Louis Auchincloss: Eine Frau mit Möglichkeiten
Liebe ist für die Armen
Von Ingeborg Harms06. November 2009
Louis Auchincloss kann in Sachen Verführungskraft locker mit seiner jüngsten Heldin konkurrieren. Von Anfang an fühlt sich der Leser von ihm ins Vertrauen gezogen, wird mit subtiler Ironie in seine aufgeklärte Sicht der Dinge eingeweiht, spürt beinah seine Hand im Kreuz, die ihm sachte die Richtung weist, kurz, ist sein williger Komplize.
Was geht uns Bobbie an, der junge Mann, dem Clarabel Longcope den Frühling ihres Herzens schenken möchte, nachdem uns der Erzähler im Verbund mit Claras Mutter die ganze "Armseligkeit seiner schlichten, ehrlichen Natur" vor Augen geführt hat? Wie Clara umgeben wir "den kleinen Rosengarten" unserer "extremen Empfindlichkeit" bald mit einer schützenden Hecke und sehen die existentiellen Entscheidungen des Lebens im philosophischen Licht.
Aufstieg einer Alphafrau
Schritt für Schritt führt uns der Erzähler ins machiavellische Karrieremanagement seiner Hauptfigur ein. Atemlos schauen wir zu, wie die Tochter eines amerikanischen Collegeprofessors sich nach oben heiratet, analysiert, bevor sie fühlt, und mit jeder Scheidung reicher wird. Schönheit und Geist setzt sie gewissenhaft zur Knüpfung einflussreicher Kontakte ein und wird in der New Yorker Gesellschaft der Eisenhower-Zeit bald zum unentbehrlichen Fixstern. Unterwegs an die Spitze eines einflussreichen Medienkonzerns, lässt Clara eine Chefredakteurin über ihren Alkoholismus stolpern und verführt, nachdem sie deren Stelle übernommen hat, den Konzernboss durch eine entwaffnende Offenlegung ihrer Strategie.
Mit seinen Millionen gründet sie eine vermögende Stiftung, die ihr erlaubt, in großem Stile Politik zu machen. Dank ihres prophetischen Instinkts und der Überweisung üppiger Parteispenden bietet John F. Kennedy ihr einen Botschafterposten in der Karibik an. Auch wenn die fiktive Republik "Santa Emilia" heißt, können wir uns Louis Auchincloss' Alphafrau mühelos im Kreuzungspunkt der Kubakrise denken. Als der Präsident das Inselparadies für seinen Sandstrand lobt und einen Besuch in Aussicht stellt, verspricht Clara beste Vorbereitung: "Vielleicht arrangiere ich sogar eine Revolution."
Das Erfrischende an diesem abgründig modernen Märchen ist, dass die Heldin sich den ganzen Feenzauber selbst verdient. Mit der Unschuld eines geborenen Raubtiers und den Kabinettstugenden einer Madame Pompadour erfasst sie die diversen Milieus der Macht und erkennt, was sie ihr jeweils zu bieten haben. In einer Kolumne reflektiert Clara über die Damen der Park Avenue, zu denen auch ihre Schwiegermutter zählt: "Aufgrund ihrer Herkunft und ihres Vermögens war Mrs. Hoyd für ihren Mann bei seinem Aufstieg von unschätzbarem Nutzen, danach benötigte er sie im Grunde nicht mehr."
Das Leben als Stilfrage
Die Schwiegertochter dreht das Muster um und entsorgt zu gegebener Zeit die hilfreichen Männer. Der Preis, den sie zahlt, wird klar definiert: "Liebe ist für die Armen", lautet das Geheimnis der Oberschicht, die andere Mittel hat, um sich zu trösten. Und so verwandeln sich alle potentiell tragischen Krisen für Clara wohl oder übel in schwerelose Cole-Porter-Melodien. Als ihr in einem schwachen Moment vor der eigenen Ungeheuerlichkeit graut, versichert ihr eine Freundin, dass jeder dem Plan zu folgen hat, den die Götter für ihn vorgesehen haben. Mit anderen Worten, Auchincloss' Heldin ist einfach zu intelligent für eine sentimentale Existenz oder, wie es ihre Mutter formuliert: "Du solltest deinem Charakter nicht unvernünftig Dinge abverlangen, die er nicht leisten kann; auf diese Weise kommen die größten Fehler zustande."
Einem fatalen Fehltritt entgeht Clara nur knapp, als sie ihren Meister findet. Nicht zufällig handelt es sich um einen Renaissance-Spezialisten, den nicht nur eine frustrierte Mutter, sondern eine ganze Epoche der Intrigen auf den Grabenkampf des Daseins vorbereitet hat. Als stabiler Narziss bringt er Clara bei, auch in der Liebe den Gott nur in sich selbst zu suchen. Zumindest dem Anschein nach gelingt es ihr, ihr stolzes Ich zu retten. Wählt der Kluge bei Louis Auchincloss doch seine Haltungen wie Kleider oder Hüte aus. Das Leben ist eine Stilfrage, und Clara ist zu alt für unerwiderte Passionen.
Der englische Titel des Romans, "Her Infinite Variety", greift eine Zeile aus Shakespeares "Antonius und Kleopatra" auf. Wie die ägyptische Königin, die auf dem Höhepunkt der Schlacht von Antonius zu Oktavian überläuft, behält auch Clara erfolgreich für sich, auf welcher Seite ihr Herz steht und ob man es je gebrochen hat.
F.A.Z.
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