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Küche
Zwischen Werkstatt und Showroom
Von Birgit Ochs
Revolutionär: Die 1926 entwickelte "Frankfurter Küche" war die erste serienmäßig angefertigte Einbauküche
 
02. Februar 2009
In New York soll es Mode sein, sich Wohnungen ohne Herd, Spüle und Kühlschrank zu leisten, weil man ohnehin stets auswärts isst. Aber das ist wohl ein Gerücht. Denn auch in der Stadt am Hudson River macht die Küche aus Haus und Apartment erst ein richtiges Zuhause, und je schicker und trendiger sie aussieht, desto besser. Da spielt es keine Rolle, ob die Besitzer sie nur zum Kaffeekochen nutzen oder um eine Sushi-Box kalt zu stellen.
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"Design ist zweifellos gefragt", sagt Georg Emprechtinger, "denn die Küche zeigt man heute gern her." Emprechtinger ist Geschäftsführer von Team 7. Der österreichische Hersteller vertreibt seine Produkte rund um den Globus und hat beobachtet, dass es einen internationalen Trend gibt: Die Küche erobert den Raum - in Wien wie in Budapest, Hamburg, Dubai oder Miami.
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Edelküchenanbieter auf dem Vormarch
Warum eigentlich sollen Küchen immer gerade sein? Ist doch langweilig. Der Künstler Uwe Jähnichen baute sich eine schräge
Die Edelküchenanbieter wie Bulthaup, Poggenpohl und auch Team 7 sehen Herd, Spüle und Co. bereits auf dem Vormarsch mitten hinein in weitläufige Wohnlandschaften. Zumindest halten sie ein entsprechendes Angebot parat. In der oberen Luxusklasse zahlen Kunden durchaus 100.000 Euro, manchmal sogar um die 150.000 Euro für eine Ausstattung, die weit über das hinausgeht, was zur Alltagstauglichkeit nötig ist. "Darum geht es in dieser Preisklasse dann nicht mehr", räumt Emprechtinger ein, der sich im Übrigen nicht daran erinnern kann, dass sein bisher größter Auftraggeber ein besonderes Faible fürs Kochen gehabt hätte.
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Die Masse besitzt weder Geld noch Raum im Überfluss. Doch auch für den Durchschnittshaushalt gilt: "Die offene Küche liegt im Trend." Das diagnostiziert Roger Mandl, Innenarchitekt und Buchautor. Zwei Phänomene der jüngeren Zeit gelten als Ursache dafür, dass die Küche nicht mehr eingepfercht zwischen zwei Wänden in einem schmalen Raum ihren Platz findet. Erstens wird heute insgesamt weniger und anders gekocht. Immer öfter bleibt in vielen Haushalten die Küche kalt, oder die Bewohner bereiten ein Schnellgericht aus ganz oder zum Teil fertigen Zutaten.
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Früher gehörte zu einer Küche auch eine Katze - an dieser Tradition hält diese Frau in Russland fest
Für das alltägliche Kochen ist häufig nur wenig Zeit - auch in Familien. Wo es der Fond aus dem Glas tut, müssen nicht mehr stundenlang Markknochen und Suppenfleisch köcheln. Sauerkraut und andere Kohlarten dominieren im Winter längst nicht mehr den Speiseplan, so dass der durchdringende Geruch des Gemüses nur noch ausnahmsweise durch die Wohnung wabert. Es gibt daher vielfach keinen zwingenden Grund mehr, den Herd in einen abgeschlossenen Raum zu verbannen.
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Kochen als Erlebnis
Zweitens ist Kochen für viele zum Erlebnis geworden, das sie gern mit anderen teilen. Gemeinsam Salat putzen, Ente à l'Orange und andere Köstlichkeiten brutzeln - und später dann im Laufe eines langen Abends zusammen speisen und guten Wein genießen ist längst zum verbindenden Element vieler Freundschaften geworden. Wofür zwischen Montag und Freitag wenig Zeit bleibt, das wird am Wochenende ausgiebig zelebriert. Was werktags eher lästige Pflicht ist, wandelt sich des Samstags zur Kür. Dann ist es nicht mehr nur Voraussetzung, um sich eine warme Mahlzeit zu bereiten, sondern Spaß, Entspannung, Freizeitgestaltung.
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So wie diese russische Küche sahen früher auch viele in Deutschland aus
"Die Kochinseln sind daher sehr beliebt", berichten übereinstimmend Carola Kochner und Thomas Zoller von den Fertighausanbietern Schwörer und Baufritz über ein gefragtes Element der zeitgenössischen Küchengestaltung. Ob der Block tatsächlich frei steht oder an eine Wand angrenzt, ist eine Frage des Geschmacks und der Raumgröße. Vor allem ist eine wohnliche Atmosphäre gefragt. Der Weg zwischen Esstisch, Kochfeld und Kühlschrank soll kurz sein.
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Kombination in schwarz
"Die Hauptaufgabe ist es, die Küche in den Wohnraum zu integrieren", sagt Planer Mandl. Damit die Küche nicht nur als Werkstatt den praktischen Anforderungen genügt, sondern auch ansehnlich ist, muss sich ihre Fassade bestens in das Wohnumfeld fügen. "Die Oberflächen werden aufwendiger", hat Mandl beobachtet. Helle, glänzende Fassaden sind zurzeit in Mode. Beliebt sind Weiß und Creme. "Trendfarbe ist Magnolie", sagt Carola Kochner.
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Kochen soll in der modernen Wohnküche nicht mehr hinter verschlossenen Türen stattfinden
"Auch Schwarz als Kombinationsfarbe ist in", ergänzt Thomas Zoller. Holz sei weniger gefragt, und wenn, dann in edlem dunklen Nussbaum. Darauf setzt der Hersteller Team 7. Der Begeisterung für die Lackoptik begegnen die Österreicher, indem sie die Front ihrer Vollholzküchenmöbel mit farbig emailliertem Glas versehen. "Hochwertig, kratzfest und ungiftig", nennt Emprechtinger die Vorteile. Die Küchenplaner von Baufritz haben für die aktuelle Kollektion auf ein als Fußbodenbelag altbewährtes, als Küchenfassade eher seltenes Material gesetzt: Linoleum.
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Fließender Übergang
Wie auch immer: "Der Übergang soll fließend sein, die Materialien in Küche, Ess- und Wohnbereich werden aufeinander abgestimmt", sagt Mandl. Zunehmend setzt sich die "grifflose Küche" durch. Die Front wirkt dadurch ruhiger, dezenter, eleganter. Lange Zeit in der Küche verpönt, findet nun längst auch Parkett rund um den Herd Akzeptanz als Bodenbelag. Der Vorteil: ein einheitlich, bruchlos verlegter Fußboden auf der Etage unterstreicht den offenen Charakter.
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Rollenspiel in der modernen Wohnküche: Mann kocht abfallfrei, Frau trinkt derweilen Tee
"Die Küche muss sich architektonisch zurücknehmen, damit sie im Raum nicht zum Fremdkörper wird", ergänzt Emprechtinger. Für die prominent plazierten Kochinseln bietet Team 7 zum Beispiel höhenverstellbare Module, die sich je nach Bedarf per Knopfdruck vom Arbeitsplatz in eine Bar verwandeln.
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Die Technik hat ihren Preis. Solche Extras kosten ein paar Tausender mehr. Im Durchschnitt geben die Deutschen nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung 5335 Euro für die Küche aus. Schwörer-Kunden zahlen meist zwischen 10.000 und 12.000 Euro, aber auch 15.000 bis 20.000 Euro. Bei Team 7 sind Preise zwischen 20.000 und 50.000 Euro keine Seltenheit.
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Den Trend machen die Hersteller
An diesem Tresen fehlt nur noch Roger Moore als James Bond im Dinnerjackett: Wohnküche im Retrostil der Siebziger
"Vieles am Trend ist von den Herstellern gemacht", urteilt die Architektin Ute Schauer. Die Darmstädterin hat unter anderem den Umbau einiger Wohnhäuser aus den fünfziger Jahren betreut, zu dem immer die Küche zählte. Auch ihre Kunden wollten die Küche aus der Zeile lösen und wünschten sich mehr Offenheit, um Kochen, Essen und Wohnen zu verbinden.
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Allerdings: Viel Platz wollten sie dafür nicht opfern. "Der Anspruch ist groß, doch bei den Quadratmetern wird gespart", erzählt die Architektin. Das deckt sich mit den Angaben Zollers und Kochners. Zwischen 6 und 8 Quadratmeter räumen die Schwörer-Kunden der Küche im Schnitt ein. Um 8 bis 10 Quadratmeter nennt Ute Schauer als Richtgröße.
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Keine Rückzugsorte
Die Küche soll kein Arbeitsraum mehr sein, sondern Teil des Wohnbereichs
Jeder Quadratmeter für die Gemeinschaftsfläche fehlt schließlich, um Rückzugsorte für den Einzelnen zu schaffen. Thomas Zoller hält es für sinnvoll, sich bei der Küchenplanung nicht im Raum zu verlieren. "Wenn ich mehr als zwei Meter zwischen Schränken, Kühlschrank, Herd und Spüle zurücklegen muss, wird's unpraktisch", sagt er.
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Küchenfachmann Mandl rät, sich frühzeitig im Planungsprozess Gedanken darüber zu machen, welche Anforderungen die Küche erfüllen muss. Ein Fehler, den er immer wieder beobachtet, ist zu knapp kalkulierter Stauraum. Und auch wenn die Kochgewohnheiten sich geändert haben, empfiehlt er, nicht auf ein gutes Dunstabzugssystem zu verzichten.
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Wohin mit dem Chaos?
Eine Küche, wie sie vor 50 Jahren modern war: Gregory Peck mit Jennifer Jones im Film "Der Mann im grauen Flanell"
Bleibt das Problem, wie man das Chaos in der offenen Küche verbirgt. Die Experten werben für die Theken-Lösung. Im Schutz der Theke verschwindet schmutziges Geschirr wie auch fettige Pfannen. Architektin Schauer rät, Nischen im Raum zu nutzen. Manchmal lässt sich die Spüle in einer Ecke unterbringen oder seitlich.
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Ein halbhohes Regal leistet Sichtschutz. Allerdings kann auch die beste Planung die Bewohner nicht ganz entlasten: "In einer offenen Küche muss man einfach mehr Ordnung halten", sagt Schauer.
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F.A.S.
dpa, Jo Diener, Schwörer Haus, Cinetext Bildarchiv
 
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