Logo
Wissen >
- Anzeige -
Brandopfer
Frische Haut zum Sprühen
Von Monika Ettspüler
Anwendungsbox: Aus gesunden Hautzellen wird Spenderhaut gewonnen
 
26. April 2006
Verbrennungen hinterlassen häufig schwere Narben, die die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen. Bisher haben Ärzte solchen Patienten stets Haut von unversehrten Körperteilen auf die Wundflächen transplantiert. Doch nicht immer überzeugt das Ergebnis, denn oft sind die transplantierten Hautareale rauh und unregelmäßig. Unebenheiten und unterschiedlich starke Pigmentierungen verleihen der Haut einen ungewollten Mosaikeffekt. Abhilfe könnte das von einem australischen Unternehmen entwickelte Verfahren "Recell" schaffen, das im vergangenen Jahr in Europa zugelassen worden ist. Im zurückliegenden halben Jahr wurde es außerdem in einer europaweiten Studie in 16 Kliniken auf seine Wirksamkeit hin untersucht, darunter am Rot-Kreuz-Krankenhaus in Kassel, wo zehn Patienten behandelt wurden.
Nach oben
Das Verfahren erlaubt dem behandelnden Arzt in einem Arbeitsgang die Entnahme einer dünnen Spalthaut und die Gewinnung und Aufbereitung der darin enthaltenen Hautzellen. Dies geschieht in einer Art Minilabor, das von der Firma mitgeliefert wird und alles enthält, was für die Behandlung notwendig ist. Etwa 45 Minuten dauert es, bis die so isolierten Zellen wieder appliziert werden können. Wie ein Film legen sie sich beim Aufsprühen auf die zu behandelnde Fläche. Zeitaufwendige Zellkultivierungen in Labors entfallen. Bevor die "Haut zum Sprühen" jedoch aufgebracht wird, muß die Hautoberfläche abgeschliffen und damit Unregelmäßigkeiten geglättet werden. Rund vier Quadratzentimeter Spalthaut reichen aus, um damit 320 Quadratzentimeter abdecken zu können. Das entspricht etwa der Fläche einer Gesichtshälfte. Nach Abschluß der Behandlung wird die Wunde mit einem engporigen Verband abgedeckt, der nach sieben bis zehn Tagen wieder vorsichtig gelöst wird.
Nach oben
Spalthaut nahe der Narben entnommen
Das kleine Stück Spalthaut wird möglichst aus der unmittelbaren Nachbarschaft des vernarbten Areals entnommen. Auf enzymatischem Wege trennt der Arzt die Ober- und Unterhaut, aus der Grenzschicht wird dann eine Mischung verschiedener Zelltypen gewonnen, die teilungs- und migrationsfähig sind. Diese Basalzellen, aus denen sich unter anderem die Hornschicht bildenden Keratinocyten und die für die Pigmentierung zuständigen Melanocyten entwickeln, wandern in das Wundbett ein und beschleunigen den Heilungsprozeß. Offenkundig mit nachhaltigem Erfolg, wie der Kasseler plastische Chirurg Ernst Magnus Noah bestätigt.
Nach oben
Zu den Patienten, die bisher in Kassel behandelt wurden, zählt ein kleines Mädchen, das sich vor drei Jahren rund fünfzig Prozent der Hautoberfläche verbrannt hatte, als seine Kleidung Feuer fing. Drei weitere Patientinnen hatten schwere Verbrühungen im Armbereich davongetragen. Fast zeitgleich mit den Kasseler Ärzten setzte Konrad Wangerin, der Ärztliche Direktor der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Stuttgarter Marienhospital, den sprühbaren Hautersatz bei einem kleinen Jungen aus Usbekistan ein. Das Kind hatte schwerste Verbrennungen davongetragen, nachdem es vor zwei Jahren mit einem Starkstromkabel in Berührung gekommen war. Seine vernarbte Stirn wurde nach einer ganzen Reihe chirurgischer Eingriffe mit Recell behandelt.
Nach oben
Gute Ergebnisse
Die bisherigen Beobachtungen zeigen nach Auskunft der Mediziner, daß mit dem neuen Epidermisersatz gute Ergebnisse erzielt werden können. Die Patienten sind schmerzfrei und die behandelten Hautareale mittlerweile verheilt. Die Oberfläche fühlt sich glatt und weich an. Außerdem können Farb- und Strukturunterschiede angeglichen, zum Teil sogar beseitigt werden. Durch den Wegfall der Transplantation vereinfacht sich auch der Heilungsprozeß. Dennoch glauben die Chirurgen auf absehbare Zeit auf die klassische Spalthauttransplantation nicht verzichten zu können, insbesondere wenn es um die Rekonstruktion der Epidermis bei tieferen Verletzungen, Infektionen oder chronischen Wunden geht.
Nach oben
Unterdessen denken die Fachleute darüber nach, das Sprühverfahren nicht nur auf Verbrennungs- und Narbenkorrekturen zu beschränken. Sie sehen auch gute Chancen bei der Behandlung der Weißfleckenkrankheit, der sogenannten Vitiligo. Um diese Pigmentstörung in den Griff zu bekommen, entnimmt man auf konventionellem Wege zunächst ein Hauttransplantat, aus dem dann die noch gesunden Melanocyten isoliert und in großer Zahl gezüchtet werden. Nach etwa drei Wochen erfolgt der zweite Eingriff, bei dem die Pigmentzellen wieder in die Haut reimplantiert werden. Bei einer Kasseler Patientin konnte jetzt nachgewiesen werden, daß sich auch mit dem Recell-Verfahren funktionsfähige Melanocyten ausdifferenzieren lassen. Drei Wochen nach dem Eingriff zeigten sich erste braune Flecken auf den weißen Stellen.
Nach oben
 
F.A.Z., 26.04.2006
picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
Zum Thema
Heilende Haut von Ungeborenen >
 
Zum Ressort >
Weitere Themen
Homepage >, Politik >, Wirtschaft >, Feuilleton >, Sport >, Gesellschaft >, Finanzen >, Reise >, Auto >, Computer >, Beruf & Chance >, Kunstmarkt >, Immobilien >, Rhein-Main-Zeitung >
© F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001-2009