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Behindert im Beruf

Blind, nicht blöd

Von Leonie von Manteuffel
 - 12:30

Es ist Mittwochmorgen, 7.30 Uhr. Siegfried Saerberg sitzt in der S-Bahn nach Dortmund und klappt seinen Laptop auf, das Startgeräusch ertönt. "Ich bin ganz froh, dass ich das Signal habe", sagt Saerberg. Von den umsitzenden Pendlern verzieht dazu keiner eine Miene, auch nicht, als leises Brabbeln aus dem Gerät ertönt. "Ich muss mal eben meinen Vortrag suchen", sagt Saerberg. Gebeugt horcht er in den Rechner hinein, während die Computerstimme die Ordnernamen herunterrasselt. Dann setzt Saerberg die Kopfhörer auf, um sich auf das Seminar einzustimmen, in dem er heute eine Gruppe Sonderpädagogikstudenten in die Grundlagen der Feldforschung einführen will.

Schon als Kind ist Siegfried Saerberg durch eine Netzhauterkrankung allmählich erblindet. Seine Behinderung motivierte ihn zur Auseinandersetzung mit Mobilität. Er schrieb seine Abschlussarbeit in Soziologie über "Blinde auf Reisen" und promovierte über die Raumorientierung blinder Menschen. Die praktische Kostprobe dazu liefert Saerberg auf dem Universitätsgelände, wo er zielsicher auf eines der Gebäude zusteuert. Nicht nur einzelne Geräusche helfen, auch Schallreflexionen an Wänden, Decken, Gegenständen und die typischen Grundklänge eines Platzes, einer Halle oder Landschaft.

Ohne Zögern der richtige Name

Im Seminarraum hat Saerbergs Assistentin schon den Beamer installiert. "Wie viele sind wir?", fragt Saerberg. Ein Dutzend Stimmen ertönen, denen der Dozent ohne Zögern den richtigen Namen zuordnet. Es geht um die "Soziologie des Schmerzes". Aus der Theorie entwickelt sich bald ein Gespräch über Schmerzempfindung. Am Nachmittag folgt Saerbergs Spezialthema: die Konstruktion des Raumes in der Begegnung Blinder und Sehender.

"Herr Saerberg ist ein ausgezeichneter Phänomenologe. Er holt die Studenten ab, wo sie stehen", lobt Professor Ronald Hitzler, Ordinarius am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, seinen Mitarbeiter später. Dabei sei er selbst anfangs "stärkster Bedenkenträger gegen den Lehrauftrag" gewesen, gibt er zu. Würde Saerberg mit den Studenten zurechtkommen? Oder müsste sich das ohnehin schon belastete Team von nun an ständig um ihn bemühen? Doch Saerberg organisierte sich die nötigen technischen Hilfsmittel selbst. Nach etlichem Hin und Her mit Arbeitsagenturen, Integrationsfachdienst, Herstellern und Uni-Verwaltung kam schließlich die komplette Ausrüstung zusammen: eine stationäre und eine mobile "Braillezeile", die Computertexte in die Punktschrift für Blinde umwandeln, ein "Screenreader", der die Windows-Oberfläche zugänglich und Texte hörbar macht, ein Scanner, ein Blindenschriftdrucker und der Laptop. "Literatur recherchieren und markieren, Folien entwerfen, Referate lesen, hören, ausdrucken und korrigieren ist damit Routine", sagt Saerberg.

Auch Fatima Haidar arbeitet an einem speziell ausgerüsteten Computer, ihrer befindet sich in der Deutschen Bank. Sie betreut Geschäftskunden im Business-Service-Center. "Die Sprachausgabe ist eine große Hilfe, ich höre die E-Mails der Kunden ab, das geht schneller als das Tasten auf der Braillezeile", erläutert die Angestellte, die vor ihrer Erblindung Mathematik, Physik und Informatik studiert hat. Das Unternehmen hatte die inzwischen 49 Jahre alte Mitarbeiterin vor zwölf Jahren mit zwei weiteren Absolventinnen von Bürokommunikationslehrgängen direkt über das Berufsförderungwerk in Düren - eine von bundesweit zehn Aus- und Weiterbildungsstätten für Blinde und Sehbehinderte - zu einem Praktikum eingeladen. "Bei uns bewerben sich kaum Behinderte", berichtet Angela Meurer, die Schwerbehindertenvertreterin in der Bankzentrale in Frankfurt.

„Wenn ich etwas nicht kann, sage ich es“

Die fachliche Leistung ist die eine Seite, das Teamklima die andere. "Man muss fragen", betont Haidar, bei der vor knapp zwanzig Jahren eine Netzhauterkrankung ausgebrochen ist. "Bringst du mir bei, wie diese Kaffeemaschine funktioniert?", habe sie zum Beispiel eine Kollegin gebeten. "Wenn ich etwas nicht kann, sage ich es. Das ,BL' im Schwerbehindertenausweis steht für ,blind', nicht für ,blöd'", entgegnet sie gerne, wenn andere ihr etwas nicht zutrauen. Einmal zeigen, einmal üben, dann allein das Neue wagen - Blinde müssen risikofreudig sein.

"Die erste Stufe ist, einen Arbeitsplatz zu bekommen, die zweite, ihn zu behalten", sagt Burkhard Hautow. Der diplomierte Betriebswirt bearbeitet im Rechnungswesen der Kölner Ford-Werke Problemfälle in der Vertragsabwicklung. Kürzlich hat er seine Ausstattung erweitert und sich einen "Taktilen Interaktionsmonitor" für die Arbeit mit Grafiken besorgt. Hier waren bisher die Kollegen eingesprungen. Jetzt kann er mit der rechten Hand auf einem Tastfeld die Grafiken ertasten, die links mit einer Handkamera abgefahren werden.

Nach zwei Jahren kommt der kritische Zeitpunkt

Den kritischen Zeitpunkt nach zwei Jahren, wenn die Lohnzuschüsse für Schwerbehinderte durch die Arbeitsagenturen in der Regel enden, hat er überstanden. Woran das liegt, abgesehen von der fachlichen Leistung? Ein Stichwort ist Empathie: "Hilfreich ist es, sich in andere hineinzuversetzen. Ich kann nicht verlangen, dass sich der andere mit Behinderungen auskennt", sagt er. "Fragen zur Behinderung und auch Scherze müssen erlaubt sein." Inzwischen ist Hautow auch ins "Community Involvement" des Unternehmens eingebunden. Er leitet das Projekt "Autofahren für blinde und sehbehinderte Menschen". Alle ein bis zwei Jahre werden dabei Interessierte auf der Kölner Teststrecke des Unternehmens von Fahrlehrern begleitet. "Erblindete Menschen mit Führerschein genießen es, wieder einmal fahren zu können. Für die anderen verbinden sich die Fahrgeräusche erstmals mit den konkreten Aktionen an Pedalen und Schalthebel", erzählt Hautow.

"Wenn er sehen könnte, würde ich ihm noch mehr an Leistung zutrauen", sagt sein Vorgesetzter Volker Merz über den 36 Jahre alten Mitarbeiter. Je mehr Text und mündliche Kommunikation eine Tätigkeit mit sich bringt, desto günstiger sei sie für einen sehgeschädigten Menschen, schätzt er. Das Querlesen von Tabellen sei dagegen zeitaufwendiger. Aber andere hätten eben andere Schwächen. "Wir sind eine Gruppe. Entscheidend ist für mich, dass der Laden läuft", betont der Gruppenleiter. "Etwas weniger Tempo wird toleriert", sagt auch die Schwerbehindertenvertreterin der Deutschen Bank. Vor allem müsse der Arbeitsplatz passen. "Wir achten darauf, dass Schwerbehinderte entsprechend eingestellt werden, etwa im Back Office, wo es nicht ganz so auf Tempo ankommt."

Nur ein Drittel in Lohn und Brot

Durch den technologischen Wandel sind typische "Blindenberufe" - etwa in der Telefonvermittlung - teils weggebrochen, teils komplexer geworden. Neue Möglichkeiten sind hinzugekommen. 58 Qualifikationen für Verwaltungstätigkeiten, Informationstechnik, Telekommunikation, gewerbliche Berufe, Handwerk, Landschaftsbau, Gesundheitswesen und musische Berufe hat das "Netzwerk berufliche Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen" im Internet zusammengestellt. Hinzu kommt die Ausbildung an Hochschulen. "Etwa fünfzig blinde oder schwer sehbehinderte Abiturienten beginnen jedes Jahr ein Studium", schätzt Michael Richter, Referent für Sozialpolitik des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf.

Dennoch steht nur ein knappes Drittel der rund 30.000 Blinden und hochgradig Sehbehinderten im erwerbsfähigen Alter in Lohn und Brot. Im öffentlichen Dienst herrscht weitgehender Einstellungsstopp. In der Wirtschaft wachse der Druck, enge Vorgaben mit immer weniger Leuten zu erfüllen, sagt Jürgen Gade, Gesamtschwerbehindertenvertreter der Ford-Werke. "Der Wind wird rauher." Doch von Zeit zu Zeit eröffnen sich auch Marktlücken. Auf Anregung eines Frauenarztes wurde kürzlich im Rheinland eine Qualifizierung zur "Medizinischen Tastuntersucherin" (MTU) für blinde Frauen ins Leben gerufen. Diese können in Arztpraxen in der Brustkrebsfrüherkennung mitarbeiten. Eine günstige Konstellation: Durch das fehlende Augenlicht ist der Tastsinn von Blinden oft besonders gut ausgeprägt.

Mehr Informationen

- Als blind gilt gesetzlich, wessen Sehleistung auch mit Brille oder Kontaktlinsen auf dem besseren Auge weniger als 2 Prozent der Norm erreicht. Als sehbehindert gilt, wer nicht mehr als 30 Prozent der normalen Sehkraft erreicht.

- Einen Überblick über berufliche Einsatzmöglichkeiten, Ausbildungsstätten und Hilfsmittel gibt das „Netzwerk berufliche Teilhabe“ im Internet unter www.ihre-einstellung.de. Hilfreich ist auch die Seite www.talent-plus.de

- Beratung und Hilfsmittelfinanzierung leisten die Integrationsämter: www.integrationsaemter.de. Eine unternehmensübergreifende Hilfsmittelberatung finden Interessierte unter www.incobs.de

Quelle: F.A.Z.
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