Arbeitswelt
Handwerk

Aus Meisterhand – oder lieber doch nicht?

Von Henrike Roßbach
© Rainer Wohlfahrt, F.A.Z.

Wozu braucht man den Meisterbrief?

Um sich in bestimmten Handwerksberufen selbständig zu machen. Derzeit fallen 41 Gewerbe unter den Meisterzwang: vom Maurer, Dachdecker und Schornsteinfeger bis zum Bäcker, Friseur und Augenoptiker. Im Prinzip gilt: Ohne Meisterbrief keine eigene Firma. Es gibt aber Ausnahmen: Wer eine „vergleichbare Qualifikation“ nachweisen kann, darf sich auch ohne Meistertitel selbständig machen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nennt als vergleichbare Qualifikationen Abschlüsse zum Industriemeister oder Techniker. Auch Altgesellen mit Führungserfahrung haben die Möglichkeit, ohne Meisterbrief einen Betrieb zu gründen. Übrigens: Wer einen Meister hat, darf überall in Deutschland auch ohne Abitur studieren.

Was kostet eine Meisterausbildung?

Für Fleischer und Friseure ist der Meister mit etwa 4000 Euro günstiger als für Elektriker mit rund 9000 Euro – plus mehrere hundert Euro Prüfungsgebühr. Man kann aber Aufstiegs-Bafög beantragen; einen Teil der Kosten bekommen die Meisterschüler dann als Zuschuss, den Rest als Darlehen. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat eine kostenfreie Meisterausbildung versprochen – analog zum Studium.

Gilt der Meisterzwang für alle Handwerksberufe?

Nein, nicht mehr. 2004 wurde er für viele Gewerke aufgehoben. Heute gibt es 52 zulassungsfreie Handwerksberufe, etwa Fliesenleger, Gold- und Silberschmied, Maßschneider, Brauer, Gebäudereiniger und Geigenbauer. Wer will, kann seinen Meister in diesen Berufen freiwillig machen – als werbewirksames Qualitätssiegel. Hinzu kommen „handwerksähnliche Berufe“, die zulassungsfrei sind, etwa Theatermaler, Rohr- und Kanalreiniger und Maskenbildner.

Warum wurde die Meisterpflicht teilweise abgeschafft?

Die Idee war, mehr wirtschaftliche Dynamik im Handwerk anzustoßen und die Hürden zur Selbständigkeit zu verringern. Mehr Gründungen, mehr Stellen, mehr Konkurrenz, niedrigere Preise für die Verbraucher – das steckte dahinter. Letztlich ist der Meister eine Marktzugangsbeschränkung. Sie nutzt denen, die schon im Markt sind, weil sie die Konkurrenz in Schach hält. Wer auch auf den Markt will, muss sich an die Spielregeln der Etablierten halten. Billigkonkurrenz ist kaum möglich.

Ging die Rechnung auf?

Das Handwerk selbst sagt – wenig überraschend – nein. Der Meister sei erstens ein Garant für Qualität und damit für Verbraucherschutz. Und zweitens sichere er das Ausbildungswesen im Handwerk in seiner heutigen Form, das mit verantwortlich sei für die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. An beidem ist einiges dran. Nach Angaben des ZDH werden heute 95 Prozent aller Handwerks-Azubis in den 41 Gewerken mit Meisterzwang ausgebildet. Die Ausbildungsleistung in den freigegebenen Handwerksberufen ist dagegen deutlich gesunken. Mit ein Grund ist, dass es seit der Liberalisierung viele Solo-Selbständige in diesen Branchen gibt. Ein-Mann-Firmen aber sind keine klassischen Ausbildungsbetriebe. Dem ZDH nach gibt es auch ein Nachfrageproblem: Die deregulierten Berufe seien weniger attraktiv für Nachwuchshandwerker, weil sie nach ihrer Ausbildung mit Preiskampf und Billigkonkurrenz rechnen müssten. Auch hätten Meisterbetriebe eine längere Lebensdauer.

© DW/Z. Abbany, Deutsche Welle

Was ist dran an den Klagen des ZDH?

Auch in den Berufen ohne Meisterzwang kann man natürlich ausbilden, wenn man selbst eine Ausbildung abgeschlossen und eine Ausbildereignungsprüfung abgelegt hat. Michael Zibrowius, im arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln für die Themen berufliche Qualifizierung und Fachkräfte zuständig, hält die Anreize dafür in den typischen Ein- bis Drei-Mann-Betrieben in diesem Bereich aber für gering. Auf der anderen Seite sei eine Liberalisierung durchaus ein Anreiz, sich selbständig zu machen – ohne Meisterschule im Abendkurs oder Arbeitspause. In der Tat stieg die Zahl der Betriebe im zulassungsfreien Bau- und Ausbaugewerbe von knapp 15.000 im Jahr 2003 vor der Reform auf knapp 77.000 zehn Jahre später. Letztlich muss man abwägen, ob mehr Betriebe ein Minus der Ausbildungszahlen aufwiegen.

Was sagt die EU?

Die EU-Kommission neigt dazu, Berufsregulierungen als Wettbewerbsbeschränkung zu werten. Das deutsche Handwerk hat Brüssel daher im Verdacht, auch mit der geplanten Dienstleistungsrichtlinie den Meisterbrief im Visier zu haben. Die Kommission aber beteuert, um den Meister gehe es nicht bei dem Paket, das den Binnenmarkt für Dienstleistungen vorantreiben soll.

Und die Bundesregierung?

Kürzlich haben Bundestag und Bundesregierung eine Subsidiaritätsrüge in Richtung EU ausgesprochen: Das Dienstleistungspaket greife in Politikfelder ein, die Brüssel nichts angingen – und sei ein Angriff auf den Meisterbrief. Und am Wochenende räumte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zwar ein, dass einige Dienstleistungen durch Meisterbrief oder Handwerkskammern „teurer und schwerfälliger“ seien. Ohne gäbe es aber nicht das duale Ausbildungssystem, für das Deutschland so gelobt werde. „Wir können nicht alles nach dem Wettbewerbsprinzip einfach so machen.“ Auf ihrem Parteitag im Dezember hatte die CDU schon beschlossen, die Wiedereinführung der Meisterpflicht zu prüfen.

Quelle: F.A.Z.
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