Komatrinken
„Nur wer kotzt, trinkt am Limit“
Erst ein gepflegtes Bier, dann gern härtere Sachen - weil's billig ist und knallt
12. Mai 2009
Er erinnert sich noch, dass er die Tischtennisbälle irgendwann nicht mehr gesehen hat, das war vielleicht gegen zehn. Den Rest haben ihm Freunde erzählt. Dass er plötzlich mit Headset hinterm Schuppen saß und am Leben zweifelte, um im nächsten Moment wieder herumzuspringen, als wolle er alle umarmen. Wie er rumerzählt hat, dass sein Kumpel wieder mit seiner Ex geschlafen hat, obwohl das Mädchen danebensaß. Vor den Augen der anderen muss er in die Hecke gepinkelt haben.
Freitag vor einer Woche, Christians 18. Geburtstag: Er hatte Fleisch gekauft und mariniert, die Eltern waren im Kino. Sie wollten sich mal wieder so richtig abschießen, er und sein bester Freund, und der sagt immer: "Nur wer kotzt, trinkt am Limit." Aber der verträgt ja auch gerade mal vier Bier und ein bisschen Wodka. Christian wollte eigentlich vorher aufhören. Aber plötzlich war Morgen, und Christian fand sich in seinem Bett wieder. Der Garten war ein Schlachtfeld. Die Steaks, die sie auf dem Grill vergessen hatten, hatten die Katzen gefressen. "Ich soll wohl sauviel Spaß gehabt haben. Aber ich kann mich nicht daran erinnern", sagt Christian. Und: "Ich fühl mich immer noch schlecht, wenn ich an den Abend denke."
Tina hat einen Promillerechner
Christian sitzt in der Cafeteria eines Berliner Gymnasiums und verpasst zwei Stunden Mathe, während Tina und Pauline (alle Namen geändert) sich krümmen vor Lachen, vor Entsetzen, sagen sie, aber der Unterhaltungswert ist groß. Christian versichert, die Geschichte sei ihm peinlich: sein erster Filmriss. Seine Freundin habe ihn nur noch eklig gefunden. Und dabei zählt er sich doch mittlerweile zu den Leuten, die er "reif" nennt, weil sie sich nicht mehr wie Zehntklässler jedes Wochenende besaufen, sondern sich wieder für andere Dinge interessieren.
"Wir haben rechtzeitig aufgehört", sagt Pauline und meint, dass sie weniger trinkt, je erwachsener sie sich fühlt. Wenn die Achtzehnjährige den Tag nicht verkatert im Bett verbringen will, rührt sie den Abend vorher keinen Alkohol an. Tina, 19, hat sich gerade einen Promillerechner besorgt. Sie wird am Wochenende in Hamburg ihre letzte Abiklausur feiern. Dafür muss sie wissen, wann sie wieder nüchtern ist für die Rückfahrt mit dem Auto.
Vincent, 16: "Es ist dieses magische Ding Alkohol. Alle erzählen immer davon. Das will man halt probieren."
Theresa, 19: "Wichtig ist, dass man einmal einen derben Absturz hat."
Pauline, 18: "Mein Papa meint immer: ,Wir waren noch schlimmer.'"
Luisa, 18: "Alkohol gehört zum Erwachsenwerden dazu."
Quincy, 18: "Ich habe das Gefühl, dass Alkohol zu unserer Gesellschaft dazugehört."
Qincy glaubt seine Grenzen zu kennen
Quincy ist Schulsprecher eines Gymnasiums in Berlin-Mitte. Er spielt Bass, hat samtkurze Haare und einen klaren Blick. Leute, die sich dreimal am Abend übergeben und dann trotzdem im Krankenhaus landen, weil sie weitergesoffen haben, hält er für "reichlich doof". Er kennt seine Grenzen, sagt er, Lernziel erreicht, was allerdings die meisten von sich behaupten. Auch Quincy hat schon mal zügig drei Bier "hinter sich gebracht", als er Ärger mit seinem Vater hatte, aber trotzdem zur Geburtstagsfeier eines guten Kumpels musste. "Dann ging's besser", sagt er.
Vier Freundinnen hatte er schon, dreimal war am Anfang der Beziehung Alkohol im Spiel. Trotzdem ist Quincy oft der einzige, der am Ende einer Party nüchtern ist. Er sagt: "Bei manchen Abenden habe ich das Gefühl, der Abend ist nur lustig, weil die Leute betrunken sind. Es sollte aber umgekehrt sein." Ihm kommt es so vor, als wüssten viele seiner Altersgenossen nichts mit ihrer Freizeit anzufangen. "Die Leute sind einfach unkreativ."
Am Anfang ist die Klassenfahrt
Es beginnt vielleicht mit einer Klassenfahrt. Vier Siebtklässler schmuggeln zwei Flaschen Alkopops ins Naturschutzgebiet, sind schrecklich aufgeregt, ob der Lehrer etwas merkt, und denken dann, sie wären betrunken. "Ich erinnere, dass ich den Effekt gar nicht so extrem gespürt habe", sagt Quincy und erzählt, wie sie trotzdem Böller gezündet haben. Sein Kumpel hat sich beim Pinkeln im Kreis gedreht. Offenbar wussten sie, was unter Alkoholeinfluss erwartet wird. Denn die meisten berichten von ähnlichen Eskapaden. Wie sie nachts über den Zaun ins Freibad geklettert sind. Wie sie im Ferienlager mit Klamotten schwimmen gingen. Wie sie nur in Hotpants zum Bahnhof rannten, mitten im Winter. Wie sie immer beim Pizzabäcker Reste schnorrten. "Das möchte ich nicht missen", sagt eine Neunzehnjährige. "Das traut man sich ja nüchtern nicht."
Ein Zwölftklässler, der von sich sagt, "mit 13 war ich auch schon gut dicht", erklärt rückblickend: "Es hatte ziemlich viel mit diesem Coolsein zu tun." Er war neu in Berlin. Wenn einem da ein Bier angeboten wird, lehnt man besser nicht ab. Schnell kannte er massenweise Leute. Im Suff wird schließlich jeder zum guten Freund. Alkohol als Zugang: Davon redet auch Christian, mit zwei Jahren Abstand. Bis er 16 wurde, saß er das Wochenende allein vor dem Computer. Dann ist er mit den anderen saufen gegangen und gehörte endlich dazu.
"Uncool, wenn man nicht trinkt"
"Man ist nicht per se cool, wenn man viel trinkt. Aber man ist uncool, wenn man nicht trinkt", sagt Vincent. Der Zehntklässler steckt mittendrin in dem Alter, von dem ältere Schüler sagen, es sei die Zeit ihrer schlimmsten Exzesse gewesen. Der Tanz der Pubertät wirbelt seinem Höhepunkt zu, die Unsicherheit ist groß wie nie. Und dann sind da diese anlassfreien Verabredungen: "Heute abend Kampftrinken." Für die Eltern, sagt Vincent, heißt so was "Filmeabend". Der Sechzehnjährige geht auf eines dieser Gymnasien, wo die Familien der Schüler Grundstücke am See besitzen, was im Sommer praktischer ist als jeder Park, weil es keinerlei Kontrollen gibt. Auch sonst staunt Vincent, was zu Hause mancherorts so durchgeht.
Das übliche Abendprogramm zum Beispiel: Jeder bringt etwas mit. Dann stehen da zwei Flaschen Wodka, ein Kasten Bier und eine Flasche Whiskey, man ist zu fünft, "und das muss weg", sagt Vincent. Es beginnt gepflegt mit Bier. Bis zur zweiten Flasche gibt es auch noch andere Themen als das Trinken selbst. Dann kommen die härteren Sachen ins Spiel und die Handykamera, mit der das Gelage gefilmt wird. Man stellt Fragen: Wie oft holst du dir einen runter? Oder spielt: Wer leert schneller ein Glas Hochprozentigen? Wer läuft bis zuletzt gerade über ein Seil auf dem Boden? Oder wer liegt am längsten halbnackt draußen im Schnee? Am Schluss übergeben sich fast alle.
Jeder Schluck eine Trophäe
Ob das gefährlich sei? Vincent: Journalistensohn, Rugbyspieler, ein blasser Junge mit dünnem Flaum über der Oberlippe und blauem Kapuzenpulli. "Da denkt man im Rausch nicht dran", antwortet er. Und sagt: "Man will vor seinen Freunden als der große Säufer wirken, der viel verträgt." Nicht, dass sie Montag in der Schule prahlen würden mit ihren Promilleabenteuern. Aber die besten Geschichten, meint Vincent, beginnen mit der Formulierung: "Ey, ich war so besoffen . . ." Und wehe, da wagt einer zu scherzen, der andere verkrafte nicht mal ein läppisches Bier. "Schade für dich, dass du nicht dabei warst", fängt die Antwort an. Dann wird aufgezählt, im Detail. Als wäre jeder Schluck, jede Flasche, jedes Glas eine Trophäe der eigenen Reife.
Allein trinken ist übrigens "assi", und wer sich direkt nach der Schule ein Bier am Kiosk holt, ist arm dran. Außerdem schlecht fürs Image: als erster hacke sein, schon weil die Gruppe weiter will. Von Bar zu Bar zu ziehen ist allerdings teuer. Zum Glück weiß jeder, wo der Cocktail donnerstags nur 2,90 Euro kostet oder mittwochs halbe Preise gelten. Der Vorzug von Wodka ist, dass 40 Volumenprozent Alkohol schon für fünf Euro zu haben sind. Und wer nicht selbst im Supermarkt eine Flasche ergattert, weil tatsächlich der Ausweis verlangt wird, bittet den Mann mit der Obdachlosenzeitung um Hilfe: Er dürfe sich von dem Geld auch Brot und Äpfel besorgen. "Es ist ziemlich arm. Aber Leute identifizieren sich mit Alkohol", sagt ein Neunzehnjähriger: Wie ein Statussymbol trinken Reicheleutekinder Markenwodka. Ein Punk würde sich nie mit Beck's erwischen lassen.
Plastikeimer mit großen Strohhalmen
Keiner bezeichnet sich selbst als Komasäufer. Aber gelegentlich kommt der Rettungswagen. Christian erzählt von einer Party, wo Plastikeimer mit großen Strohhalmen herumstanden mit süßem Zeug darin, von dem niemand wusste, was es war. Dann machten sie eine Schneeballschlacht, und plötzlich saß einer auf dem Boden und hob nur schlaff den Daumen, als sie fragten, was sei. Quer durch die Stadt haben sie ihn nach Hause geschleppt, anderthalb Stunden lang, nachdem der Kumpel sich im Bus übergeben und der Fahrer sie rausgeschmissen hatte. Christian pulte ihm schließlich den Schlüssel aus der Hose, legte ihn seitlich aufs Bett und hielt zwei Stunden Wache. "Es war richtig beängstigend", sagt er. Sein anderer Freund unterdessen hat lieber einen der Eimer mitgenommen. Für den Heimweg.
F.A.S.
ddp
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