Wimbledon
Neue Taktik, neue Erkenntnisse
Von Peter Penders, LondonGestärkt im Spätherbst seiner Karriere: Tommy Haas
03. Juli 2009
Wieso spielt einer im Spätherbst seiner Karriere plötzlich so auf, wie es viele schon immer von ihm erwartet haben? Die Gründe für den Aufschwung von Tommy Haas mögen vielfältig sein, aber den vielleicht wichtigsten gab er nach seinem Einzug ins Halbfinale nebenbei preis. Deutschlands bester Tennisspieler sprach plötzlich davon, dass man erkennen müsse, welch großes Privileg es sei, den Sport ausüben zu können, den man liebe, und dieses Leben leben zu können, das man habe. Es waren gänzlich ungewohnte Töne bei einem, der immer ein wenig zu glatt dahergekommen war, der selten etwas von dem preisgegeben hatte, was ihn außerhalb der Linien eines Tennisplatzes beschäftigte, und es klang sogar etwas Demut und Bescheidenheit durch - zwei Wesenszüge, die bisher nicht zwingend mit ihm in Verbindung gebracht worden waren.
Es ist schwer, das eigene Image zu verändern, wenn man erst einmal in einer Schublade gelandet ist, vielleicht sogar in Deutschland schwerer als anderswo. Andre Agassi etwa hat das geschafft, aus dem Tennisrebell, der am Anfang seiner Karriere das ganze Establishment in Frage stellte, der zwischendurch zeitweise mit eigenem Jet zu Turnieren anreiste, das Antrittsgeld kassierte und bei erster Gelegenheit wieder weiterflog, war später der "elder statesman" der gesamten Sportart geworden, dem alle an den Lippen hingen, wenn er seine fast schon philosophischen Gedanken zum Tennis kundtat.
Spielerisch immer einer der Besten
Ein neuer Haas: In Wimbledon könnte er seine Karriere krönen
Agassi hatte irgendwann aus seinen Fehlern gelernt, und dieser Weg zur Erkenntnis kann manchmal dauern. Auch Haas hat seine bitteren Lektionen hinter sich, nicht nur die Schulterverletzungen, die ihn beinahe die Karriere gekostet hätten. Er hat lange nicht erkannt, dass sein Körper das größte Kapital ist. Die Geschichte seiner Suche nach einem Physiotherapeuten, der ihn auf der Tour begleitete, schien eine unendliche Geschichte zu werden. Er wechselte die Trainer, suchte offensichtlich selten die Schuld bei sich, aber nun hat er sein Puzzle anscheinend zusammengesetzt. "Es ist toll, ihn wieder so stark zu sehen nach all den Operationen. Wir sind miteinander befreundet, und ich freue mich riesig für ihn. Er war spielerisch immer einer der besten Akteure auf der Tour", sagt sein Halbfinalgegner an diesem Freitag (14 Uhr), der große Titelfavorit Roger Federer, der zum 21. Mal nacheinander das Semifinale eines Grand-Slam-Turniers erreicht hat. Im anderen treffen die große britische Hoffnung Andy Murray und der Amerikaner Andy Roddick, der sich in fünf Sätzen gegen den Australier Lleyton Hewitt durchsetzte, aufeinander.
Seit ein paar Monaten arbeitet Haas wieder mit seinem früheren Trainer Thomas Hogstedt, dazu hat er mit Alex Stober den früheren Physiotherapeuten von Pete Sampras an seiner Seite. Das Ergebnis der vergangenen Monate ist verblüffend und eine Warnung selbst für Federer. "Ich sollte besser einen guten Start erwischen, sonst kann es wieder so ein enges Spiel werden wie bei den French Open", sagte der Schweizer. Da hatte er nach einem 0:2-Satzrückstand nur knapp das Ausscheiden gegen Haas verhindern können, ein paar Tage später aber mit dem Triumph im Endspiel seinen Karriere-Grand-Slam vollendet. "Im Nachhinein bin ich froh, dass ich nicht gewonnen habe", sagt Haas.
Der älteste Spieler im gesamten Teilnehmerfeld
Perfektes Serve. . .
Das aber hat er in den vergangenen Wochen ausgiebig nachgeholt, er ist in dieser Rasensaison nach dem Turniersieg in Halle ungeschlagen auf dem einst ungeliebten Untergrund. Wer ihn in Wimbledon spielen sah, mag kaum glauben, dass Haas einst immer froh war, wenn die Rasensaison beendet war. Gegen den Serben Novak Djokovic trumpfte er im Halbfinale mit Serve and Volley auf, als habe er immer so gespielt. "In meinem Alter ist es besser, einfache Punkte zu gewinnen", sagt Haas zu seiner neuen Taktik.
Er ist mit 31 Jahren der älteste Spieler im gesamten Teilnehmerfeld, aber auf seine alten Tage scheint Haas bestens vorbereitet zu sein, Verpasstes doch noch nachzuholen. "Ich habe ein paar mehr Meilen herunter als die anderen", sagt er, aber, um im Bild zu bleiben, er stand zwischendurch ja immer mal wieder monatelang unbewegt in der Garage, ist deshalb noch ganz gut in Schuss und beileibe kein Auslaufmodell. Vielleicht hat ihn die letzte Operation gelehrt, dass alles auch ganz plötzlich vorbei sein könnte. "Unsere Karrieren enden mit 33, 34, 35 Jahren, und dann hat man ja noch ein ganzes Leben vor sich. Wenn man dann zurückblickt, will man sagen können, ich habe alles versucht", sagt Haas.
Gänzlich ungewohnte Töne
. . .und volley: Tommy Haas hat den Schlüssel zum Rasenspiel gefunden
Diese plötzliche Reflexion des eigenen Tun und Handelns und die richtigen Menschen im Umfeld, vermutlich mit seiner Verlobten Sara Foster an der Spitze, ergeben ein völlig neues Bild von Tommy Haas. Mehr oder weniger aufgewachsen in Florida, erschien er den Deutschen, typisch amerikanisch eben, immer ein wenig oberflächlich. Mit der von den Erfolgen von Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich verwöhnten Heimat hatte er es nicht immer einfach, aber die Heimat hatte es auch nicht immer einfach mit ihm, der sich mitunter wie ein verwöhntes und trotziges Kind gerierte.
"Alles passiert aus irgendeinem Grund, ich hatte viel Pech und habe gleichzeitig das Glück, immer noch dabei zu sein. Das darf man alles nicht als selbstverständlich ansehen. Ich habe einen guten Freund, der hat hier immer nur Qualifikation gespielt und es nur einmal ins Hauptfeld geschafft. Auch so etwas sollte man nicht vergessen", sagt Haas. Es sind gänzlich ungewohnte Töne von ihm, und die letzten Jahre seiner Karriere können noch gute Jahre werden. Einen Spalt steht die Tür offen.
F.A.Z.
AP, AFP, REUTERS
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