Wimbledon
„Viel Sex, wenig Qualität“
Von Peter Penders, LondonStrahlende Siegerin: Elena Dementjewa hatte mit ihren Gegnerinnen bislang wenig Mühe
02. Juli 2009
Es gibt ein paar Dinge in Wimbledon, auf die Verlass ist. Etwa die jährlich wiederkehrende Diskussion über die Qualität des Damentennis, weil die Favoritinnen häufig ohne besondere Gegenwehr Runde für Runde weiterziehen. Seit zwei Jahren wird diese Tradition angereichert mit den Zweifeln über die finanzielle Gleichberechtigung, die auch in Wimbledon seit 2007 praktiziert wird. Pat Cash, Wimbledonsieger von 1987 und einer aus dem großen Expertentross ehemaliger Größen bei der BBC, ist ein dankbarer Gesprächspartner für dieses Thema. Meistens liefert er in einer seiner Zeitungskolumnen selber den Anstoß. "Die Frauen verkaufen viel Sex auf dem Tennisplatz, aber nur wenig Qualität“, lästerte der Australier diesmal, und auf Sätze dieser Art kann man sich ähnlich verlassen wie auf eine Verletzungspause von Jelena Jankovic.
"Ich bin nicht überrascht, das von ihm zu hören“, entgegnete diesmal Larry Scott, der demnächst scheidende Chef der WTA-Damentour, "das sagt er doch immer.“ Aber hat Cash etwa recht? Während Scott in seiner Wimbledon-Abschiedsrede ausdrücklich heraushob, dass es im Damentennis noch nie so viele faszinierende Spielerinnen und gleichzeitig eine derartige Tiefe an herausragenden und sehr feminen Athletinnen gegeben habe, bewiesen die Viertelfinalspiele zumindest in der Frage nach der sportlichen Tiefe etwas ganz anderes. Drei der vier Partien dauerten so zusammen nicht so lang wie der Fünfsatzkrimi von Andy Murray gegen Stanislas Wawrinka im Achtelfinale, allein die auf allerdings sehr mäßigem spielerischem Niveau stehende Begegnung zwischen der Deutschen Sabine Lisicki und der russischen Weltranglistenersten Dinara Safina ging über drei Sätze (siehe: Wimbledon: Lisicki scheitert an Safina).
Hätte nicht gegen drei Gewinnsätze in Wimbledon: Serena Williams musste sich bislang nicht sonderlich anstrengen
Dem Geschäft der WTA-Tour hat die mitunter fehlende Konkurrenz auf dem Platz nicht geschadet, weil die Qualität neben dem Platz auf jeden Fall stimmt. Wohin der Weg geht, machte schon die "Looking for a hero“-Werbekampagne, deutlich, die von der WTA vor zwei Jahren gestartet wurde und sich vor allem auf Maria Scharapowa und Ana Ivanovic stützte – die beiden meistfotografierten Spielerinnen der Welt.
"Sex sells“ – das ist eine altbekannte Marketingstrategie, die sich auch in Wimbledon in der ersten Woche bestens beobachten ließ. Die Ansetzungen der Damenspiele auf den beiden großen Plätzen ließen erahnen, was die Entscheidung beeinflusste. Während etwa Swetlana Kuznetsowa, immerhin gerade als French-Open-Siegerin gekürt, zunächst auf Außenplätzen spielen musste, kamen Schönheiten wie Gisela Dulko, Caroline Wozniacki, Maria Kirilenko oder Sorana Cirstea neben den Zugpferden Venus und Serena Williams sowie Maria Scharapowa dort zur Geltung, wo sie jeder sehen konnte.
Schönheit vor Klasse auf den Hauptplätzen
Lästermaul: Pat Cash bemängelt die Qualität des Damentennis
Die Tennisspielerinnen haben seit der Vorreiterin Anna Kurnikowa Einzug gehalten in die Modemagazine und auf die Titelseiten der Illustrierten. Wo immer sie mittlerweile auch auftreten, fehlen die Fotostrecken nicht, in denen die Vorzüge der Athletinnen bestens präsentiert werden. Das Geschäft blüht, und die Zahlen sind beeindruckend: In den vergangenen sechs Jahren ist das Preisgeld um 40 Prozent gestiegen, in diesem Jahr werden weltweit insgesamt 86 Millionen Dollar verteilt. Die Fernsehberichterstattung ist um 30 Prozent gestiegen, das Sponsorenaufkommen gleich um 500 Prozent. "Finanziell stand die WTA-Tour in ihrer Geschichte noch nie so gut da wie momentan“, sagt Scott. Dazu gehört auch der Sechs-Jahres-Vertrag mit dem Tour-Titelsponsor Sony Ericsson, der der WTA immerhin 88 Millionen Dollar einbringt, momentan allerdings wegen der dreistelligen Millionenverluste des Konzerns auf etwas wackeligen Füßen steht.
Das Geschäft blüht: das Sponsorenaufkommen stieg um 500 Prozent
Untermalt wurde die Diskussion in Wimbledon von den Stöhngeräuschen einiger Spielerinnen, die in Wimbledon für zusätzliches Aufsehen sorgten. Die Partien der Portugiesin Michele Larcher de Brito, auf Rang 91 der Weltrangliste plaziert, sorgten allein deshalb für Interesse, weil die Kreischerei der Sechzehnjährigen während ihrer Schläge mit mehr als 100 Dezibel gemessen wurde, was ungefähr dem Gebrüll eines wütenden Tigers entspricht. Wer ihre Spiele im Fernsehen verfolgt, sollte besser die Fenster schließen, bevor die Nachbarn auf dumme Gedanken kommen. (höre auch: Michele Larcher de Brito schreit in Wimbledon)
Lange gespielt, wenig gezeigt: Dinara Safina hat bislang wenig überzeugend gespielt und steht trotzdem im Halbfinale
Und die Qualität auf dem Platz? Der Konkurrenzkampf ist bei weitem nicht so groß wie bei den Herren, aber weltweit hat sich die finanzielle Gleichberechtigung bei den zehn größten Turnieren durchgesetzt, auch wenn die Damen nur über zwei Gewinnsätze spielen. "Auf Rasen hätte ich auch bei den Damen nichts gegen drei Gewinnsätze“, sagt Serena Williams. Warum auch – die Amerikanerin ist wie ihre Halbfinalgegnerin Jelena Dementjewa und ihre Schwester Venus (die im anderen Semifinale auf Dinara Safina trifft) eine der drei Kurzarbeiterinnen, die ohne Satzverlust und völlig ungefährdet durch das Turnier spaziert ist. Manchmal reduzierte sich die Spannung so auf die Wahl des Outfits - und wenigstens erlebte das an eine Domina erinnernde hautenge Lackleder-Kleidchen, mit dem Serena Williams einst bei den US Open für Aufsehen sorgte, keine Neuauflage.
F.A.Z.
AP, AFP, picture-alliance/ dpa
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