Aberglaube im Büro

Wenn Horoskope nachhallen

Von Ursula Kals
 - 06:00

Aberglaube im Beruf - was soll der sinnentleerte Unfug? Der Betriebswirt, ein kühler Zahlenmensch, schüttelt den Kopf. Dann gibt er zögernd zu, dass er das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft in seinem stockfleckigen, zu engen Uralt-T-Shirt verfolgt hat, weil er es schon beim deutschen WM-Sieg 1990 getragen hat. „Das ist kein Aberglaube, das ist ein Glücksbringer“, sagt er und lacht.

Wenn Fußballspieler den Rasen, in den sie zuvor Nägel versenkt haben, nur zuerst mit dem Glücksfuß und erfolgsversprechender Unterhose betreten oder Kicker vor dem Anpfiff Huftiere präsentieren, dann ist das ganz normal. Halt ein etabliertes Ritual. Was Menschen unter Aberglaube verstehen, das ist ein weites Feld.

Es reicht vom esoterisch abgedrehten Raumreinigungsausräucherritual bis zum Talisman in der Tasche auf dem Weg zur Konferenz, die nie auf einen Freitag, den 13. gelegt wird. „Im Kern geht es um den Wunsch, Kontrolle über sein Schicksal zu bekommen und gleichzeitig etwas Verantwortung an eine höhere Macht abzugeben. Der Gedanke ist ja durchaus attraktiv“, sagt die Trierer Psychologin Stefanie Stahl. Sie sieht im Aberglauben „ein Mittel der Selbstberuhigung“.

Was steckt dahinter?

Aberglaube entsteht durch die nicht wissenschaftlich belegbare Verknüpfung von Ursache und Wirkung, erklärt die Frankfurter Management-Beraterin Felicitas von Elverfeldt. „Menschen glauben, gleichzeitige Ereignisse seien kausal miteinander verknüpft, obwohl sie in Wirklichkeit voneinander unabhängig sind. Sobald beide Ereignisse abermals zusammen auftreten, wird der Aberglaube verstärkt.“ Das hat Tradition und ist etabliert in Berufen, die mit einem hohen Risiko behaftet sind. „Ein höheres Maß an Kontrollverlust, Ungewissheit oder auch Abhängigkeit von Naturgewalten kann zur Flucht in den Aberglauben führen“, sagt von Elverfeldt.

So hielten Seefahrer Katzen auf dem Schiff, nicht nur, damit sie Nager dezimieren. Wer Schauspielern „viel Glück“ wünscht, vergrätzt sie mit der nett gemeinten Phrase. Pfauenfedern oder drei brennende Kerzen auf der Bühne, das geht gar nicht. Was steckt dahinter? „Die Hoffnung, auf Situationen Einfluss nehmen zu können, auf die man eigentlich, logisch gesehen, keinen hat“, sagt die Münchener Wirtschaftspsychologin Madeleine Leitner.

Besteht Bodenhaftung, sei dagegen nichts einzuwenden, erläutert Stefanie Stahl. Schließlich bietet das Berufsleben genug bedrohliche Situationen, „die unsere arme Psyche zu verwalten hat“. Existentielle Ängste zu versagen, das latente Gefühl, von einer Fusion und dem Verlust des Arbeitsplatzes bedroht zu sein oder auch „nur“ die Sorge, bei der Präsentation zu versagen - genug Anlässe, sich Unterstützung zu holen. „Man braucht Sicherheit, ein bisschen Schutz“, sagt Psychotherapeutin Stahl. „Wir haben alle eine Konstruktion von Wirklichkeit im Kopf, ganz gleich, wie das dann tatsächlich aussieht.“

Humbug oder doch ein Quäntchen Wahrheit?

Diejenigen, die auf die Kraft ihres Glaubens und auf eine wie auch immer gestaltete göttliche Gerechtigkeit bauen, vertrauen religiösen Traditionen. Andere zimmern sich ihre eigene Gedankenwelt. Immerhin glauben 66 Prozent aller Deutschen an einen Schutzengel. So wie die besorgte Grundschulmutter, die in den Ranzen eine getöpferte Putte versenkt, das Kind strahlt ob der liebevollen Geste. „Häufig übernehmen wir den Aberglauben von Menschen, denen wir vertrauen“, sagt Felicitas von Elverfeldt.

Andere gehen in keine Prüfung, keine Präsentation ohne ihren Glücksbringer oder einen ganz besonderen Schlüsselanhänger, treten eine neue Stelle nur an einem bestimmten Wochentag an, beharren auf einer Telefondurchwahl, die eine bestimmte Quersumme ergibt. „Das sind Haltegriffe für die Seele“, deutet Felicitas von Elverfeldt. Einer ihrer Mandanten trage bei wichtigen beruflichen Anlässen immer ein bestimmtes Paar Schuhe, „mit dem er sich erfolgreich fühlt und in denen er einen besonderen Stand hat“. Der Mann ist übrigens ein Geschäftsführer.

Humbug hin oder her, hier greift die vielzitierte selbsterfüllende Prophezeiung, betont von Elverfeldt. Eine ihrer Klientinnen, Managing Director einer namhaften internationalen Bank, zieht bei wichtigen Präsentationen ein bestimmtes Kostüm an, mit dem sie einmal ein sehr gutes Ergebnis erzielt hat: „Sie fühlt sich in dem Kostüm erfolgreicher, und so wird es zur selbsterfüllenden Prophezeiung.“ Und ein gutes Gefühl zu speichern, „sich selbst ein bisschen zu steuern“, dagegen spräche ja nichts, sagt die Psychologin.

Aberglaube versetzt Berge

Worin Außenstehende nur einen etwas aus der Mode gekommenen Jadestein erblicken, steckt für den Steinträger die bestärkende Loyalität des Patenonkels, der mit unerschütterlicher Gelassenheit an ihn geglaubt hat. Ein Griff an den Stein und die Zuversicht, mit der der Onkel durch Irrwege bei Pubertät und Stellensuche geleitet hat, ist wieder präsent: Also wird der Stein in die Blazertasche gesteckt und kühlt die verschwitzten Hände vor dem Vortrag auf Französisch.

Von Elverfeldt verweist auf das klassische, vielfach replizierte Experiment von Robert Rosenthal an amerikanischen Grundschulen: Zunächst überzeugte er mit einem Scheintest das Kollegium, das bestimmte, von ihm zufällig ausgewählte Schüler sogenannte hochintelligente „Aufblüher“ seien, die in Zukunft hervorragende Leistungen zeigen würden. Bei einer Intelligenzmessung am Schuljahresende hatten die meisten dieser Schüler tatsächlich ihr Intelligenzniveau stark verbessert.

„Wenn ich einem Mitarbeiter etwas zutraue, dann wird der auch so gut“, überträgt das von Elverfeldt auf die Arbeitswelt. „Der Glaube versetzt ja bekanntlich auch Berge. Und wenn ich an etwas glaube, bin ich wiederum sicherer und kann im Sinne einer Selffullfilling Prophecy auch wirklich mehr erreichen. Was wiederum den Glauben bestärkt“, bestätigt ihre Münchner Kollegin Madeleine Leitner. „Wenn Menschen sagen, ich schaffe es, da hochzuspringen, wenn ich das Trikot anhabe, dann bekommen sie tatsächlich mehr Zutrauen, glauben stärker an sich, Zweifel werden geringer.“

Nicht nur unsichere Naturen sind anfällig

Die Psychologin sieht es übrigens keineswegs als erwiesen an, dass gerade unsichere Naturen für Aberglauben empfänglich sind. „Möglicherweise ist das bei denen etwas stärker ausgeprägt. Aber das hat eher mit Situationen zu tun, bei denen ich mich in Gottes Hand begebe. Es ist ein Versuch, Kontrolle zu bekommen.“

Und es geht letztlich um das Selbstvertrauen. „Um die Frage, wie kann ich das stabilisieren“, sagt Psychologin Stahl. Freimütig berichtet sie, dass sie bei herausfordernden Situationen kleine Gedankenspiele betreibt: „Zum Beispiel sage ich mir, es wird alles gut, wenn ich es schaffe, das Klavierstück fehlerfrei zu spielen. Bekomme ich das hin, dann entwickeln sich auch die Verkaufszahlen meines neuen Buches gut.“

Das Entwickeln von Pseudo-Kausalketten hat der amerikanische Psychologe B.F. Skinner in einem Experiment nachgewiesen. Madeleine Leitner schildert das Experiment mit den „abergläubischen Tauben“: Tauben sitzen in einem Käfig. Nach dem Zufallsprinzip werden Körner in den Käfig geschossen. Es gab keinerlei System, wann die Körnchen kamen. Skinner beobachtete, dass die Tauben im Käfig nach einer Weile anfingen, die verrücktesten Verrenkungen zu machen. Sie hatten offenbar versucht, Hypothesen zu entwickeln, warum sie durch die Körnchen „belohnt“ wurden - nachdem sie vielleicht zufällig den rechten Flügel gehoben hatten oder auf dem linken Bein standen. Und das, obwohl es überhaupt kein Prinzip gab. „Selbst Tiere fangen also an, Hypothesen zu entwickeln, Kausalitäten herzustellen, die nicht vorhanden sind.“

„Kommt drauf an, ob es mir in den Kram passt“

Und nur zu gern blicken auch Menschen hinter den großen Spiegel, auch wenn sie das gern leugnen: Immerhin 87 Prozent der deutschen Frauen und 66 Prozent der Männer lesen ihr Horoskop. Die wischiwaschiweichen Formulierungen, elastisch wie ein Gummiband, taugen nicht zur Orientierung, täuschen aber vor, zugleich Ausrede und Erklärung für Eigenschaften und Macken zu geben. Und hallen nach. So liest der Mann vom Vertrieb, der stolz seinen Hang zur Sachlichkeit pflegt, im Boulevardblatt sein Tageshoroskop.

Glaubt er daran? „Kommt darauf an, wenn es mir in den Kram passt ...“ Bei positiven Ausblicken beflügele ihn, bei düsteren Prognosen ignoriere er „das Geschreibsel“. Denn ihm ist der sogenannte Barnum-Effekt bewusst, der die Austauschbarkeit der zeitlosen Wahrheiten meint. Der amerikanische Zirkusdirektor Phineas T. Barnum hat sich einst gerühmt, mit seinem Programm „ein bisschen was für jeden“ zu bieten. Und in Horoskopen wimmelt es von vagen Begriffen wie Chance oder Herausforderung.

Das alles ist smalltalktauglich, solange es keine grotesken Formen annimmt. So wie bei der Berliner Juristin, deren frisch getrennte Kollegin täglich Horoskopdienste befragt. Da hat sie nun nach Monaten effizienter Zusammenarbeit überraschend festgestellt, dass ihre Zimmernachbarin ihr und ihrem ordnungsliebenden Jungfrauaszendenten diametral entgegengesetzt ist. „Solche Gespräche verbitte ich mir seit neustem energisch“, schimpft die Anwältin und meint polemisch: „Sollen wir demnächst noch die Mandate nach Sternzeichen der Auftraggeber sortieren? Die Akquisegespräche führe ich aber nicht!“

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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