Warschau
Die Freiheit schmeckt nach Pfannkuchen
Von Rainer SchulzeHinter den Fenstern der Deutschen Botschaft in Warschau übernachteten im Herbst 1989 Tausende Flüchtlinge
05. November 2009
Um ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, zeichnet Halina Awdziejczyk mit dem Kugelschreiber eine Skizze. Von ihrem Balkon aus hatte sie damals einen hervorragenden Blick auf die Deutsche Botschaft am rechten Weichselufer. Jeder Kugelschreiberstrich weckt eine Erinnerung. Dort stand der mannshohe Zaun, über den Erwachsene ein Kleinkind warfen, bevor sie selbst in die Freiheit kletterten. "Das war für mich ein Schock“, sagt die Siebzigjährige und nimmt den Stift wieder zur Hand. Ein Kreuz: die Kirche, in der heißer Tee ausgeschenkt wurde. Drei Rechtecke: die Autobusse, die einige Flüchtlinge in Ausweichquartiere brachten. Die Skizze wird unübersichtlich, doch die Erinnerungen fließen. Halina Awdziejczyk ist eine meisterhafte Erzählerin, die wie auf Knopfdruck lossprudelt. "Es war ein heißer September!“
Für eine Görlitzerin und ihre beiden Kinder schmeckte die Flucht aus der DDR nach polnischen Pfannkuchen und Apfelmus. Halina Awdziejczyk erinnert sich noch genau an die kleine Familie, die verängstigt auf einer Mauer an der Ulica Dabrowiecka kauerte. Frau Awdziejczyk war mit dem Hund draußen, als sie die Flüchtlinge an der Straßenecke traf. Sie lud sie zu sich nach Hause ein, kochte Tee und schöpfte den Teig in die Pfanne, während sich Mutter und Kinder wuschen und umzogen. Dann gab es Pfannkuchen. "Die gelingen mir immer besonders gut.“ In kleinen Gruppen erschienen die ersten Flüchtlinge Ende August 1989 in der Nachbarschaft und fragten sich zur Botschaft durch. "Ängstlich sahen sie aus.“ Halina Awdziejczyk wusste gleich, dass sie in die Freiheit wollten. "Der Kommunismus war für uns doch schon vorbei.“
Eine Delle im Gartenzaun
Botschaftsblick: Halina Awdziejczik auf dem Balkon ihrer früheren Wohnung
Die etwa 6000 DDR-Bürger, die im Herbst 1989 über Warschau in die Freiheit flohen, haben im Stadtteil Saska Kempa fast keine Spuren hinterlassen. Frau Awdziejczyk wohnt hier längst nicht mehr. Und die Botschaft ist auch umgezogen. Ein Maschendrahtzaun sieht noch so aus wie damals. Er trennt den Garten, der vor zwanzig Jahren Witek Szymanek gehörte, von dem Botschaftsgelände. Unter Büschen verdeckt hat er eine tiefe Delle. "Hier hat eine verzweifelte, 90 Kilogramm schwere Deutsche auf einem Brett den Zaun überquert“, sagt Szymanek. "Das war tragisch und komisch zugleich.“ Eine Delle im Gartenzaun. Das ist alles, was die Wende in Warschau hinterlassen hat.
Herr Szymanek wohnt heute nicht mehr neben der Botschaft. In der Vitrine seines Büros, das der Architekt ganz in der Nähe bezogen hat, lehnt ein DDR-Autokennzeichen. "Mein Andenken.“ Nach und nach füllten sich im August und September 1989 die Straßen in dem ruhigen Wohnviertel rund um die Botschaft mit Trabants, Ladas und Wartburgs. Wie auf einem Gebrauchtwagenmarkt für DDR-Marken. Nur wenige Zentimeter Platz blieben zwischen den Trabbitüren. "Sie haben die Autos, auf die sie jahrelang gewartet haben, einfach zurückgelassen. Wie satt mussten sie dieses System haben“, sagt Szymanek. Die Trabbis konnten die Flüchtlinge nicht in ihr neues Leben mitnehmen. Einige eilends herbeigeeilte Autohändler machten das Geschäft ihres Lebens. "Für ein paar hundert Zloty hat ein Trabbi den Besitzer gewechselt. Und damals waren das noch gute Autos“, sagt Szymanek. Männer in schwarzen Lederjacken und Zloty-Bündeln in den Händen hat er in Erinnerung. Sie warteten fiebrig auf Neuankömmlinge.
Der Wehrdienst drohte
Westwärts: Thorsten Heinhold auf dem Danziger Bahnhof in Warschau
Die Stimmung war angespannt. Die Nachbarn hatten nur wenig Kontakt zu den Flüchtlingen, gelegentlich reichte jemand Süßes oder Äpfel über den Zaun. "Die ersten freien Wahlen lagen erst ein paar Monate zurück. Noch nichts war selbstverständlich. Niemand wusste, ob es gut ausgeht und wie sich die Miliz verhält“, sagt Szymanek. Eine Polin unterstützte die Mitarbeiter der Botschaft bei den Einkäufen. Das Rote Kreuz brachte Lebensmittel und Feldbetten. In jeden Besprechungsraum wurden 60 und mehr Leute einquartiert. Eng zusammengeschoben, bildeten doppelstöckige Betten ein riesiges Matratzenlager.
Einer derjenigen, der damals die Flucht aus der DDR wagte, ist Thorsten Heinhold. Der aus der Nähe von Chemnitz stammende Aufzugmonteur hatte sich im August 1989 im Alter von 22 Jahren ein Visum besorgt und stieg am 30. September in den Zug nach Warschau ein. Der Wehrdienst drohte. So entschloss er sich, sein bisheriges Leben zurückzulassen und "ins Ungewisse zu starten“, wie er sagt. Bequem fuhr er in die Freiheit, während andere durch die Neiße waten mussten. Da in der Botschaft kein Platz mehr für ihn war, brachten ihn Reisebusse in ein nahe gelegenes Ferienheim der Solidarno. Am Seeufer verbrachte er die Tage bis zur Ausreise. "Wir erzählten uns unsere Fluchtgeschichten“, erinnert er sich. Als am 1. Oktober die ersten Sonderzüge aus Prag losrollten, war es auch in Warschau so weit. Die ersten Flüchtlinge bestiegen den Zug in den Westen. Am Danziger Bahnhof in Warschau fielen Ostmark-Münzen und Wohnungsschlüssel auf den Bahnsteig. "Wir brauchten sie ja nicht mehr.“
"Tschüs DDR. Über Warschau in die Freiheit"
Witek und Anna Szymanek mit ihrem DDR-Souvenir
Ohne Johannes Bauch wäre Heinhold nicht in den Zug gestiegen. Der damalige Gesandte an der Warschauer Botschaft begleitete vom 5. auf den 6. Oktober gemeinsam mit drei Kollegen den zweiten Zug von Warschau durch die DDR nach Westdeutschland. Doch der von der DDR zur Verfügung gestellte Zug war zu kurz, zwei Waggons fehlen. Ein Anruf bei der polnischen Eisenbahngesellschaft PKP genügte, und zwei weitere Waggons rollen zum Danziger Bahnhof. Erster Klasse.
In Warschau wurde kein Eiserner Vorhang zerschnitten, hier stand auch kein Hans-Dietrich Genscher auf dem Botschaftsbalkon. "Es ist ein Dilemma, dass sich Warschau gegen das spektakuläre Prag und Budapest behaupten muss“, sagt Bauch. Dabei sei die Situation in Warschau nicht einfach gewesen. "Die demokratischen Institutionen waren drei Monate nach der ersten halbwegs demokratischen Wahl noch nicht so vorhanden, wie wir das heute gewohnt sind.“ Die polnischen Behörden vereinbarten, dass die DDR-Bürger nicht zurückgeschickt werden. "Wir hätten 6000 Flüchtlinge nie so reibungslos nach Deutschland gebracht, wenn uns die Polen nicht so unendlich in fast freundschaftlicher Weise geholfen hätten“, sagt Bauch.
Die von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit produzierte Dokumentation "Tschüs DDR. Über Warschau in die Freiheit“, die vor wenigen Tagen Premiere feierte, erinnert an die Ereignisse. Auch Halina Awdziejczyk hat in dem Film ihren Auftritt. In der letzten Szene fragt sie sich, was aus den Flüchtlingen von damals wohl geworden ist. Thorsten Heinhold meint: "Für mich hat es sich gelohnt. Ich bin einer der vielen hunderttausend, die das System zu Fall gebracht haben.“ Trotzdem: Heute lebt er wieder in Chemnitz.
F.A.Z.
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