt. Jetzt scheint das Englische zunehmend diese Funktion zu übernehmen. Nicht nur die Telefongesellschaft Swisscom und die Fluggesellschaft Swiss bedienen sich dieser neutralen Tonart. So konstituiert sich eine Art fünfte Landessprache ausgerechnet in einem Staat, der mit dem Deutschen, Französischen, Italienischen und Rätoromanischen schon vier offizielle Amtssprachen kennt. Dennoch sind Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, in dieser Nation alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Die Schweiz ist mehrsprachig, die Schweizer sind es nicht.
Den Westschweizern muss man das nachsehen. Denn selbst wenn sie sich ein Schulleben lang die deutsche Sprache eingepaukt bekommen haben und sie am Ende fließend sprechen und verstehen, wird ihnen das bei ihren Landsleuten jenseits des Röstigrabens in Bern, Basel oder Zürich wenig nützen. Denn dort spricht man Schwyzerdütsch, einen alemannischen Dialekt. Und dann gibt es zwischen Zermatt und St.Gallen noch Hunderte regionaler Ausprägungen und Sonderdialekte. Allerdings funktioniert hier nicht der in anderen Sprachräumen übliche fließende Übergang zwischen Dialekt und Standardsprache. Die Schweizer trennen beide deutlich, sprechen entweder das eine oder das andere, in der Regel nur das eine.
Der Siegeszug des Dialekts
Im Alltag und im Umgang mit Behörden ist der Dialekt die Regel, auch viele Radio- und Fernsehsendungen bewegen sich nicht über den Rahmen des Schwyzerdütschen hinaus. Mehr noch: Viele Menschen sprechen in ihrem Leben praktisch niemals Hochdeutsch, das sich in den vergangenen Jahren in allen gesellschaftlichen Schichten auf dem Rückzug befunden hat. Mit Touristen aus deutschen Landen geht man gnädig um; sie kann und will man verstehen, und ihnen können sich die meisten Deutschschweizer plötzlich auch mit perfektem Hochdeutsch verständlich machen. Auf dieser Seite des Röstigrabens bewegt sich der Besucher also auf sicherem Terrain.
Wissenschaftlich gesehen, existiert in der Deutschschweiz eine funktionale Diglossie, das heißt, es wird Dialekt gesprochen und Hochdeutsch geschrieben. So funktional ist das allerdings nicht für jeden. Denn wie soll sich selbst ein sprachgebildeter Westschweizer damit zurechtfinden? Kein Wunder also, dass auch Hochdeutsch in der Romandie nicht gerade mit Enthusiasmus gelernt wird, wenn es jenseits des Röstigrabens kaum verwendet werden kann.
Ein stotternder Staatspräsident
Dass die Deutschschweizer sich ihrerseits nur wenig ums Französische kümmern, ist weniger entschuldbar. Das wissen sie selbst, ändern daran aber kaum etwas. Sogar der Bundesrat und ehemalige Bundespräsident Moritz Leuenberger gibt freimütig zu, wie wenig er die Sprache seiner Mitbürger im Welschland beherrscht: "Sehr dankbar nahm ich zur Kenntnis, wie mein fürchterliches französisches Gestotter durch die Tontechniker liebevoll zu einem sinnvollen Ganzen geschnitten wurde, so dass viele Romands bei meiner Wahl in den Bundesrat tatsächlich der Meinung waren, ich verstehe etwas von ihrer Sprache." Als gewiefter Politiker macht er aus dem Mangel einen Vorzug, indem er den Röstigraben für besonders sinnvoll und zukunftsweisend erklärt: "Die stetige Sorge um die Gräben in unserem Lande bleibt der Stachel im Fleisch unseres schweizerischen Selbstverständnisses und ermöglicht den verschiedenen Kultur- und Sprachgruppen, ihren eigenen Stellenwert zu erörtern."
Der Tourist in Schweizer Landen bemerkt den Röstigraben nur am Rande oder gar nicht. Wer genau darauf achtet, wird auf den Bahnhöfen in der Deutschschweiz die Ansagen auf Deutsch und Französisch hören, während vor allem in der ländlichen Romandie hartnäckig die Einsprachigkeit gepflegt wird. Auf der Autobahn wiederum kann es passieren, dass man plötzlich auf eine "Sortie" abbiegen muss, nachdem man wenige Kilometer zuvor noch eine "Ausfahrt" passiert hat, und der Bieler See wird irgendwann zum Lac de Bienne, Freiburg zu Fribourg. Unmerklich hat man irgendwo den Röstigraben überquert. Kritisch wird es nur, wenn man ohne Französischkenntnisse mit seinem Deutsch in der Westschweiz auf taube Ohren stößt. Selbst wer es dort einigermaßen versteht, praktiziert es nicht gern. So müssen die Besucher aus dem "großen Kanton im Norden" die kleine Rache der Welschen an ihren Brüdern jenseits des Röstigrabens ausbaden.
Jodlerclub und Trachtengruppe
Alles in allem aber scheint die Schweiz mit dem Röstizwiespalt bestens zu leben. "Die Schweizer verstehen sich gut, weil sie einander nicht verstehen", heißt eine ihrer Weisheiten. Sie beschreibt das Multikulturelle in einem Land, das schon mehrere Kulturen in sich vereinen musste, als im restlichen Europa noch nicht einmal der Begriff bekannt war. Und damit sich das Nebeneinander in Zukunft zu einem verstärkten Miteinander entwickelt, wird es Mitte November im Dörfchen Gals zwischen dem Bieler und dem Neuenburger See sogar ein dreitägiges Röschtigrabe-Fescht geben. Es heißt natürlich zugleich Fête du Röstigraben, und gemeinsam mit der Trachtengruppe La Farandole des Yonguilles tritt der Jodlerclub Schneeglöggli Kallnach auf. Ob sich Städter und Bergbewohner von beiden Seiten des Röstigrabens bei dieser Verbrüderung im Niemandsland dann tatsächlich verständigen können oder aufs Englische ausweichen müssen, ist allerdings noch nicht ausgemacht.
F.A.Z.
AP
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