VfB Stuttgart
Verdunklungsgefahr für den Silberstreif
Von Oliver Trust, StuttgartSilberstreif: Jens Lehmann (r.) glaubt an die Wende zum Guten, Alexander Hleb konnte die hohen Erwartungen noch nicht erfüllen
04. November 2009
Selten ist ein Fußballklub so umfassend durchleuchtet worden wie der VfB Stuttgart. Obwohl inzwischen so ziemlich alle Unternehmensbereiche als analysiert gelten, muss die Klubführung vor dem Champions-League-Spiel beim FC Sevilla an diesem Mittwoch (20.45 Uhr live bei Sat 1 und Sky) PR-Arbeit im Akkord leisten. Präsident Erwin Staudt, der sich zurückzog, um dem Manager und Vorstandskollegen (Sport) Horst Heldt die sportlichen Expertisen zu überlassen und dafür kritisiert wurde, saß im SWR-Fernsehstudio und kündigte mögliche Verstärkungen für die Winterpause im Sturm an.
Wie Staudt muss Heldt im Dauereinsatz Fragen erörtern, die sich um fehlende Disziplin im Kader drehen und eine Personalpolitik rechtfertigen, die bisher wenig Grund zur Freude lieferte. Die Botschaft, dass man das 0:0 gegen Bayern München als ersten Schritt aus der Krise sieht, und die Neuen Alex Hleb, Pawel Pogrebnjak und Zdravko Kuzmanovic Stück für Stück mehr Bindung zu den Kollegen finden, kommt nicht überall an.
Emotionale Schieflage: Alexander Hleb
Noch finden Aufräumarbeiten statt, die der gefühlte Tiefpunkt, das Pokal-Ausscheiden beim Zweitligaklub Greuther Fürth, hinterlassen hat. Auch fehlt ein Ergebnis nebst entsprechender Leistung, das den "Silberstreif am Horizont“ stärkt, den Torwart Jens Lehmann entdeckt haben will. Zur Ruhe jedenfalls kommen die Stuttgarter kaum. Selbst Manager Heldt verlor die Contenance und konterte im Stammtisch-Fernsehen Vorwürfe, das Sturmproblem nach Mario Gomez falsch eingeschätzt zu haben, mit grundsätzlichen Statements. Er wollte offenbar nicht noch einmal wiederholen, dass sich erst der Leverkusener Patrick Helmes verletzte, dann der Hoffenheimer Demba Ba nicht gesund wurde, Klaas-Jan Huntelaar Teamchef Babbel zusagte, schließlich doch zum AC Mailand entschwand und die Klubs von Vagner Love und Milan Jovanovic überzogene Forderungen stellten.
Zudem glaubte man, in Hleb den Lotsen für internationale Gewässer gefunden zu haben. Als Stürmer Pogrebnjak vom Titel redete, gab es bunte Überschriften, aber keinen Widerspruch, der die Erwartungen gedämpft hätte. Die emotionale Schieflage im Kader ging in den Betrachtungen dagegen unter. Wachsende Egoismen und aufkommenden Neid glaubte man zügeln zu können. Die Neuen mussten sich in einer Mannschaft zurechtfinden, die im Kern nicht mehr funktionierte und weder willens noch in der Lage war, integrative Arbeit zu leisten.
Gerüchte um Kuranyi
Hat die größten Probleme: Pawel Pogrebnjak wurde in der Rangfolge der Stuttgarter Stürmer durchgereicht
So etwas dauere eben, versicherten Heldt und Co. Nun sah der aus Barcelona ausgeliehene Hleb beim Remis gegen die Bayern positive Ansätze, die einen Neuanfang einleiten könnten. Ihn hatte Heldt mit einer empfindlichen Geldbuße wegen einer Attacke auf Mannschaftsarzt Heiko Striegel belegen müssen. "Ich habe die Nerven verloren“, sagte Hleb, "ich war so sauer auf mich und so enttäuscht.“
Von 25.000 Euro Strafe ist die Rede, weil Hleb den Teamarzt anbrüllte und wegschubste, als der ihn an die Doping-Probe erinnerte. So schwankt man bei der Suche nach Auswegen aus dem sportlichen Tief weiter zwischen Debatten um Teamchef Markus Babbel, bestreitet vehement sowohl Kontakte zu anderen Trainerkandidaten als auch das Gerücht um Schalkes Angreifer Kevin Kuranyi als kommende Winterergänzung.
Das neue Trio wird in Sevilla spielen
Jüngst als Kämpfer aufgetreten: Neuzugang Kuzmanovic lässt aufblitzen, dass er Qualität besitzt
Vielmehr würde dem Klub ein gutes Spiel der Neuen in Sevilla helfen zu zeigen, dass der VfB, Babbel und seine drei Neuen das Schlimmste überstanden haben. Trotz der Favoritenrolle der Spanier und der Verletzungssorgen der Schwaben, die auf Sami Khedira, Ricardo Osorio, Ciprian Marica, Christian Träsch und Cacau verzichten müssen. Das neue Trio wird spielen. Hleb, bei dem gegen München positive Ansätze zu sehen waren, nachdem er im Sommer einen großen Trainingsrückstand aufholen musste, dann verletzt war und unter der Last der Erwartungen wie blockiert wirkte.
Nun wird über die richtige Position des flinken Technikers debattiert. Seit der Systemumstellung spielt der 28 Jahre alte Weißrusse zentral hinter den Spitzen statt am linken Flügel. Ob Hleb die neue Rolle ausfüllen kann, muss sich wie bei Kuzmanovic zeigen. Der Serbe spielt im Mittelfeld rechts und lässt aufblitzen, dass er Qualität besitzt. "Kuz“, wie er genannt wird, hat einiges von seinem Imponiergehabe der Anfangstage abgelegt und tritt mehr als Kämpfer auf, der mitzureißen versucht.
Aufräumarbeiten: Markus Babbel (l.) und Horst Heldt
Die größten Probleme des neuen Trios schleppt Pogrebnjak mit sich herum. Ohne wirkliche Pause wechselte der blonde Hüne aus der russischen in die deutsche Liga. Technisch weniger bemittelt als der schmerzlich vermisste Gomez, wurde er in der Rangfolge durchgereicht und sogar von Nachwuchsmann Julian Schieber verdrängt. Pogrebnjak reagierte frustriert und erschien von Tag zu Tag verschlossener. Neben dem sprachlichen Problem gibt es ein räumliches, befindet sich Familie Pogrebnjak auf Haussuche und lebt im Hotel. Ein Zuhause hat Pogrebnjak beim VfB noch nicht.
F.A.Z.
dpa, AP, ddp
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