Serie „Anders arbeiten“

Mein Tag in der gläsernen Zelle

Von Corinna Budras
 - 06:38

Der normale Arbeitnehmer weiß gar nicht, wie es da draußen zugeht. Jeden Morgen fährt er in die Tiefgarage seines Arbeitgebers und schlendert die langen Gänge entlang in seine Einzelzelle, vorbei an vielen anderen Einzelzellen. Dort fährt er seinen Computer hoch, greift zum Hörer, der selbstverständlich an einem Kabel baumelt und wühlt in Papierbergen auf seinem Schreibtisch.

Das mag einer Bürokultur der achtziger Jahre entsprechen, ist aber noch in vielen Unternehmen Realität. So wird es womöglich aber nicht bleiben, jedenfalls behaupten das viele. Viel mobiler, viel flexibler wird gearbeitet, in wechselnden Teams an wechselnden Projekten, in Zürich, New York und anderswo. Für diese Zeit kann man sich gar nicht früh genug wappnen, deshalb suche ich nach diesen alternativen Arbeitsformen. „Coworking“ ist das neue heiße Ding.

Anbieter gibt es viele, ich entscheide mich für „Wework“, 260 Standorte in knapp 60 Städten, ein milliardenschweres Start-up, das sein Geld damit macht, anderen Start-ups eine Bleibe zu bieten: natürlich Downtown, wo das Leben pulsiert. Das ist nicht ganz günstig: 320 Euro im Monat zahlt man als Mitglied dafür, dass man seinen eigenen Laptop in der Lounge aufstellen darf, 350 Euro für einen eigenen Schreibtisch, mindestens 530 Euro für ein eigenes Büro. Das muss man sich erst einmal leisten können als Selbständiger oder kleines Start-up; die vielen prekär Beschäftigten der digitalen Arbeitswelt werde ich hier wohl nicht treffen. Viele große Unternehmen mieten sich inzwischen mit kleinen Einheiten dort ein.

Frei und doch nicht allein

Der Vorteil des Investments: Man ist frei und doch nicht allein, jedenfalls nicht so allein wie im Home-Office neben dem ungespülten Geschirr. Das Netzwerk steht hier im Vordergund, genau das ist es, was ich suche. Deshalb fahre in nach Berlin, in den achten Stock des Sony Center am Potsdamer Platz, um einen Tag als Coworker Teil einer hippen Community zu sein. Das geht natürlich nicht ohne Kulturschock einher. Glücklicherweise tritt der sofort ein, so komme ich schnell aus meiner „Komfortzone“, was ja heutzutage viel Gutes verspricht, auch wenn es sich erst einmal schlecht anfühlt. Ich trete aus dem Fahrstuhl heraus und wähne mich direkt bei Starbucks, so viel Kaffee und herumlungernde Menschen zu den Stoßzeiten gibt es nur dort. Oder eben bei Wework.

Ich steuere den Tresen an und bitte um weitere Instruktionen. Dabei begehe ich sofort den Kardinalfehler der Pre-Millennials-Generation, der ich nun einmal angehöre: Ich nutze instinktiv das distanzierte „Sie“. Fehler werden schnell verziehen. Die junge Frau lächelt ungerührt und freut sich: „Ach, du bist Corinna.“

Ich bleibe nicht lange allein, denn nun kommt Elisabeth auf mich zu, die „Community Managerin“ des Standortes, eine energiegeladene, redegewandte Person, gleichermaßen des Deutschen und des Englischen mächtig und selbst der Start-up-Szene aus London entsprungen. Sie weiß genau, was all jene gebrauchen können, die sich hier in Sichtweite des Reichstags und der Siegessäule niederlassen. Denn der Spirit hier sei ein ganz besonderer, so sagt sie, die Menschen strebten leidenschaftlich „nach etwas Größerem als sie selbst“. Gemeinsam wolle man etwas Bedeutungsvolles schaffen, „meaningful“ muss es sein. In diesem Augenblick erkenne ich, dass ich genau das auch schon immer wollte. Der einzige Unterschied: Ich wollte damals erste weibliche Generalsekretärin der UN werden, die Romantiker von heute gründen mit erstaunlich simplen Ideen milliardenschwere Start-ups.

Niemand muss, jeder kann

Dabei ist Wework gerne behilflich, die Community, die es zu managen gilt, ist groß. Jeden Tag bietet man seinen Mitgliedern eine Netzwerk-Veranstaltung der besonderen Art, angefangen mit dem „Thank good it’s Monday“-Frühstück zum Start der Woche. Mittwochs kommt eine Friseurin vorbei. Abends gibt es zweieinhalb Stunden Weiterbildung, mal zu Steuerrecht, mal zu Cybercrime. Niemand muss, jeder kann.

Auch hier laufe ich lange Gänge entlang, doch es ist so anders als zu Hause im Büro. Die Einrichtung ist funktional-spielerisch, in jeder Zelle stehen mehrere Schreibtische, jeweils in einem etwas anderen Stil. Das weiß ich deshalb so genau, weil die Glaswände jedes Büro und die darin Anwesenden vollständig den neugierigen Blicken preisgeben. Wer alleine sein möchte, drückt sich in Telefonzellen und kann hemmungslos telefonieren. Auch dort allerdings: Glastüren.

Zu meinem größten Problem an diesem Tag wird meine technische Ausstattung. Das wird mir schnell klar, als ich an den vielen emsigen Menschen vorbeischlendere. Ich habe mir extra meinen Apple mitgenommen, allerdings ein doch recht klobiges iPad älteren Datums. Mein ursprüngliches Gerät ist mir vor Jahren bei Rewe geklaut worden, unsere IT-Abteilung hat es dann durch ein älteres Modell ersetzt. Ich war damals froh, dass es so reibungslos ging, aber nun stehe ich da, das hoffnungslos veraltete Gerät in der Tasche, und wünschte, ich hätte damals um ein Upgrade gebeten. Zwischen all den flachen Flundern mit ihren hyperauflösenden Bildschirmen kann ich mich nicht dazu durchringen, es auszupacken. Deshalb krame ich mein iPhone raus, immerhin nicht das älteste Modell, und beginne zu telefonieren. Ich bin zwar die Einzige, die dazu ihr Telefon an das Ohr hält, aber hin und wieder sollte man sich von der Masse absetzen.

„Warum sprechen die alle mir ihren Computern?“

Was mich rettet, ist mein Nachmittagsgast, ein erfahrener Anwalt einer renommierten Kanzlei mit exzellenten internationalen Kontakten. Er erscheint in gewohnt konservativer Montur, ich hatte vergessen, auf die Unternehmenskultur dieses Etablissements hinzuweisen. Ich fühle mich allerdings nur halb schuldig, schließlich habe ich bei der Anbahnung des Termins immerhin erwähnt, dass er mich doch in meinem „Coworking Space“ besuchen möge, wenn ich mich schon einmal hier niederlasse. „Coworking, was ist das?“, lautete umgehend seine Frage per E-Mail, die ich nur unzureichend beantwortete: „Sie werden schon sehen.“ Das war vielleicht etwas unsensibel, stelle ich nun fest, vielleicht hätte ich ihm wenigstens den Tipp geben sollen, an die Sneaker zu denken und die Krawatte bei seiner Sekretärin zu lassen.

Mein Versäumnis fällt nicht auf mich zurück, denn er ist restlos begeistert von dem modernen Ambiente und sieht sich schon beim Heraustreten aus dem Fahrstuhl staunend um. Für meine einleitenden Worte zeigt er wenig Interesse, mitten im Satz rennt er zu der breiten Fensterfront und schaut so entzückt, als würde er den Reichstag zum ersten Mal sehen. Vom Entdeckerfieber gepackt, rennt er weiter und um die Ecke, vorbei an den gläsernen Büros, in denen all die Coworker sitzen. „Warum sprechen die alle mir ihren Computern?“, fragt er neugierig, nickt dann aber wissend, als ich ihm nur zuraune: „Videokonferenzen“. Hat er sicher schon mal gehört.

Wir laufen über die stählernde Brücke zum anderen Gebäudeteil in den Konferenzraum 8G, den ich für diesen Nachmittag gebucht habe, ein kleiner Raum mit rundem Tisch und drei gelben Designerstühlen. An der Wand klebt eine bunte Tapete mit allerlei Flugobjekten, an der einen Wand ein Bildschirm für die Videokonferenzen, an der anderen ein Whiteboard für unsere Notizen. Auch hier: die Glastür. Zwischendrin schaut Elisabeth herein und erkundigt sich nach unserem Befinden. Alles bestens, die Stimmung geradezu ausgelassen. Der Anwalt kann sich kaum trennen, verspricht, bald selbst zum Arbeiten wiederzukommen. Natürlich wäre das kein Problem, hier ist jeder willkommen, auch ohne Start-up.

Schaukelkorb mit Blick auf die Siegessäule

So sieht das auch Stefan Wörner, ein großer sportlicher Typ, „Head of Operations“ bei Aeroscan, einem Start-up, dessen Herzstück ein Körpermessgerät ist, „das GPS für deine Fitness“. Ein Eckbüro am Ende meines Ganges kann er sich mit seinen Partnern leisten, die Vernetzung, das Feeling, alles optimal. Nur die vielen Großunternehmen, die sich bei Wework breitmachen, um möglichst dicht an den Disruptern zu sein, könnten auf Dauer den „Start-up Vibe“ killen, fürchtet er. Noch geht es aber.

Der Tag endet für mich im Schaukelkorb mit Blick auf die Siegessäule, umgeben von Ledersofas und Lifestyle-Magazinen. Das Netzwerken darf man sich nicht zu entspannt vorstellen, auch wenn es so aussieht. Während die Kollegen sich noch an ihre Festnetztelefone klammern, weiß ich, wie die Zukunft aussieht. Ich weiß nur nicht, wann man eigentlich etwas schaffen soll. Geschrieben habe ich an diesem Tag noch keine Zeile. Das mache ich in meinem Büro.

Quelle: F.A.S.
Corinna Budras - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSonyStarbucksStart-ups