Arbeitszeiten

Millionen Deutsche wollen mehr arbeiten

Von Dietrich Creutzburg, Berlin
 - 17:51

Rund 1,2 Millionen Vollzeitbeschäftigte und 1,4 Millionen Teilzeitbeschäftigte in Deutschland würden im Grundsatz gerne mehr arbeiten, als sie es derzeit tun. Dagegen gibt es nur gut eine Million Vollzeitbeschäftigte, die gerne etwas kürzertreten und ihre Arbeitszeit verringern würden. Unter denen, die ohnehin schon Teilzeit arbeiten, sind solche Wünsche die Ausnahme. Das zeigt eine Auswertung des Statistischen Bundesamt zu den Arbeitszeitwünschen von Erwerbstätigen. Dabei wird jeweils unterstellt, dass die Verdienste der Beschäftigten entsprechend der veränderten Arbeitszeit steigen oder sinken würden.

Die Daten beziehen sich auf das Jahr 2016 und wurden im Rahmen regelmäßiger Befragungen gewonnen. Im Vergleich zum Jahr 2014 deutet sich dabei eine gewisse Verschiebung der Wünsche hin zu kürzeren Arbeitszeiten an: Damals hatten sich noch 1,3 Millionen Vollzeit- und sogar 1,6 Millionen Teilzeitbeschäftigte längere Arbeitszeiten gewünscht. Demgegenüber äußerten damals 823000 Vollzeitbeschäftigte den Wunsch nach Entlastung. Der Anteil der Erwerbstätigen, die mit ihrer Arbeitzeit zufrieden sind, ist geringfügig auf 90,8 Prozent gestiegen.

Die Ergebnisse liefern Diskussionsstoff für die Konflikte über neue tarifliche und gesetzliche Arbeitszeitregelungen – lassen allerdings ganz unterschiedliche Deutungen zu. Denn einerseits wünschen sich nun zwar insgesamt mehr Menschen eine kürzere Arbeitszeit als zuvor. Andererseits gilt aber noch immer: Selbst unter denen, die bisher Vollzeit arbeiten, kommt der Wunsch nach Mehrarbeit weiterhin häufiger vor als der Wunsch nach zeitlicher Entlastung.

IG Metall fordert Möglichkeit zur 28-Stunden-Woche für zwei Jahre

Die IG Metall will in der aktuellen Tarifrunde für 3,9 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie durchsetzen, dass die Metaller für bis zu zwei Jahre von Vollzeit auf eine 28-Stunden-Woche wechseln können und dabei vom Arbeitgeber garantiert bekommen, dass die Vollzeitstelle am Ende wieder zur Verfügung steht. Ähnliches will die SPD gesetzlich festschreiben und hat sich dies in den Sondierungen für eine neue große Koalition mit der Union zusichern lassen.

Bisher haben Beschäftigte zwar den gesetzlichen Anspruch, von Voll- auf Teilzeit zu wechseln – der Arbeitgeber muss aber nicht die Vollzeitstelle offenhalten. Deshalb, so SPD und IG Metall, scheuten sich viele Beschäftigte, den Wunsch nach zeitweiliger Entlastung umzusetzen: Sie fürchteten die Teilzeitfalle. Unklar ist indes, inwieweit eine solche Furcht auch dazu führt, dass Erwerbstätige mögliche Teilzeitwünsche selbst in Befragungen gar nicht erst äußern. Feststellen lässt sich mit den Daten, dass der Anteil der Vollzeitkräfte, die Entlastungswünsche äußern, von 2,9 auf 3,5 Prozent gestiegen ist. Der Anteil der Vollzeitkräfte, die mehr als ihre aktuelle Arbeitszeit leisten wollen, ist indes von 4,4 auf 4 Prozent gesunken.

Die Zahlen beziehen sich zwar auf die Gesamtwirtschaft, es lässt sich aber noch ein weiterer Fingerzeig für die Metaller ableiten: Auch eine Lockerung der tariflichen Arbeitszeit „nach oben“ würde unter Arbeitnehmern Zuspruch finden. Tatsächlich geht es in den aktuellen Tarifverhandlungen mittlerweile auch darum, ob im Gegenzug für neue Teilzeitansprüche zugleich mehr Beschäftigte das Recht erhalten sollen, Arbeitsverträge mit mehr als 35 Stunden in der Woche zu unterschreiben, für entsprechend mehr Lohn. Die Arbeitgeber dringen darauf, als Ausgleich für den erwarteten Verlust an Arbeitsleistung durch neue Teilzeitregelung.

Bisher deckeln die Metall-Tarifverträge den Anteil der Beschäftigten, die vertraglich bis zu 40 Stunden leisten dürfen, auf 13 bis 18 Prozent je Betrieb. Inwieweit sich die IG Metall hier Lockerungen vorstellen kann, soll sich kommende Woche in Gesprächen im Schlüsselbezirk Baden-Württemberg klären. Dass viele Metaller für 40-Stunden-Verträge offen sind, bestätigt die Gewerkschaft: Ihren Erkenntnissen zufolge wird die Obergrenze schon heute in vielen Betrieben überschritten.

Quelle: F.A.Z.
Dietrich Creutzburg
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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