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Blutdoping
Claudia Pechstein für zwei Jahre gesperrt
Von Anno Hecker
Deutscher Eisschnelllaufstar: Claudia Pechstein
 
04. Juli 2009
"Und jetzt auch Claudia?" Pause am Telefon. Armin Baumert hat am Freitagabend erst einmal tief Luft geholt. Deutschlands qua Amt oberster Anti-Doping-Bekämpfer kennt die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin, die fünfmalige Goldmedaillen-Gewinnerin, nur als Glückskind. Aus seiner Zeit als Leiter des Olympiastützpunktes in Berlin. "Sie ist so offen mit der Vereinigung umgegangen. Sie war eine Vorzeigeathletin. Aber jetzt ist ihre Karriere kläglich zu Ende gegangen, wenn das denn stimmt", sagte der Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) wenige Minuten nach der nächsten Schreckensnachricht für den deutschen Sport.
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Claudia Pechstein, das teilte die Internationale Eislaufunion (ISU) mit, ist wegen Blutdopings von der Disziplinarkommission des Verbandes für zwei Jahre bis zum Februar 2011 gesperrt worden. Es gibt zwar keine positive Probe, aber "auffällige Werte und auffällige Veränderungen der Werte in einer Serie von Tests" während der Mehrkampf-Weltmeisterschaften am 7. und 8. Februar 2009 in Hamar überzeugten die Mehrzahl der Kommissionsmitglieder von einem schweren Doping-Fall.
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"Es gibt keinen positiven Befund"
Mit einer von vielen Goldmedaillen (Dezember 2006)
Pechstein will das Urteil nicht akzeptieren und beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne Berufung gegen die Sperre einlegen. Für sie sprach in der Öffentlichkeit vorerst nur ihr Anwalt: "Es gibt keinen einzigen positiven Befund", sagte Simon Bergmann der Deutschen Presse-Agentur, "sie ist aufgrund von Indizien verurteilt worden." Das ist kein ungewöhnlicher Vorgang mehr im internationalen Sport. Skilangläufer aus Österreich sind nach einer Razzia von Polizei und Doping-Fahndern während der Olympischen Winterspiele in Turin und Sestriere allein aufgrund erdrückender Hinweise aus dem Verkehr gezogen worden.
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Auch in diesen Fällen hatte es keine positiven Testergebnisse gegeben. Aber harte Fakten: Spritzen und medizinisches Gerät in der Unterkunft der Athleten, die vor allem bei Blutdoping eingesetzt werden. Im Fall Pechstein beruft sich die ISU auf die Abweichungen vom Blutprofil der Deutschen. Seit einige Verbände ihren Spitzensportlern Blutpässe verordnet haben, lassen sich Schwankungen der Werte und die Gründe dafür leichter erkennen. Demnach soll bei Claudia Pechstein der Wert der Retikulozyten, das sind junge rote Blutkörperchen, Transporteure des Sauerstoffs in die Zellen, erhöht gewesen sein.
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"Die Sicherheit ist sehr hoch"
Nach ihrem Lauf über 5000 Meter in Turin 2006, der ihr die Silbermedaille brachte
Die Disziplinarkommission sollte aber kaum allein aufgrund des Retikulozyten-Parameters eine Entscheidung getroffen haben, die im Falle eines Fehlers hohe Schadensersatzforderungen nach sich zöge. "Wer eine zweijährige Sperre ausspricht, hat sicher eine Vielzahl von Parametern zur Hand. Die statistische Sicherheit ist sehr hoch", sagte ein Analytiker auf Anfrage zum generellen Umgang mit Indizien: "Anhand solcher Werte lässt sich schon Blutdoping, in welcher Form auch immer, nachweisen." Dass die ISU die Retikulozyten in den Mittelpunkt ihrer vorerst dürren Urteilsbegründung rückte, hängt mit der anschaulichen Wirkung von Blutdoping auf die Zahl der Blutkörperchen zusammen. Bei einer zurückliegenden Eigenblut-Infusion, einer verbotenen Methode, verringert sich die Quantität der Retikulozyten signifikant. Nimmt man das im Sport untersagte Medikament Erythropoetin, dann steigt nicht nur die Ausdauerleistungsfähigkeit. Auch die Zahl der Zellen nimmt kurz nach der Einnahme laut Aussagen eines Experten "dramatisch" zu.
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Der Vergleich von älteren Blutpass-Werten mit Daten aus jüngeren Doping-Kontrollen hat übrigens zu fünf Verfahren geführt, die allerdings noch nicht abgeschlossen sind. Auch Claudia Pechstein hält ihren Fall nicht für erledigt. So sickerte am späten Freitagabend durch, Deutschlands einstiges Goldstück stütze seine Verteidigung auf eine Schwäche des Urteils: Demnach sei nur ein einziger Blutwert abnormal gewesen. Die komplexe Affäre hat auch den Deutschen Olympischen Sportbund bewogen, vor einer Stellungnahme zunächst die Fakten zu prüfen. An diesem Samstag will er sich zu Wort melden.
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Ungewöhnlicher Leistungssprung
Bei einer Preisverleihung in Berlin (September 2006)
Im Fall Pechstein wird nun nicht nur die Blutkonsistenz heftig diskutiert werden. Aus Sicht der ISU-Kommission fügt sich wohl auch der Karriere-Verlauf ins Bild. Im Winter war der Berlinerin, seit 2007 trainiert sie ohne ihren langjährigen Coach Joachim Franke in Norwegen, im Vergleich zu früheren Jahren ein Leistungssprung gelungen, was ungewöhnlich ist für eine Athletin zum Ende ihrer Laufbahn. Sie siegte beim Weltcup in Moskau mit hervorragenden Zeiten, erstmals wieder seit Jahren. Im Januar gewann sie die Mehrkampf-Europameisterschaften in Heerenveen, zum dritten Mal nach 1998 und 2006. Die Weltmeisterschaften im Mehrkampf in Hamar verließ sie aber nach dem ersten Wettkampftag wegen einer Grippe, wie sie mitteilen ließ. Dort war es zu der Wettkampfkontrolle gekommen, die ihr nun laut ISU zum Verhängnis wurde.
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Pechstein verschwand dann von der Bildfläche. Sie verzichtete auf die Einzelstrecken-WM. Die Form nach Hamar, hieß es, habe ihren Ansprüchen nicht mehr genügt. Im März aber kursierten Gerüchte über Doping mit deutscher Beteiligung. Die niederländische Moderatorin und ehemalige Eisschnellläuferin Ria Visser hatte im Fernsehen ihres Landes Pechstein des Dopings beschuldigt. Der Journalistin drohten die Deutschen zwar mit rechtlichen Schritten. Dazu kam es aber nie. Diese Woche begründete die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft ihren Verzicht mit dem Hinweis auf die hohen Kosten.
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F.A.Z.
AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
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