Schweinegrippe in der Ukraine
Knoblauch gegen eine willkommene Panik
Von Konrad SchullerTimoschenko forderte dazu auf, sich selbst Gesichtsmasken zu nähen
04. November 2009
Eine Welle von Grippe- und Erkältungserkrankungen in der Ukraine hat das Land in einen gesellschaftlichen und politischen Fieberzustand versetzt. Nachdem das Gesundheitsministerium in den vergangenen Tagen bekanntgegeben hatte, dass gegenwärtig 255.000 Ukrainer an grippeartigen Symptomen litten und bis zum Dienstagmittag schon 71 Patienten gestorben seien, setzte ein Sturm auf die Apotheken ein, obwohl wegen der mangelnden Analysemöglichkeiten der Ukraine nicht klar war, ob es sich bei den Erkrankungen um die gefürchtete Schweinegrippe handelte oder um die typische Erkältungswelle jedes Herbstes. Politiker aller Couleur nutzten die Gelegenheit, sich für die Präsidentschaftswahl im Januar als entschlossene Krisenbewältiger zu profilieren, und heizten dadurch die Kaufpanik weiter an. Die Regierung stellte neun Verwaltungsbezirke im Westen der Ukraine unter Quarantäne und schloss im ganzen Land die Schulen. Von einer viertel Million Erkrankten in der Ukraine sind allerdings bisher nur etwa zwei Dutzend als Träger des Schweinegrippe-Erregers identifiziert worden, was unter anderem damit zusammenhängt, dass die nötigen Diagnoseausrüstungen im Lande fehlen. Ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf sagte deshalb, es sei "schwer zu sagen", ob der Erreger der Schweinegrippe, das Virus H1N1, für die Erkrankungen in der Ukraine ursächlich sei.
Die Bevölkerung reagierte angesichts der medialen Verstärkung mit Hamsterkäufen von Medikamenten und Gesichtsmasken. Aus dem ganzen Land wurden in den vergangenen Tagen Schlangen an Apotheken vermeldet, und der Informationsdienst der Apotheken in der Hauptstadt Kiew vermeldete, fast überall in der Stadt seien sowohl Masken als auch Erkältungsmittel wie Paracetamol ausverkauft. Angesichts der Engpässe wich die Bevölkerung offenbar auf Hausmittel wie Zwiebeln, Knoblauch und Zitrone aus. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, auf einigen Märkten habe sich der Zitronenpreis vervierfacht. Anderswo war zu lesen, dass das Grippemittel Tamiflu, das die Regierung nach eigenen Angaben für unter zehn Euro pro Packung vom Schweizer Hersteller einkauft, stellenweise für 400 Euro gehandelt werde.
"Bedrohung für die nationale Sicherheit"
Ukrainische Politiker nutzten die Gelegenheit, sich im Präsidentschaftswahlkampf als entschlossene Hüter der Volksgesundheit zu präsentieren. Präsident Juschtschenko, der nach aktuellen Umfragen keine Chance auf eine Wiederwahl hat, sprach von einer "Bedrohung für die nationale Sicherheit" und rief die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Russland, Polen und andere Nachbarstaaten auf, der Ukraine zu helfen. Oppositionsführer Janukowitsch, der derzeit in den Umfragen führt, verlangte den Rücktritt des Gesundheitsministers und behauptete, wenn das Fieber die Hauptstadt Kiew erreiche, werde das die Schuld der Regierung sein. Ministerpräsidentin Timoschenko, die Zweite in den Umfragen, entfachte ein ganzes Feuerwerk von Maßnahmen und Ankündigungen. Ihre Regierung verhängte Quarantänemaßnahmen und schloss Schulen. Sie forderte die Ukrainer auf, sich zum Schutz der Nation selbst Gesichtsmasken zu nähen, und ordnete an, auch die Häftlinge in den Gefängnissen sollten zur Nadel greifen. Insgesamt habe man schon für 98 Millionen Masken Material bestellt. Tamiflu solle gratis ausgegeben werden, und um Apotheker, die Wucherpreise verlangten, müsse sich die Staatsanwaltschaft kümmern.
Zugleich bezichtigten sich ukrainische Politiker wechselseitig, Angst zu schüren. Timoschenko behauptete, "skrupellose Äußerungen" trügen zur "Panik" im Land bei, und Gesundheitsminister Knjasewitsch rief dazu auf, die Stimmung nicht weiter anzuheizen. Nur Parlamentspräsident Litwin (auch er ein Kandidat bei der anstehenden Wahl) gab eine freundliche Prognose: "Die Grippeepidemie in unserem Land wird aufhören, wenn der Präsidentschaftswahlkampf vorbei ist."
F.A.Z.
AFP
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