Fußballrandale
DFB und DFL wehren sich gegen „maßlosen Populismus“
Von Michael Horeni, BerlinBilder, die in kein Fußballstadion gehören - und die zu einer Diskussion führen
04. November 2009
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Theo Zwanziger am Mittwoch in Berlin mit dem Leo-Baeck-Preis geehrt. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erhielt die Auszeichnung, die zuvor auch schon an die Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Johannes Rau und Roman Herzog sowie zuletzt an Bundeskanzlerin Angela Merkel vergeben wurde, für sein beharrliches Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rechtsextremismus.
Die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, würdigte Zwanzigers "couragierte, aufgeklärte und offensive Art" bei der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit. Der Preis für Zwanziger ist ein Höhepunkt in der langjährigen Arbeit des DFB-Präsidenten, den Fußball, anders als seine Vorgänger, auch gesellschaftspolitisch zu verankern.
DFB-Präsident Theo Zwanziger bekam den Leo-Baeck-Preis 2009 - und mahnte
Zu der besonderen Feierstunde im Hotel Adlon für Zwanziger und den gesellschaftspolitisch aktiven Teil des deutschen Fußballs drang aber auch gleich das tagesaktuelle politische Getöse. Angestimmt hat es die Deutsche Polizeigewerkschaft nach den schweren Fan-Ausschreitungen vom Montag in Rostock, bei denen 29 Polizisten verletzt und 23 Randalierer festgenommen wurden.
"Es ist eine Großveranstaltung wie jede andere"
"Wir erwarten, dass sich der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball Liga zu einem angemessenen Teil an diesen Kosten beteiligen", sagte der Vorsitzende Rainer Wendt im ZDF. "Eine pauschale Gebühr, die für eine Saison bezahlt wird, etwa 50 Millionen Euro, wären ein echter Freundschaftspreis."
Zwanziger gab auf diese Forderung nach der Ehrung eine ganz eigene Antwort: "Wenn man diese Spiele nur mit einem Riesen-Polizeiaufgebot überhaupt noch sicher halten kann, dann muss man irgendwann in der Tat sagen: Dann spielt der Fußball nur noch beim Fernsehen, dann ist eben niemand mehr da." Die Forderung nach zusätzlichem Geld empfinden die Verbände dagegen als "maßlosen Populismus", wie DFL-Präsident Reinhard Rauball sagte. Mit Geld löse man keine gesellschaftlichen Probleme.
Zwanziger sprach von "Wichtigtuern" und unterstrich die langjährige Position des Verbandes: "Es ist eine Großveranstaltung wie jede andere – dort ist der Schutz des Staates gefragt." Zudem führten, wie die Verbände sagen, die Bundesligavereine im vergangenen Jahr 650 Millionen Euro an Steuern ab. Allein für die Personalkosten in den vier obersten Ligen zahlten die Klubs jährlich selbst rund 25 Millionen Euro, bei Bundesligaspielen stellten sie im Schnitt 150 Ordner.
Abendspiele erschweren die polizeiliche Arbeit
Angesichts der öffentlichen Diskussionen lädt die DFL aber nun gemeinsam mit dem DFB zu einem Runden Tisch, mit dem Bundesinnenministerium, der Innenministerkonferenz der Länder, der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) sowie der Gewerkschaft der Polizei – der mitgliederstärkeren Gewerkschaftskonkurrenz der Deutschen Polizeigewerkschaft.
Wendt, der zuletzt schon den Besuch von Fußballspielen als "lebensgefährlich" bezeichnet hatte, was Zwanziger als "unverantwortlich" zurückwies, kritisierte scharf das Vorgehen von DFB und DFL bei Ansetzungen von sogenannten Problemspielen auf den Abend wie bei der Begegnung in Rostock. Dies erschwere die polizeiliche Arbeit und geschehe nach kommerziellen Aspekten.
"Der Preis ist eine Mahnung an den Fußball"
An diesem Vorwurf ist etwas dran, wie bei den Verbänden zumindest inoffiziell eingeräumt wird. Zwar werden die Spiele mit der ZIS, die Gewalttäter im Fußball beobachtet, sowie mit der Polizei weit im Voraus abgestimmt. Aber da die genauen Termine erst wenige Wochen vorher festgelegt werden, muss im Alltag die Polizei auf eine Verlegung drängen. Denn der Verband gestaltet den Spielplan eben auch nach dem Interesse des Fernsehens, seinem Geldgeber – und da können Quote und Sicherheitsfragen miteinander kollidieren.
Er könne zwar nicht versprechen, dass es nie wieder Vorfälle geben werde, sagte der DFB-Präsident. Aber er könne versprechen, "dass wir nicht weggucken, diese Dinge betrachten, auswerten und mit den Möglichkeiten, die ein Verband hat, umsetzen", sagte Zwanziger. Das passte zu seiner Dankesrede für die Auszeichnung, die Zwanziger auch als Verpflichtung ansieht: "Der Preis ist eine Mahnung an den Fußball, nicht und niemals tatenlos zuzuschauen, wenn auf irgendeinem Bolzplatz, in irgendeinem Stadion oder irgendeinem Vereinsheim die Toleranz mit Füßen getreten wird."
Politischer Mitspieler für eine tolerantere Gesellschaft
Der Zentralrat würdigte mit dem Leo-Baeck-Preis die Entschlossenheit des DFB-Präsidenten, auch denen die "Rote Karte" zu zeigen, "die den Sport als Forum für ihre menschenfeindlichen und extremistischen Angriffe missbrauchen wollen", wie es zur Begründung hieß. Der Zentralrat erkannte mit der Auszeichnung aber auch die von Zwanziger betriebene Wandlung des DFB zu einem politischen Mitspieler für eine tolerantere Gesellschaft an.
Der Verband wolle "in einer demokratischen Ordnung nie mehr unpolitisch" sein, sondern "für das, was eine Demokratie für Menschen leisten kann, aufgeschlossen und aktiv eintreten", wie Zwanziger sagte. Auf den aktuellen Alltag übersetzt, heißt das im Falle von Randale beim Fußball für den DFB-Präsidenten: "Wenn man spürt, das ist nur mit einer unverhältnismäßigen Zahl von Sicherheitsmaßnahmen überhaupt friedlich zu halten, dann muss man die Frage stellen, ob man dort noch mit Publikum spielen kann."
F.A.Z.
dpa, ddp
Zum Thema
Weitere Themen
Homepage >, Politik >, Wirtschaft >, Feuilleton >, Gesellschaft >, Finanzen >, Reise >, Wissen >, Auto >, Computer >, Beruf & Chance >, Kunstmarkt >, Immobilien >, Rhein-Main-Zeitung >







