Was nun?

Umgang mit Fehlern am Arbeitsplatz

Von Christoph Schäfer
 - 15:40

Ausgerechnet im wichtigsten Spiel seiner Karriere sind Loris Karius zwei krasse Fehler unterlaufen. Bis dahin hatte der Torwart von Liverpool eine brauchbare Saison gespielt und war im Januar sogar zur Nummer eins zwischen den Pfosten des englischen Fußballklubs aufgerückt.

Doch dann lieferte der 24-jährige Deutsche im Champions-League-Finale zwei Szenen ab, die der frühere Nationalmannschaftskapitän Lothar Matthäus nachher als „die schlechteste Torhüter-Leistung in den letzten 20, 30 Jahren“ brandmarkte.

Zehn Millionen schauen zu

In der ersten Szene wirft Karius den Ball ab, obwohl ein gegnerischer Spieler direkt vor ihm steht, der nur das Bein auszustrecken braucht, um das Spielgerät im Kasten zu versenken. Die zweite Szene: Anstatt auf Nummer Sicher zu gehen und einen stramm geschossenen Ball wegzufausten, will er ihn festhalten – und der Ball landet abermals im Tor.

Zwei Notausgänge, durch die sich andere Erwerbstätige nach vergleichbaren Patzern gerne zu retten versuchen, sind Karius nun versperrt. Zum einen war von vorneherein ausgeschlossen, dass er sich unbemerkt davonschleichen können würde – allein in Deutschland verfolgten knapp zehn Millionen Fernsehzuschauer die Übertragung des Endspiels. Ebenso wenig kann Karius die Schuld auf jemand anderen schieben. Seine Fehler hätten individueller nicht sein können.

Vogel-Strauß-Taktik: Kopf in den Sand

So bitter die Situation für den Torwart ist, der Rest der Menschheit kann aus ihr etwas lernen. Aus Fehlern wird man bekanntermaßen klug. Auch aus Fehlern, die andere machen. Frei nach dem britischen Premierminister Winston Churchill: „Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance.“

Dabei hilft es, sich anzuschauen, wie Loris Karius mit seinem schwarzen Tag umgegangen ist. Zunächst versuchte er es mit der Vogel-Strauß-Taktik: Nach dem Abpfiff legte er sich auf den Boden und zog sich das Trikot über den Kopf. Als er später vom Feld ging, flossen Tränen. Vor den Mikrofonen aber stellte er sich seiner Verantwortung und entschuldigte sich. „Mir tut es so leid für das Team. Ich weiß, ich habe meine Mitspieler heute enttäuscht, diese Tore haben uns den Titel gekostet“, sagte er. Und mit Blick auf seine Zukunft: „Es ist das Leben eines Torhüters. Man muss wieder aufstehen.“

Nicht in Selbstmitleid verfallen

Aus psychologischer Sicht hat Karius damit schon einmal viel richtig gemacht. „In so einer Lage geht es darum, die Verantwortung zu übernehmen und sich auch den Konsequenzen zu stellen“, sagt der Psychologe Christian Mühldorfer, der seit Jahrzehnten Seminare und Einzelcoachings für Führungskräfte aller Hierarchiestufen gibt. Zwar gebe es für solche Situationen kein Patentrezept, weil viel von der jeweiligen Art des Fehlers und dem beruflichen Umfeld abhänge. Schuldgefühle aber sollte man auf jeden Fall überwinden, rät Mühldorfer. Und auf keinen Fall sollte man in öffentliches Selbstmitleid verfallen.

Doch auch für die Aufrichtigsten können die Konsequenzen bitter sein. „So ein Abend kann eine Karriere ruinieren“, konstatiert der frühere Nationaltorhüter Oliver Kahn im Fernsehen. Schon werden in der Presse die Namen anderer Torhüter genannt, die Karius nach der Sommerpause ersetzen könnten. Dem Deutschen droht die Ersatzbank.

Bundesarbeitsgericht: Jeder so gut er kann

Wird es tatsächlich so kommen? „Die entscheidende Frage ist, welche Fehlerkultur in meiner Firma herrscht“, kommentiert Thomas Fiebig, der das Institut für Personalmanagement und Mitbestimmung in Hamburg leitet. In einem Unternehmen im Aufbau dürften mehr Fehler passieren als in einem etablierten und anspruchsvollen Unternehmen, in dem es um Perfektion geht. Das gelte in der Wirtschaft wie im Sport. So gesehen, hat Karius Pech: In Liverpool sind Weltklasse-Leistungen gefragt.

Nach haarsträubenden Fehlern droht allerdings auch Arbeitnehmern in gewöhnlichen Betrieben der Rauswurf oder eine Degradierung. Einen rein objektiven Maßstab, ab wann eine Kündigung wegen schlechter Leistungen rechtens ist, gibt es in Deutschland nicht. Vielmehr hat das Bundesarbeitsgericht 2003 geurteilt: „Der Arbeitnehmer hat das zu tun, was er soll, und zwar so gut er kann.“ Das lässt jede Menge Spielraum für den Richter übrig.

Ersatzbank im Büro: Änderungskündigung

Im Regelfall müssen kündigungswillige Arbeitgeber schriftlich fixieren, was der Angestellte genau tun soll, und mit ihm ausführlich besprechen, wie er diese Soll-Leistung erreichen kann. Erst wenn der Mitarbeiter die gewünschten Ergebnisse danach immer noch nicht erfüllt, sind eine Abmahnung und später eine Kündigung rechtens. Das gelte für regelmäßige wie für schwere Fehler, erklärt Thomas Fiebig, der als Anwalt mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht tätig ist.

Aber es muss ja nicht gleich der Rauswurf sein. Was im Sport die Ersatzbank ist, wird in anderen Branchen als Degradierung bezeichnet. Im Fußball entscheidet darüber allein der Trainer. In anderen Betrieben ist dafür eine „Änderungskündigung“ nötig, die im Streitfall vor Gericht bestehen muss. „Und auch hier gibt es wenige handfeste juristische Parameter, es kommt immer auf die Gemengelage an“, sagt Anwalt Thomas Fiebig. Wie schwer war der Fehler? Was hat der Arbeitgeber getan, um solche Ausrutscher möglichst auszuschließen? Wie hat der Arbeitnehmer bisher gearbeitet?

Ansprechen oder vertuschen

Loris Karius konnte seine beiden Fehlgriffe nicht verheimlichen. Anderen Arbeitnehmern stellt sich hin und wieder die Frage, ob sie einen Fehler dem Vorgesetzten beichten oder lieber darüber schweigen sollten. „Das ist wie die Frage, ob man den Seitensprung seinem Partner beichten sollte oder nicht“, sagt Thomas Fiebig dazu. Einen generellen Rat wolle er als Jurist deshalb nicht geben, für beides gebe es gute Argumente.

Grobe Fehler sind nicht nur peinlich und schlecht für die Karriere, sie können auch teuer werden. Wer zahlt für den entstandenen Schaden?

Arbeitnehmer für Schäden haftbar

In der Rechtsprechung hat sich dazu ein dreistufiges Haftungsmodell entwickelt. Handelte ein Mitarbeiter lediglich leicht fahrlässig, muss der Arbeitgeber dafür aufkommen, der Arbeitnehmer haftet nicht. Bei mittlerer Fahrlässigkeit muss der Arbeitnehmer einen Teil der Schadenssumme zahlen. Wie viel genau, hängt unter anderem vom Gehalt des Arbeitnehmers, seinem Vorverhalten und den Umständen ab, die zu dem Schaden geführt haben.

Handelt ein Angestellter grob fahrlässig, haftet er grundsätzlich für den gesamten Schaden. Allerdings ist eine Haftungseinschränkung üblich, wenn zwischen seiner Vergütung und dem Schaden ein deutliches Missverhältnis besteht. Und in aller Regel geht die Strafe nicht über drei Bruttogehälter hinaus. Eine Reinigungskraft muss also nicht das millionenteure Gemälde ersetzen, das sie beim Putzen fahrlässig von der Wand gefegt hat.

Strengere Regeln für Spitzenmanager

Dieses sogenannte Haftungsprivileg gilt allerdings nur für einfache Arbeitnehmer. Vorstände, Geschäftsführer und Aufsichtsräte müssen bei groben Regelverstößen tatsächlich mit ihrem gesamten Vermögen haften. Für sie sei deshalb eine Managerhaftpflichtversicherung (D&O-Police) unabdingbar, sagt Marcel Roeder vom Versicherungsmakler Aon. „Wer ohne Absicherung erheblich gegen Compliance- oder andere Regularien verstößt, läutet sein Karriereende ein.“

In Deutschland gelte mittlerweile eine der strengsten Haftungsregelungen weltweit. Es gebe hierzulande schätzungsweise 80.000 Vorschriften, sagt Roeder, die ein Spitzenmanager einhalten müsse. „Deshalb findet ein guter Jurist im Schadensfall immer irgendeine Vorschrift, gegen die angeblich verstoßen wurde und an der er seine Haftungsklage aufhängt“, sagt Roeder.

Sehr teuer können berufliche Fehler beispielsweise auch für Architekten, Ingenieure, Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte und Hebammen werden. Ihnen rät Roeder deshalb auch nachdrücklich, sich gegen Schadensersatzforderungen abzusichern und sich im Fall der Fälle umfassend beraten zu lassen, ob sie einen gravierenden Fehler von sich aus zugeben sollten. In diesem Zusammenhang weist der Versicherungsspezialist auf einen Grundsatz des deutschen Rechtssystems hin, der da heißt: „Keiner muss sich selbst belasten.“

Zumindest aus Sicht des Versicherungsfachmanns hat Loris Karius, der Torwart, übrigens Glück gehabt. Zwar seien seine Patzer im ChampionsLeague-Finale eindeutig als „fahrlässig begangene sportliche Pflichtverletzung“ zu werten. Auch habe sein Verein weniger Preisgeld eingenommen und einen Reputationsschaden erlitten, sagt Roeder. „Fußballvereine machen ihre Spieler aber nicht schadensersatzpflichtig. In der Wirtschaft ist das anders. Als Vorstand wäre Herr Karius jetzt fällig.“

Quelle: F.A.S.
Christoph Schäfer
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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