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Zum Tod von Michael Jackson
Der Unerlöste
Von Edo Reents
Vielleicht erfährt er nun etwas Seltenes: Mitleid
 
26. Juni 2009
Es gibt viele Popmusiker, die in erheblich jüngerem Alter starben; hier handelt es sich um ein Drama sehr seltener Art. Der Tod Michael Jacksons, der offensichtlich keinem ausschweifenden Lebenswandel geschuldet ist, sondern einer von ihm selbst eingeleiteten, Jahrzehnte währenden Metamorphose, kommt überraschend, und er bestürzt. Als Elvis Presley im August 1977 starb, nicht weniger einsam und verlassen, als John Lennon im Dezember 1980 erschossen wurde, hieß es, dies habe "die westliche Welt" erschüttert. Jetzt trauert die ganze Welt (FAZ.NET-Sonderseite: Michael Jacksons Tod).
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Die Bedingungen, unter denen Michael Jackson antrat, anfangs unter der Fuchtel seiner Familie, waren andere; sie waren massenwirksamer, aber sie ruinierten ihn ebenso. Wer in den vergangenen zwanzig Jahren einen Auftritt von ihm miterlebt hat, bei dem er nicht singen und tanzen durfte, sah einen verschreckten, ängstlichen Menschen, unfähig zur freien Rede, und nicht den, der er in Wirklichkeit war: der erfolgreichste Popkünstler aller Zeiten und das einzige schwarze Massenidol jenseits des Jazz.
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Diese Stellung machte seine Bedeutung aus, aber sie war auch Ausdruck einer Problematik, die nun geradezu tragische Züge offenbart: Ein auf der Höhe seiner Kunst stehender Musiker änderte seine Hautfarbe und setzte damit nicht enden wollende Diskussionen über seinen Gesundheitszustand wie überhaupt über seine Normalität in Gang, die noch eine dramatische Verschärfung erfuhren, als er öffentlich zugab, dass er sich zu Kindern hingezogen fühlte. Der Freispruch im Kindesmissbrauchsprozess vor vier Jahren konnte ihn von seinen Identitäts- und Versagensängsten nicht mehr erlösen. Seine schon länger leer laufende künstlerische Laufbahn war zu Ende.
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Die Bilanz, die man in rein menschlicher Hinsicht also ziehen muss, ist bitter und beklagenswert. Gestorben aber ist auch ein unerhört intensiver Sänger und vollendeter Tänzer, der nicht weniger breit gewirkt hat und noch wirkt als einst Frank Sinatra und Elvis Presley. Michael Jackson war in gewisser Weise der Vollender der Soulmusik, dieses weit in die Gesellschaft hineinwirkenden schwarzen Projekts, das sich keineswegs im Hedonismus erschöpfte, sondern auf Befreiung aus war. Vielleicht tritt an die Stelle der Dämonisierungen und Verächtlichmachungen, denen er ausgesetzt war, nun etwas Seltenes: Mitleid mit einem großen, unverstandenen Künstler.
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F.A.Z.
AP
 
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