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Claudia Pechstein im Interview
„Man kann mich nicht an die Leine nehmen“
Zu schnell für Frauen-Gruppen: "Ich habe jahrelang mit Männern trainiert"
 
08. Februar 2008
Heimspiel für Claudia Pechstein: Die 35 Jahre alte Eisschnellläuferin zählt zu den aussichtsreichsten Starterinnen bei den Mehrkampf-Weltmeisterschaften am Wochenende in Berlin. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über alte Schuhe, neue Reize und die immer junge Altersfrage.
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Können Sie sich das Eisschnelllaufen überhaupt noch lange leisten?
Das verstehe ich jetzt nicht.
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Immerhin sind Sie von Berlin nach Norwegen gezogen - in eines der teuersten Länder Europas.
Ach, nee, es ist nicht ganz so: Ich hatte mich der norwegischen Trainingsgruppe im vergangenen Juni angeschlossen und dann erst mal vier Wochen dort trainiert. Ich habe anfangs bei meiner norwegischen Kollegin Maren Haugli gewohnt und auch im Olympiastützpunkt in Oslo. Dann war ich in Salt Lake City mit den Norwegern, bei den Weltcups eben auch. Ansonsten war ich im Oktober noch mal zwei Wochen in Hamar. Ich bin eigentlich gar nicht so oft in Norwegen, wie es vielleicht scheint. Die Trainingslager kriege ich ja generell vom Verband bezahlt, deshalb muss ich nicht gleich meine Ersparnisse angreifen. Aber Norwegen ist schon ein bisschen preisintensiver als Deutschland.
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Hat sich denn dieser Wechsel für Sie bezahlt gemacht?
Neu-Norwegerin mit Berliner Bär: "Ich hatte in Berlin keine Gruppe und keinen Trainer mehr"
Ich bereue keinen einzigen Schritt, definitiv. Ich habe sehr viel Spaß mit der Gruppe und mit Trainer Peter Mueller. Für mich hatte es ohnehin keine großen Alternativen gegeben. Der Wechsel hatte ja seine Gründe. Ich hatte in Berlin keine Gruppe und keinen Trainer mehr. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft war der Meinung, Damen und Herren nicht mehr gemeinsam trainieren zu lassen. Ich habe jahrelang mit Männern trainiert, und da werde ich nicht plötzlich mit Damen laufen, die wahrscheinlich langsamer sind als ich.
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War Ihr langjähriger Trainer Joachim Franke sofort einverstanden mit dem Umzug?
Ich hatte selber Norwegen genannt - weil ich merkte, dass er lieber Schluss machen würde. Er war der Meinung, dass ich da bestens aufgehoben wäre und er dann mit einem guten Gefühl aufhören könne. Er hätte vielleicht noch für mich weitergemacht, aber er hatte auch seine gesundheitlichen Probleme und ist mittlerweile 67. Er hat seine Rente verdient. Es gibt keinen erfolgreicheren Trainer als ihn. Ihm habe ich alles zu verdanken. Ich freue mich sehr, dass er mir keinen Korb gegeben hat, als ich ihn gefragt habe, ob er mich am Wochenende noch einmal betreuen würde. Das ist ein zusätzlicher Motivationskick für mich bei dieser WM.
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Sie sind zuletzt zwar zweimal Zweite im Weltcup geworden, in Hamar und Baselga di Pine, zuvor hatte es aber auch schon Schlagzeilen gegeben, dass der Neuanfang sich für Sie noch nicht gelohnt habe.
„Golden Girls” Claudia und Anni: „Es wird ganz schlecht aussehen, wenn wir „Alten” aufhören”
Es hat auch den Weltcupsieg mit dem Team in Calgary gegeben, den vergessen alle. Ich habe zu Saisonbeginn auch gesagt, dass der Schritt, nach Norwegen zu gehen, ein Experiment ist. Generell mache ich es nur für mich. Ich habe alles erreicht, was man im Eisschnelllaufen erreichen kann, und brauche niemandem etwas zu beweisen. Natürlich werde ich oft auf Schlagzeilen über mich angesprochen, zum Beispiel auf diese: "Der Lack ist ab". Das finde ich nicht so richtig fair. Wenn man ganz knapp am Treppchen vorbeigeschrammt ist, muss man so was nicht schreiben.
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Fühlen Sie sich mitunter ungerecht behandelt?
Manchmal denke ich, dass die Leute das nicht richtig einschätzen: Die Weltspitze rückt schließlich immer mehr zusammen. Als Michael Greis die Saison im Biathlon mit Platz 25 oder 28 angefangen hatte, haben sie ihn auch nicht so rund gemacht, wie sie mich mit Platz vier oder fünf rund gemacht haben. Aber letztlich muss man das wohl abkönnen und versuchen, mit einem Lächeln abzutun.
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Sie sind also mit sich zufrieden?
"Man kann erfolgreiche Athleten wie Anni oder mich nicht plötzlich an die Leine nehmen"
Ja, auf jeden Fall. Ich habe in dieser Saison über 1500 Meter eine neue persönliche Bestzeit aufgestellt. Das hätte ich nicht mehr für möglich gehalten. Bei mir läuft es im Moment ganz gut. Und ich habe doch schon alle Medaillenfarben im Schrank. Deswegen sehe ich das, was jetzt noch kommt, ganz gelassen.
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Welche neuen Anforderungen werden denn in Norwegen an Sie gestellt?
Da sind natürlich junge dynamische Männer, die ein bisschen schneller laufen wollen als ich. Und auch können. In meiner Gruppe, die ich vorher hatte, waren die Jungs teilweise nicht viel schneller als ich. Da musste ich selbst sehr viel Führungsarbeit machen. In Norwegen dagegen muss ich beißen, um mich ran ziehen und dranbleiben zu können. Solche neuen Reize kann man im Wettkampf wieder ausleben.
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Sie haben, um voranzukommen, auch wieder auf Ihre alten Schlittschuhe zurückgegriffen. Kommen Sie damit tatsächlich besser zurecht als mit den neuen Modellen?
Neue Schuhe, alte Schuhe: "Schmeiß sie in die Ecke und hol die alten Dinger wieder raus"
Meine alten Schlittschuhe sind sechs Jahre alt, da habe ich nicht mehr ganz so den Halt. Die neuen waren am Anfang nicht so schlecht, dann bekam ich aber immer mehr Druckstellen und Blasen an den Füßen. Da dachte ich mir: Schmeiß sie in die Ecke und hol die alten Dinger wieder raus. Das war beim Weltcup in Heerenveen. Es war erst mal ein bisschen wackliger, die anderen sind viel, viel fester. Aber ich fühle mich doch wohler.
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Fiel die Umstellung auf einen neuen Coach sehr schwer?
Es war überhaupt nicht hart. Erst mal kannte ich Mueller schon. Dann arbeite ich, wenn ich in Berlin bin, immer noch mit Achim Franke zusammen. Nicht nur jetzt, vor und während der WM. Wir sind ständig in Kontakt.
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Sie haben Mueller auch schon mal als "durchgeknallten Ami" bezeichnet. Wie äußert sich das?
Neue Gelassenheit mit Mitte 30: "Ich habe doch schon alle Medaillenfarben im Schrank"
Das war nicht böse gemeint. Und ich glaube, er hat auch nichts dagegen. Es ist nur so, dass er fast ununterbrochen quatscht. Er ist immer wieder für einen Spruch zu haben, er baut auch mal "Mist". Er nimmt das Training trotzdem sehr ernst. Ich habe unheimlich viel Spaß mit ihm. Es ist halt was anderes. Ich wurde auch in Berlin schon angesprochen: "Mensch, du bist ja so locker drauf, so entspannt." Ich sage dann: Was habe ich denn zu verlieren? Genauso gehe ich an die ganze Sache heran.
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Das soll nicht despektierlich klingen: Aber spüren Sie nicht doch mehr und mehr Ihr Alter?
Viele Sachen fallen nicht mehr ganz so leicht, das ist klar. Gerade deswegen bin ich stolz, dass ich noch so viel erreiche. Ganz ehrlich, ich fühle mich nicht so alt, wie ich bin. Ich fühle mich schon fünf Jahre jünger. Außer in der letzten Runde vielleicht.
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Anni Friesinger tritt ja mittlerweile ein bisschen kürzer. Sie verzichtet auch auf die Mehrkampf-WM. Haben Sie dafür Verständnis?
Pechstein mit Trainer Achim Franke: "Er hat seine Rente verdient"
Es ist total lustig, dass mich so viele Leute darauf ansprechen. Ich akzeptiere erst mal voll und ganz ihre Entscheidung. Es ist natürlich ein bisschen komisch, weil man von Anni Friesinger den Satz kennt: Der Mehrkampf ist die Königsdisziplin im Eisschnelllauf, und wenn man Mehrkampf-Weltmeisterin wird, ist man die Königin im Eisschnelllauf. Aber sie ist mittlerweile auch über 30, und da muss sie wahrscheinlich gucken, dass sie mit ihren Kräften haushält. Für Deutschland, für die WM in Berlin ist es schade, aber das muss man so hinnehmen.
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Angeblich haben Sie gesagt, dass Sie Ihre Laufbahn schon nach dieser Saison beenden würden, sollten Sie - etwa in Berlin - keine Medaille gewinnen. Stimmt das?
Ach, wissen Sie, wie oft ich schon mit dem Eisschnelllaufen aufhören wollte? Man muss sich natürlich gewisse Ziele setzen, und ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, bei der Mehrkampf-WM oder bei der Einzelstrecken-WM, dem eigentlichen Saisonhöhepunkt im März in Nagano, eine Medaille zu holen. Nach Hamar und Baselga di Pine ist es auch legitim zu glauben, dass der Traum verwirklicht werden kann.
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Waren Sie eigentlich enttäuscht darüber, dass Deutschland Ihnen keine passenden Trainingsbedingungen mehr bieten konnte?
Olympia-Siegerinnen 2006: Pechstein (r) mit Friesinger und Daniela Anschütz-Thoms (l)
Die erfolgreichen Frauen machen ja sowieso ihr eigenes Ding, das spricht nicht ganz so für die Neustrukturierung im deutschen Eisschnelllauf. Ich bin mit ihr generell nicht zufrieden gewesen, weil die DESG-Führung nicht mit den erfolgreichen Athleten darüber gesprochen hatte. International ist es gang und gäbe, dass die Damen zusammen mit den Männern trainieren. Die anderen Verbände hatten das von uns immer abgeguckt: Was die Deutschen, die immer erfolgreich waren, machen, kann nicht so falsch sein. Dann haben wir plötzlich den Schritt zurück gemacht. Man kann erfolgreiche Athleten wie Anni oder mich nicht plötzlich an die Leine nehmen. Interessant ist, dass ich, wenn ich in Berlin bin, trotzdem mit den Männern trainiere. Die nehmen mich, wie ich bin. Ich finde es gut, dass es jetzt relativ locker ist. Von daher ist mein Ärger von damals längst verflogen.
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Ist die DESG grundsätzlich auf der Höhe, ist sie für die Zukunft gewappnet? Immerhin könnte es bei den Frauen nach den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver zu einer großen Rücktrittswelle kommen.
Ich denke, es wird im deutschen Eisschnelllauf ganz schlecht aussehen, wenn wir "Alten" aufhören. Es ist schon ein schlechtes Zeichen, dass ich immer noch locker dabei bin bei den Deutschen im Weltcupzirkus. Bei den Niederländern etwa kommt was nach, da merkt man, die haben Potential. Die können teilweise eine dritte oder vierte Reihe schicken und laufen immer noch vorne mit. Das ist bei uns nicht der Fall. Wenn man zum Beispiel auf eine Lucille Opitz oder eine Katrin Mattscherodt schaut: Das sind nette Mädels, aber alle keine 19 mehr, und sie laufen uns trotzdem hinterher. Das ist eigentlich tragisch.
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Hat der deutsche Verband es versäumt, sich in Zeiten der großen Triumphe bei den Frauen um die Basis zu kümmern?
Vielleicht hat man da ein bisschen was verschlafen, kann sein. Andererseits muss man sagen, dass alle Sportler, auch die Männer, über Jahre hinweg sehr gute Bedingungen gehabt haben, etwa mit der Bundeswehr-Sportfördergruppe. Aber viele haben daraus auch nicht so richtig was gemacht, finde ich. Sie haben eben das Training abgearbeitet, weil es auf dem Plan stand, und dann war es gut. Bart Schouten versucht jetzt, die Männer dazu zu bringen, sich mit sich selbst mehr zu beschäftigen, was eben jahrelang vielleicht nicht so richtig gemacht wurde.
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Lag also auch Anni Friesingers Trainer Gianni Romme richtig mit seiner Kritik, dass es manchen deutschen Läufern an Feuer und Leidenschaft fehle?
Gianni wird schon wissen, was er damit bezwecken wollte. Er scheint ja eine empfindliche Stelle getroffen zu haben, sonst hätten sich nicht so viele darüber aufgeregt. Aber es kommt auch immer darauf an, wie man etwas vorträgt. Ich habe früher oft genug Kritik geübt, weiß also, wovon ich rede.
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Was würden Sie denn der DESG auf die Schnelle empfehlen, um - salopp gesagt - die Kurve zu kriegen?
Grundsätzlich kann man schon was ändern. Was ich nicht schlecht fände: Wenn sie jetzt den Weg gehen mit dem getrennten Training, dann sollten sie auch bei den Frauen die Gruppen so kompakt machen, wie es bei den deutschen Männern der Fall ist. Sie sind zentral an einem Punkt, und wer nicht nach der Pfeife tanzt, ist eben nicht dabei. Aber ich denke, dass es nicht nur ein Fehler des Verbandes ist: Jeder Sportler, der dauerhaft in die Weltspitze vorstoßen möchte, muss sich ganz schön zusammenreißen, auch mal über seinen Schatten springen und Opfer bringen. Wenn man mehr Spaß daran hat, sich vor den Computer zu setzen, braucht man gar nicht daran zu denken, im Sport erfolgreich zu werden.
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F.A.Z., 07.02.2008, Nr. 32 / Seite 31
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