Amoklauf auf Militärbasis
Terrorist oder Verzweiflungstäter?
Von Matthias Rüb, WashingtonGedenken an die Getöteten am Militärstützpunkt Fort Hood in Texas
07. November 2009
Die Toten und die Verletzten, unter ihnen der von vier Kugeln schwer getroffene Todesschütze, waren kaum aus dem Stützpunkt in Fort Hood fortgeschafft, die Identität des mutmaßlichen Mörders, Heeresmajor Nidal Malik Hasan, war gerade erst enthüllt, da begann schon die Legendenbildung. Die konkurrierenden Versionen über Vorgeschichte und Ursache der schlimmsten Bluttat auf einem Stützpunkt der amerikanischen Streitkräfte, die sich im Lauf des Freitags auswuchsen, deuten zwar in ganz unterschiedliche Richtungen. Gemeinsam ist ihnen aber, dass auf einem dünnen Tatsachenfundament ein komplettes Erklärungsgebäude errichtet wurde, ausstaffiert mit mehr Weltanschauung als Fakten.
Immerhin ergab sich am Tag nach dem Massaker, das Präsident Barack Obama am Donnerstagabend in einer ersten Reaktion als "entsetzlichen Ausbruch der Gewalt" beklagt hatte, ein genaueres Bild vom Tathergang. Gegen 13.30 Uhr betritt Major Nidal Malik Hasan an der Battalion Avenue das "Readiness Processing Center", den Ort also, wo Soldaten vor ihrem Abmarsch in den Krieg und nach der Rückkehr medizinisch untersucht werden und viele Formalitäten zu erledigen haben. Nidal Malik Hasan trägt Uniform und zwei Waffen, die nach Angaben des Kommandeurs von Fort Hood, Generalleutnant Bob Cone, nicht seine Dienstwaffen sind: eine halbautomatische Handfeuerwaffe und eine Pistole. Hasan eröffnet das Feuer - ob wahllos oder gezielt, bleibt unklar.
Er half Soldaten mit posttraumatischen Stresssyndromen
Scheinbar wahllos tötete Malik Nadal Hasan 13 Menschen. Die Kreuze und Fahnen vor einer Kirche in Killeen, Texas, sollen an sie erinnern
In dem Gebäude halten sich bis zu 500 Menschen auf. Außer den diensthabenden Militärpolizisten und den Angestellten eines privaten Sicherheitsunternehmens ist niemand bewaffnet. Binnen kurzem werden fast vier Dutzend Menschen von Kugeln getroffen. Ob Hasan während des Massakers, das etwa zehn Minuten dauert, seine Waffen nachlädt, ist unklar. Schließlich kommt es zu einem Schusswechsel zwischen dem Todesschützen und der weiblichen Angestellten des privaten Sicherheitsdienstes, der auf dem größten Heeresstützpunkt Amerikas im Einsatz ist. Beide werden getroffen - Hasan von vier Kugeln, die Frau ebenfalls von mehreren Kugeln. Von beiden heißt es zunächst, sie seien getötet worden. Doch in der Nacht zum Freitag wird mitgeteilt, dass beide mit schweren Verletzungen überlebt haben.
Die Bilanz der schlimmsten Bluttat auf einem amerikanischen Militärstützpunkt: 13 Tote und 30 Verletzte, die sich am Freitag alle in stabilem Zustand befinden. Wo Hasan, bewacht von ziviler Polizei und Feldjägern, behandelt wird, bleibt geheim. Da der Täter bewusstlos ist und künstlich beatmet wird, kann er vorerst nicht vernommen werden.
Ihr mutiger Einsatz hat den Amokläufer gestoppt. Dabei wurde Unteroffizier Kimberly Munley selbst von mehreren Kugeln getroffen. Ihr Zustand ist jedoch stabil.
Was aber hat ihn veranlasst, unter seinen Kameraden ein Blutbad anzurichten? Hasan ist 39 Jahre alt, unverheiratet und kinderlos. Er stammt aus einer Einwandererfamilie, die aus einem Palästinenser-Dorf östlich von Jerusalem, das seinerzeit zu Jordanien gehörte, in die Vereinigten Staaten gekommen ist. Er wurde in Virginia geboren, wuchs in ländlicher Umgebung auf. Gegen den Willen der Eltern ging er unmittelbar nach dem Schulabschluss zum Heer.
Dort sowie an der Universität "Virginia Tech" durchlief er, finanziert von den Streitkräften, verschiedene Ausbildungen, zunächst zum Biochemiker, später zum Arzt und schließlich zum Psychiater. Sechs Jahre lang war er am Walter-Reed-Militärkrankenhaus in Bethesda nahe Washington tätig, behandelte dort offenbar Soldaten, die mit posttraumatischen Stresssyndromen nach Einsätzen in Afghanistan und im Irak zu kämpfen haben.
Sechs der Opfer des Amokläufers in Texas
Im Mai dieses Jahres wurde er zum Major befördert, im Juli erfolgte die Verlegung nach Fort Hood in Texas. Der ausladende Heeresstützpunkt, auf dem bis zu 71 000 Soldaten und deren Angehörige leben, liegt etwa hundert Kilometer nördlich der texanischen Hauptstadt Austin. Es heißt, Hasan habe zuletzt keine gute Beurteilung seiner Arbeit beim Walter-Reed-Hospital in Bethesda erhalten. Er erhielt den Marschbefehl nach Afghanistan für Ende November. Es war der erste Kriegseinsatz in Übersee, zu dem er abkommandiert wurde.
Noch am Abend der Tat meldet sich beim Nachrichtensender Fox News Hasans Vetter Nadar zu Wort, zeigt sich im Namen der erweiterten Familie - die Eltern Hasans sind beide vor Jahren verstorben - "bestürzt und traurig" über die Bluttat. Hasan sei "ein guter Amerikaner", sagt Nadar, der Cousin habe seit Jahren vergeblich versucht, wegen fortgesetzter Beschimpfungen durch Kameraden wegen seines muslimischen Glaubens die vorzeitige Entlassung aus dem Heer zu erreichen. Vom Imam Faisal Khan an der Moschee in Silver Spring nahe Washington, die Hasan während seiner Zeit am Walter-Reed-Hospital frequentierte, ist zu erfahren, Hasan habe oft mit ihm über den Wunsch gesprochen, eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen.
"Eine kriminelle Tat, die nichts mit Religion zu tun hat"
Auch die 21-jährige Francheska Velez ist unter den Opfern. Sie war erst vor kurzem von ihrem Auslandseinsatz in Irak zurückgekehrt, weil sie schwanger war.
Der Vetter Nadar schließlich verbreitet, die Vorstellung, im Kriegseinsatz gegen muslimische Glaubensbrüder kämpfen zu müssen, habe Hasan zermürbt. Hinzu kommt die in den Medien weithin kolportierte Vermutung, der Umgang als Psychiater mit Soldaten, die schwere seelische Verwundungen im Kriegseinsatz erlitten hatten, habe in Hasan offenbar eine panische Angst vor dem Abflug nach Afghanistan wachsen lassen: So entsteht die Legende vom isolierten, beschimpften und bedrohten Verzweiflungstäter.
Sprecher des Heeres wollen von Berichten über antimuslimisches Mobbing gegen Hasan freilich nichts wissen. Dagegen meldet sich ebenfalls noch am Abend der Tat der pensionierte Oberst Terry Lee zu Wort, der von Hasan antiamerikanische Tiraden gehört haben will, wonach die Muslime im Irak und Afghanistan "sich gegen die Besatzer erheben und diese bekämpfen müssen".
Auch Michael Grant Cahill, Großvater von Brody, wurde von Hasan erschossen
Die Bundespolizei FBI hat vor sechs Monaten Ermittlungen gegen einen Nidal Hasan aufgenommen, weil unter diesem Namen auf einer Internetseite zustimmende Äußerungen zu Selbstmordanschlägen zu lesen waren. Unklar ist, ob die Eintragungen tatsächlich vom Mörder von Fort Hood stammen oder von jemand anderem. Am Freitag will sich vorerst kaum jemand zur Legende vom kaltblütigen Mord eines radikalisierten Muslims, gar eines terroristischen "Schläfers" bekennen.
Was immer die Ermittlungen ergeben werden, Interessenverbände der etwa 3500 Muslime, die in den amerikanischen Streitkräften dienen, befürchten nun eine "Hexenjagd" wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. "Das ist eine kriminelle Tat, die nichts mit Religion zu tun hat", sagte am Freitag Kasim Ali Uqdah vom muslimischen Veteranenverband. Die Nation scheint nach der Tragödie von Fort Hood nichts sehnlicher zu wünschen, als dass Uqdah recht haben möge.
FAZ.NET
AFP, dpa, AP
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