Serie „Anders arbeiten“

Das Büro als Wohlfühl-Oase

Von Corinna Budras
 - 05:45

Schreibtisch, Lampe, Telefon, eine Grünpflanze für die Optik und ein Familienfoto fürs Herz. So sah früher ein Büro aus. Nach Belieben kam noch ein kleines Kofferradio dazu, das den ganzen Tag über Gute-Laune-Musik trällerte. Das Café um die Ecke unterschied sich davon essentiell, Verwechslungen geradezu ausgeschlossen. Arbeiten hier, Wohlfühlen dort, das war die klare Aufteilung, als sich das Büroleben noch zwischen 9 und 17 Uhr abspielte und sowohl das Telefon als auch der Computer an Kabeln hingen. Herumtragen unmöglich. Wie lange ist das her!

Inzwischen hat sich viel getan: Dank Digitalisierung und demographischem Wandel bleibt nur wenig, wie es war. Die Cafés, das wird gerne vergessen, waren die Ersten, die ihren ursprünglichen Charme verloren haben. In den großen Metropolen wich der Müßiggang einer regen Geschäftigkeit. Ausgestattet mit allen notwendigen Geräten, schlugen unzählige Selbständige, Autoren, Kreative dort stundenlang ihre Computer auf, hielten sich den ganzen Tag an einem Latte macchiato fest, ignorierten die Sahnetorte und boten einen geschäftigen und zugleich entspannten Anblick.

Da war es nur folgerichtig, dass die Büros dem Beispiel des radikalen Wechsels folgten und sich ihrerseits in Cafés wandelten. Jetzt wird dort geklönt und geschwatzt, bis sich die Kreativität voll entfalten kann. Das jedenfalls ist der Anspruch der Wegbereiter des Wandels, der unter dem Schlagwort „New Work“ in Büros auf der ganzen Welt getragen wird.

Wohnungen, Autos und Aufgaben - alles wird geteilt

Jetzt geht es nicht mehr nur ums Abarbeiten, jetzt wird kollaboriert und vernetzt, um gemeinsam etwas wirklich „Bedeutungsvolles“ zu schaffen. Das ist besonders der „Generation Y“ wichtig, so heißt es immer wieder. Und was der Generation Y wichtig ist, ist auch den Unternehmen wichtig, weil die Fachkräfte so knapp werden. Vernetzung ist das große Ziel. In unserer „sharing economy“ werden nicht nur Wohnungen und Autos geteilt, auch die Aufgaben lassen sich unentwegt teilen und auf die verschiedenen Kontinente verschieben – oder auch nur in das Home-Office. Zu Hause haben die Menschen schon jahrhundertelang gearbeitet, das für sich genommen ist noch nichts Neues. Selbst Schuhe ließen sich in Heimarbeit zusammenkleben: Das Unternehmen stellte die Materialien und sorgte für den An- und Abtransport. Aber dass nun Büroarbeit in den eigenen vier Wänden getätigt wird, mit all den Vor- und Nachteilen, auch das ist Resultat des digitalen Wandels.

In Sachen neue Bürokultur geben Werbeagenturen, Unternehmensberatungen, die Start-ups der Technikbranche, aber auch große Konzerne wie Microsoft und Siemens den Ton an. Dort werden Wände eingerissen und Lounges errichtet. In den Kaffeeküchen kamen Mitarbeiter schon immer ins Plaudern, nur waren sie nie so hip und schick – und erinnerten so wenig an Küche wie jetzt. Flurfunk nannte sich das früher, jetzt heißt das „Wissenstransfer“ und bekommt dadurch eine neue Wertschätzung. Einzelzimmer weichen Großraumbüros, die Abschnitte des Bürofließbands werden auf verschiedene Räume verteilt, deshalb gibt es Konferenz-, Rückzugs- sogar „Denk“-Räume allerorten. Die Telefonzelle erlebt eine ungeahnte Renaissance, damit das Gespräch in aller Diskretion erledigt und der Sitznachbar nicht gestört wird.

Das Prinzip ist uns aus der eigenen Wohnung mit seinen Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmern bestens bekannt, so sieht es Udo-Ernst Haner, Leiter der Abteilung „Information Work Innovation“ beim Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Daheim käme es auch niemandem in den Sinn, alle Tätigkeiten in einen Raum zu verlagern, es sei denn, man kann sich nun wirklich nichts anderes leisten. Arbeit und Freizeit mischen sich, daran kann es keinen Zweifel mehr geben. Nicht nur zeitlich und organisatorisch, auch räumlich.

80 Prozent arbeiten noch wie im letzten Jahrhundert

In 20 Prozent der Unternehmen finden Mitarbeiter schon wahrhaft moderne Arbeitsbedingungen vor, schätzt Samir Ayoub, geschäftsführender Gesellschafter des Beratungs- und Einrichtungsunternehmens Designfunktion. Das allerdings heißt im Umkehrschluss auch: 80 Prozent arbeiten noch buchstäblich so wie im letzten Jahrhundert. Dort überböten sich die Unternehmen mit grauem Einerlei, wie Ayoub es formuliert. Doch nicht mehr lange, wenn es darum geht, neue Mitarbeiter zu locken. Das äußere Erscheinungsbild ist inzwischen wichtiger als ein Bonus, so behaupten es zumindest die Befragten im Stepstone Employer Branding Report: 83 Prozent der Bewerber ist eine gute Arbeitsumgebung und -ausstattung wichtig. Nur 75 Prozent behaupten das über Boni.

Unternehmen, die sich wandeln, tun es oft radikal, das jedenfalls zeigt die Praxis von Designfunktion. In nur noch zwei von zehn Fällen sind überhaupt noch Einzel- oder Zweierbüros gefragt. Bei den restlichen acht geht es um Großraumlösungen, davon in zwei Fällen die besonders flexible Variante mit wechselnden Schreibtischen. Dann geht morgens zu Dienstantritt die große Schreibtischsuche los – ein Schicksal, das bisher meist den Praktikanten vorbehalten war. Bei Microsoft in München hingegen sucht auch der Chef des Morgens ein freies Plätzchen.

Man kann den Wandel als vorübergehenden Hype abtun, aber damit würde man womöglich einen Trend verschlafen. Unternehmen stecken nicht umsonst Millionen in die Ausgestaltung ihrer Büroräume. Sie tun das, um die Mitarbeiter zu mehr Produktivität zu bewegen, und die sehen viele inzwischen in gestalterischer Arbeit. Samir Ayoub arbeitet seit 1994 in der Bürobranche, niemals hat er einen solch umfassenden Wandel gesehen wie in den vergangenen drei, vier Jahren, sagt er. Bürotrends gab es schon viele, oft stand die Funktionalität im Vordergrund, die optimale Raumausnutzung, die Kostenersparnis. Vor allem Anfang des neuen Jahrtausends ging es nach dem Platzen der Dotcom-Blase darum, Kosten zu sparen. Das schlug sich auch in den Büros nieder: Die wurden kleiner und spartanischer. Doch dann drehte sich der Trend um, immer mehr rückte der Mensch, das teure „Humankapital“, in den Mittelpunkt.

Es geht ums Wohbefinden

Nicht alles daran ist brandneu: Die Gesundheit der Mitarbeiter beschäftigt die Personaler schon seit Jahrzehnten. Der richtige Bürosessel, der optimale Abstand zum Bildschirm, all das ist schon lange sehr wichtig und schlägt sich auch in den vielfältigen Arbeitsschutzbestimmungen nieder. Doch jetzt geht es nicht mehr um die Gesundheit, jetzt geht es ums Wohlbefinden, eine in der Berufswelt völlig neue Kategorie, aber ansonsten weithin als Wellness-Boom bekannt. „Das Wohlbefinden ist inzwischen Dreh- und Angelpunkt“, sagt Samir Ayoub. Nicht als Selbstzweck wohlgemerkt. Sondern zur Mitarbeiterakquise und zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit. Dazu kann auch die Massage am Arbeitsplatz ihren Teil beitragen. Kostengünstig sollten die Flächen natürlich trotzdem immer noch sein, aller Inspiration zum Trotz.

Auch wir wollen uns dem neuen Büroalltag nun in einer Serie widmen. In den kommenden Wochen schauen wir uns an, wo, wie und warum die Menschen schon „anders arbeiten“, was die neuen Trends versprechen und wo sie nur schöner Schein sind.

Um schon jetzt mit einem weitverbreiteten Missverständnis aufzuräumen: Das Silicon Valley mit all seinen Tech-Giganten, oft als Experten in Sachen Wohlfühlkultur gefeiert, hat die neue Bewegung keinesfalls erfunden, allenfalls zum Hype stilisiert. Das Silicon Valley hält Ayoub in Sachen Arbeitskonzepte für vollkommen überschätzt. Vieles sei „pure Mittelmäßigkeit“, Bällebad und Rutsche reine Dekoration, um das Fehlen einer klaren Strategie zu bemänteln.

Das Konzept muss schon zum Geist des Unternehmens passen. Sonst sind die Neubaupläne fertig und einige Kollegen entsetzt, so wie es jüngst dem Technikkonzern Apple ergangen sein soll. Da hatte das Unternehmen seinen Mitarbeitern ein neues Bürogebäude hingestellt, ein ringförmiges Gebäude, „Ufo“ genannt, mit fast einem halben Kilometer Durchmesser. Selbst im Top-Management soll man ob der riesigen Großraumbüros bestürzt gewesen sein.

Quelle: F.A.S.
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.
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