Impressionismus und Moderne
Mit der Phantasie des Genies
Von Lisa ZeitzKees van Dongen, „Jeune Arabe“ von 1910/1911, Öl auf Leinwand, 102 mal 65 cm (Taxe 7/10 Millionen Dollar)
01. November 2009
Die New Yorker Abendauktion bei Christie's am 3. November umfasst vierzig Lose, mit einer mittleren Gesamtschätzung von rund 83 Millionen Dollar. Bei Sotheby's am 4. November sind es immerhin 68 Lose, die mehr als hundert Millionen Dollar einspielen sollen. So manch ein Werk kommt bei beiden Auktionshäusern mittlerweile in eine Abendauktion, das es früher gerade einmal in einen "Day Sale" geschafft hätte.
Sotheby's schmückt sich mit Einlieferungen aus berühmten Sammlungen, wie der des großen Philanthropen Arthur Sackler mit einem Bild von Kandinsky oder der legendären Pariser Kunsthändlerfamilie Durand Ruel, die Werke von Pissarro, Sisley und Renoir anzubieten hat. Andere Einlieferungen bleiben anonym, zumindest für eine Weile.
"Avant la course" von Edgar Degas
Pablo Picasso, „Claude à deux ans“ von 1949, Öl auf Leinwand, 130 mal 97 cm (Taxe 5/7 Millionen Dollar)
Hinter der Formulierung "Property from an Important European Collection" verbirgt sich der Financier Louis Reijtenbagh, der jüngst Schlagzeilen als "niederländischer Madoff" machte. Er liefert insgesamt 39 Werke impressionistischer und moderner Künstler bei Sotheby's ein, die zeitweise als Sicherheit für Kredite der Banken JP Morgan Chase und ABN Amro gedient haben. Er lässt jedoch verlauten, dass die Bilder frei von finanziellen Verbindlichkeiten seien.
Das kleine Ölbild "Avant la course" von Edgar Degas hat Reijtenbagh im Mai 2004 bei Sotheby's berühmter Auktion von Werken aus der Sammlung des Ehepaars John und Betsy Whitney ersteigert - in derselben Auktion ging auch Picassos "Garçon à la Pipe" mit einen Hammerpreis von 93 Millionen Dollar als höchster Auktionspreis aller Zeiten in die Geschichte ein. Degas' kleines Bild mit den erwartungsvoll tänzelnden Pferden und ihren hochkonzentrierten Jockeys kurz vor dem Rennen war 2004 auf fünf bis sieben Millionen Dollar geschätzt, aber Reijtenbagh erhielt den Zuschlag schon bei einem Hammerpreis von 3,9 Millionen Dollar.
André Derain, „Barques au port de collioure“ um 1905, Öl auf Leinwand, 60 mal 73 cm (Taxe 6/8 Millionen Dollar)
Jetzt liegt die Erwartung bei vier bis sechs Millionen Dollar. Noldes Blumenbild "Üppiger Garten" von 1945 kaufte Reijtenbagh bei der Galerie Cazeau-Béraudière in Paris und hofft nun auf zwei bis drei Millionen Dollar. Auch Kees van Dongens annähernd lebensgroßes Bildnis eines "Jeune Arabe" aus dem Jahr 1910, bei dem sich der Einfluss von Matisse bemerkbar macht, stammt aus der Sammlung von Reijtenbagh; der selbstbewusste Jüngling mit bloßem Oberkörper inspirierte den Künstler bei einer Reise nach Nordafrika im Winter 1910. Mit einer Taxe von sieben bis zehn Millionen Dollar könnte das Los eines der teuersten Werke des Abends werden.
Eine Ikone des Existenzialismus
Die höchsten Schätzungen von je acht bis zwölf Millionen Dollar tragen ein Spätwerk von Picasso und eine Bronze von Alberto Giacometti. Picassos fast zwei Meter hohe Leinwand "Buste d'homme" aus dem Jahr 1969 ist Teil des grandiosen Pantheons aus Musketieren, Toreros und Figuren, die zuletzt die Phantasie des alternden Genies beflügelte. Der bärtige Mann mit knallgelbem Hut und weißen Spitzenmanschetten thront würdevoll vor einem himmelblauen Fenster - dabei spielen die Pinselstriche verrückt, indem sie kreiseln, tropfen und schmieren und die ganze Palette Mal- und Lebenslust zur Schau stellen.
Pablo Picassos Gemälde „Buste d'homme” von 1969, 195 mal 130 cm (Taxe 8/12 Millionen Dollar)
Existenzangst dagegen verkörpert Giacomettis "L'homme qui chavire" (Taxe 8/12 Millionen Dollar), ein Guss von 1951, aus einer Edition von sechs Stück. Permanent im Fall gefangen, veranschaulicht die rund sechzig Zentimeter hohe Bronze Unsicherheit und Kontrollverlust. Sie wurde zu einer Ikone des Existentialismus. Garantien wurden in dieser Saison kaum vergeben. Eine Ausnahme hat Sotheby's jedoch für Picassos Kinderbildnis "Claude à deux ans" von 1949 gemacht, für das schon ein verbindliches Gebot vorliegt und daher auch im Katalog als "irrevocable bid" gekennzeichnet ist. Die Taxe liegt bei fünf bis sieben Millionen Dollar.
Baronin Hilla von Rebay als Beraterin
Der amerikanische Psychiater und Geschäftsmann Arthur Sackler (1913 bis 1987), dessen Name einige Museen und Universitäten ziert, legte verschiedene Sammlungen an, die so unterschiedliche Kategorien wie italienische Kleinbronzen, chinesische Möbel, die Malerei der Impressionisten und seine eigenen Zeitgenossen umfassten. Seine Nachkommen verkaufen nun unter anderem Kandinskys rund hundert mal 125 Zentimeter große Leinwand "Krass und Mild" aus den letzten Monaten des Künstlers am Bauhaus in Dessau im Frühjahr 1932.
Wassily Kandinskys Gemälde „Krass und Mild“ von 1932, 100 mal 120 cm (Taxe 6/8 Millionen Dollar)
Solomon Guggenheim, beraten von der Kandinsky-Freundin Baronin Hilla von Rebay, kaufte das Gemälde und insgesamt 170 weitere seiner Werke. Aus diesem Schatz ließ das Guggenheim Museum 1964, Jahre nach dem Tod des Sammlers, fünfzig Kandinsky-Bilder bei Sotheby's in London versteigern, die damals zusammengenommen nur rund 1,5 Millionen Dollar erzielten. Hier konnte Arthur Sackler zugreifen. "Krass und Mild" ist jetzt auf sechs bis acht Millionen Dollar geschätzt.
Camille Pissarros "Le Quai Malaquais et l'Institut"
Auch Christie's hat ein Bild von Kandinsky im Programm, das 1964 in der gleichen Auktion von der Guggenheim Foundation abgestoßen wurde. Der hauptsächlich aus Dreiecken komponierte "Winkelschwung" aus dem Jahr 1929 gehörte seit 1966 dem Wall-Street-Bankier Jack Dreyfus, aus dessen Nachlass das Bild nun zur Auktion kommt (1,5/2,5 Millionen). Dreyfus war auch der Besitzer eines Spätwerks von Matisse. Das collagierte Rundbild mit fast zwei Meter Durchmesser diente als Entwurf für ein New Yorker Kirchenfenster (3/4 Millionen).
Alberto Giacomettis Bronze „L'homme qui chavire“ von 1950/1951, 59 cm hoch (Taxe 8/12 Millionen Dollar)
Bei Christie's ist nun auch wieder Camille Pissarros Gemälde "Le Quai Malaquais et l'Institut" von 1903 aufgeführt, das 1938 von den Nationalsozialisten aus der Sammlung des Verlagsgründers Samuel Fischer in Wien konfisziert und erst kürzlich restituiert wurde, nachdem seine Enkelin, Gisela Berman Fischer, jahrelang nach dem Bild gesucht hatte und es endlich in einem Banksafe in Zürich aufspüren konnte. Eigentlich sollte die Pariser Straßenszene schon im Juni versteigert werden, wurde aber kurzfristig von der Auktion zurückgezogen (siehe Artikel auf dieser Seite). Jetzt liefern Gisela Fischer und Samuel Fischers Urgroßenkel Itai Shoffman das Werk gemeinsam ein (1,5/2 Millionen).
Ein Doppelbildnis von Christian Schad
Zu den Highlights des Abends zählen außerdem Piet Mondrians quadratische "Composition II, with Red" von 1926, die fünf weiße Felder mit einem hauchdünnen roten Abschnitt ausbalanciert (4,5/6,5 Millionen) und Edgar Degas' zartes Pastell "Danseuses" von 1896 (7/9 Millionen). Die höchste Schätzung gilt an diesem Abend Picassos "Tête de femme" (7/10 Millionen), einem abstrakten Porträt aus geometrischen Formen vor rotem Grund, das der Künstler während des Krieges in Paris malte. Vielleicht hatte er seine damalige Lebensgefährtin Dora Maar vor Augen, deren extravaganten Kopfbedeckungen Aufsehen erregten.
Balthus, „Étude pour se lever” von 1974, Bleistift auf Papier, 100 mal 70 cm (Taxe 400.000/600.000 Dollar)
Aus einer amerikanischen Privatsammlung stammt ein seltenes Beispiel der Neuen Sachlichkeit, Christian Schads Doppelbildnis zweier Freundinnen im Profil von 1930. Es ist als Auftragsarbeit für das Magazin Uhu in Berlin entstanden und zeigt die Freundin des Künstlers, Maika Lahmann mit dunklem Pagenkopf, mit einer anonymen braungelockten Begleiterin, basierend auf einem Foto der Fotografin Elsa Neuländer-Simon, genannt Yva. Vor acht Jahren hat es bei Sotheby's in London umgerechnet rund 230.000 Dollar inklusive Aufgeld eingespielt. Jetzt liegt die Taxe bei 500.000 bis 700.000 Dollar.
F.A.Z.
Sotheby's
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