Krebsforschung
Der Krieg, der unter die Haut geht
Von Joachim Müller-JungAktion gegen Sonnebrand (1998): Warnungen verhallen ungehört
03. August 2004
Eine vermeintlich einfache Lösung für ein Problem anzubieten, dem sich die Medizin seit Jahrzehnten mehr oder weniger machtlos gegenübersieht, klingt ziemlich phantastisch. Wenn es also tatsächlich so wäre, wie amerikanische Wissenschaftler jetzt im Online-Dienst der Zeitschrift "Nature Biotechnology" schreiben, daß man "ein einfaches Verfahren zur Heilung von etablierten Tumoren" der Haut gefunden hätte, könnten allein in Deutschland Zehntausende von Menschen jubeln. Denn an Hautkrebs, um den es in dieser Studie geht, erkranken hierzulande jedes Jahr an die 120.000 Menschen neu. Bei mehr als 11.000 von ihnen wird die besonders beunruhigende Diagnose gestellt: malignes Melanom, schwarzer Hautkrebs.
Eine wirksame Behandlung just gegen diese besonders tückische Form des Hautkrebses zu finden ist ein medizinisches Gebot der Stunde. Die Häufigkeit von schwarzem Hautkrebs ist seit den siebziger Jahren rapide angestiegen. Heute wird er bei knapp sechsmal so vielen Menschen in Deutschland festgestellt wie noch vor dreißig Jahren - Ergebnis einer Unsitte, die auch in diesen Tagen wieder an praktisch jedem Badestrand und auf jeder Balkonliege zu beobachten ist: der fahrlässige Umgang mit der Sonnenstahlung.
Medizin muß Gier nach Bräune "ausbaden"
An der Medizin ist es nun, die Folgen dieser gesellschaftlich sanktionierten Gier nach Hautbräune abzufedern. Doch gerade beim schwarzen Hautkrebs, der oft erst entdeckt wird, wenn er bereits seine entarteten Zellen gestreut und Tochtergeschwülste ausgebildet hat, beißen sich die Forscher die Zähne aus. Im fortgeschrittenen, metastasierenden Stadium gilt er als beinahe unheilbar. Um so dankbarer sind in den vergangenen Jahren immer wieder neue Behandlungsideen aufgegriffen worden. Einige dieser neuen Konzepte sind bereits in Tierversuchen oder ersten klinischen Studien erprobt worden, wie etwa ein inzwischen mit Mitteln der Deutschen Krebshilfe gefördertes Projekt am Universitätsklinikum Erlangen. Ziel ist es dort, die Tumorzellen in der Haut mit gentechnisch veränderten Viren - onkolytischen Viren - zu attackieren und wie bei einer Vireninfektion gewissermaßen zum Platzen zu bringen. Solche Konzepte sind nicht grundsätzlich neu. Entscheidend ist eine "Vereinfachung", die man nun bei der Auswahl der Viren vorgenommen hat. Es werden nämlich gewöhnliche Erkältungsviren verwendet.
Gleich ein paar Schritte weiter in der Vereinfachung der Behandlungstaktik freilich geht jene Gruppe um Richard G. Vile von der Mayo-Klinik in Rochester (Minnesota), die über ihre Experimente jetzt in "Nature Biotechnology" berichtet. Sie hat sich für ihre Experimente an Mäusen die aufwendigen und schwierigen Prozeduren der Tumorzellgewinnung erspart. Bei den klassischen Verfahren zur Krebsimpfung geht es darum, auf den Tumorzellen bestimmte Moleküle zu identifizieren, die vom Immunsystem des Patienten als Antigene erkannt und abgetötet werden. Die Gefahr dabei ist, daß die Körperabwehr Moleküle attackiert, die auch auf gewöhnlichen Hautzellen sitzen. Wenn also Antigene auf den vom schwarzen Hautkrebs befallenen braunen Melanozyten die Immunreaktion auslösen, die auch auf der Oberfläche gesunder Melanozyten sitzen, läuft der Patient Gefahr, seine braunen Hautzellen und damit seine Bräune gänzlich zu verlieren - eine Autoimmunreaktion, die man auch bei Patienten mit Vitiligo, der Weißfleckenkrankheit, findet.
Nebenwirkung wird zur Therapie?
Solche Amokläufe des Immunsystems sind schon beobachtet worden. Vile hat sich nun gefragt, ob man diese fatale Alarmierung des Immunsystems gegen die eigenen Zellen gezielt nutzen kann. Die Nebenwirkung wird quasi zur Therapie. Sie haben ein nacktes Stück Erbsubstanz, ein Plasmid, mit der Erbinformation für ein Streßprotein und der Bauanleitung für das Zellgift Ganciclovir in die Haut eingespritzt. Die Folge war, daß in der immunologisch "alarmierten" Haut zwar ganz normale Melanozyten zugrunde gingen und die Haut verblaßte. Zerstört wurden vom Immunsystem aber offenkundig auch die Tumorzellen in der Umgebung. Wenige Tage nach der Injektion schon ging die Wirkung und nach Meinung der Forscher damit auch die Gefahr einer weiteren immunologischen Entgleisung verloren.
So simpel freilich dieses Konzept auch klingt - einfach ein Stück Erbmaterial in die Haut spritzen -, so ungewiß sind dessen Erfolgsaussichten. Die Wissenschaftler selbst räumen ein, daß beim Menschen nicht nur die Ermittlung der genauen Dosis an Genmaterial schwierig werden dürfte, mit der sich die notwendige Balance zwischen Krebstherapie und Autoimmunkrankheit erzielen läßt. Es ist derzeit auch völlig unklar, gegen welche Antigene die alarmierten Immunzellen eigentlich vorgehen. Derart unwägbare Strategien aber bergen ein Risiko, das kaum jemand zu tragen bereit ist - so einfach sie im Tierexperiment auch erscheinen mögen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2004, Nr. 178 / Seite 30
dpa
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