Finanzbranche

Der Bankkaufmann hat ausgedient

Von Tim Kanning
 - 06:03
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Dass er einmal Eishockey-Profi werden will, wusste Frank Strauß schon als kleiner Junge. Dass er einmal im Vorstand der Deutschen Bank landen würde, vermutlich nicht. Den ersten Karriereweg haben sein eiserner Wille und jede Menge Training befeuert. Den zweiten vor allem seine Eltern. Wie in so vielen Familien hieß es auch im Hause Strauß damals in den achtziger Jahren: Junge, mach was Solides, geh zur Bank. Der Junge befolgte den Rat und stieg vom Banklehrling in der Filiale Iserlohn nach und nach auf bis zum Vorstandsvorsitz der Postbank. Und weil die nun in ihren Mutterkonzern Deutsche Bank integriert wird, sitzt Strauß seit September auch dort im Vorstand.

Schon heute sind Typen wie Strauß eine Seltenheit in den Chefetagen der großen Banken: ohne Studium bis ganz nach oben – das wird künftig wohl noch seltener werden. Und die klassische Banklehre hat angesichts der gewaltigen Umbrüche in der Bankenwelt als Start in eine solche Karriere ausdient. Wer will überhaupt noch in eine Branche, in der seit Jahren von Skandalen und Krise die Rede ist und in der nicht mal mehr die Gehälter in den Himmel wachsen? Eltern, die ihren Kindern heute etwas Solides empfehlen wollen, denken dabei wohl schon seit einigen Jahren nicht mehr als Erstes an eine Ausbildung in der Bank. Das zeigen auch die Zahlen des Bundesinstituts für berufliche Bildung: Wurden 1997 noch mehr als 18.000 neue Lehrverträge unterzeichnet, waren es 2015 nur noch rund 11.000.

In kaum einer anderen Branche wurden in den vergangenen Jahren so viele Stellen abgebaut. Während der deutsche Arbeitsmarkt von einem Rekord zum nächsten jagt und vielerorts schon Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel herrschen, ist die Zahl der Arbeitsplätze in den Banken zwischen 2008 und 2017 um 10 Prozent gesunken. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum haben die IT-Unternehmen ihre Belegschaften um mehr als 40 Prozent aufgestockt. Und auch in der weiter gefassten Finanzbranche sind es nur die „mit Finanzen und Versicherungen verbundenen Tätigkeiten“, worunter die IT-Berater und Datenverarbeiter der Banken fallen, für welche die Statistik der Arbeitsagentur einen Zuwachs verzeichnet – satte 28 Prozent.

Berater und Sachbearbeiter werden durch Computer ersetzt

Schon die nackten Zahlen sagen viel aus über den Strukturwandel in der deutschen Bankenlandschaft: während die Kunden ihre Bankgeschäfte zunehmend online oder am Bankautomaten erledigen, werden die klassischen Berater und Sachbearbeiter nach und nach durch Computer ersetzt. Lange waren es vor allem die Filialen auf dem Lande, bei denen die Banken den Rotstift ansetzten. Jede vierte Zweigstelle haben die Banken und Sparkassen seit dem Jahr 2000 dichtgemacht, wie die staatliche Förderbank KfW gerade zusammengerechnet hat. Allein in den Jahren 2014 und 2015 schlossen die Kreditinstitute satte 2200 Zweigstellen. Damit wurden auch viele der Mitarbeiter, die dort arbeiteten, überflüssig.

Doch in der aktuellen Sparrunde sortieren die großen Banken auch in ihren Zentralen gnadenlos aus. Die Verwaltungsprozesse werden zunehmend digitalisiert, was noch vor Kurzem Frauen und Männer machten, übernehmen nach und nach die Computer. So will Martin Zielke, der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, in den nächsten drei Jahren 80 Prozent der Geschäftsprozesse digitalisieren und dafür dann mit 9600 Mitarbeitern weniger auskommen. John Cryan hat an der Spitze der Deutschen Bank ähnlich ambitionierte Sparziele und fand kürzlich auf einer Konferenz drastische Worte dafür, wie sehr die Bankbranche von den technologischen Neuerungen umgekrempelt wird. „Junge Leute werden schon bald den Nutzen einer traditionellen Bank nicht mehr erkennen“, sagte Cryan. „Wir müssen die neuen Technologien übernehmen und uns an die neuen Arbeitsformen anpassen. Sonst bleiben wir zurück.“

Wie wenige Menschen im modernen Bankgeschäft auch in vergleichsweise großen Häusern gebraucht werden, zeigt das Beispiel ING Diba. Gemessen an ihren acht Millionen Kunden, ist die Direktbank, die nur über das Internet und per Telefon zu erreichen ist, die drittgrößte Bank in Deutschland. Sie erledigte zuletzt Bankgeschäfte im Wert von 137 Milliarden Euro mit gerade einmal 4000 Mitarbeitern. Zum Vergleich: Die Postbank, bei der vieles noch in Filialen erledigt wird, kommt mit ihren 14 Millionen Kunden auf eine Bilanzsumme von 155 Milliarden Euro; beschäftigt dafür aber viermal so viele Mitarbeiter wie die ING Diba. So ist es auch die Bonner Traditionsbank, bei der nun abermals Tausende Stellen wegfallen dürften, wenn die Deutsche Bank sie nach Jahren der Ko-Existenz komplett mit ihrem eigenen Privat- und Firmenkundengeschäft zusammenlegen will – die nächste große Aufgabe für den ehemaligen Eishockey-Profi Frank Strauß.

Die einstigen Langweiler sind gefragter denn je

Nur zwei Sparten hat John Cryan von seinem rigorosen Sparprogramm für die Deutsche Bank ausgenommen: die IT-Abteilungen, in denen der digitale Wandel der Bankgeschäfte vorangetrieben werden soll, wo neue Apps und stabile Computersysteme entwickelt werden, sowie die Abteilungen, welche die Einhaltung aller Regeln überwachen sollen (Compliance). So sind es vor allem die Computerfachleute und die Regulierungsprofis, für welche die Bankbranche nach wie vor jede Menge Arbeit bereithält. Ausgerechnet die einstigen Langweiler sind im Bankenviertel gefragter denn je.

„Früher wurden in die Compliance-Abteilungen eher die Mitarbeiter abgeschoben, die woanders nicht mehr gebraucht wurden“, sagt etwa Patrick Riske, Partner der Frankfurter Personalberatung Fricke Finance & Legal. „Heute gibt es dafür eigene Studiengänge, und die Preise für Regulierungsfachleute steigen seit Jahren.“ Und der Brexit dürfte diese Entwicklung erst einmal verschärfen, denn: „Die Banken, die wegen des Brexits nach Frankfurt kommen, brauchen genau die Mitarbeiter, die ohnehin schon knapp sind.“

In den Austritt der Briten aus der Europäischen Union legen die Standortvermarkter am Finanzplatz Frankfurt große Hoffnungen. Goldman Sachs, die Citigroup und Morgan Stanley sowie diverse asiatische Banken haben schon verkündet, dass sie nach dem Brexit Frankfurt zu ihrem neuen Zentrum für Kontinentaleuropa ausbauen wollen. Allein Goldman Sachs könnte die Zahl seiner Mitarbeiter von derzeit knapp 200 sukzessive auf 800 erhöhen. Deutsche-Bank-Chef Cryan hat schon einmal die Zahl von 4000 Mitarbeitern in den Raum gestellt, die künftig nicht mehr in London, sondern am Stammsitz arbeiten könnten. So kommen die Lobbyisten des Finanzplatzes schnell auf 10.000 neue Arbeitsplätze in Banken.

Hilft der Brexit wirklich?

Die wenigsten der neuen Banker dürften tatsächlich von der Themse an den Main umziehen – schon wegen der deutlich niedrigeren Gehälter, die in Deutschland gezahlt werden. „Der Brexit wird nicht mit einer großen Mitarbeiter-Verschiffung einhergehen“, glaubt Riske, der nach eigener Auskunft schon mit einigen internationalen Banken im Gespräch ist. Vielmehr dürften die Banken am deutschen Arbeitsmarkt auf die Suche gehen.

Bislang seien die Mandate aber noch sehr überschaubar. Vor allem für das eigentliche Bankgeschäft, das sogenannte Front Office, sucht bislang noch kaum ein Londoner Haus Mitarbeiter für Frankfurt. Derzeit brauchen sie vor allem Leute, die für funktionierende Büros und die nötigen Banklizenzen sorgen. Auch sie suchen also Fachleute für Computersysteme, für die Regulierung und für das Meldewesen, um die sich schon die deutschen Banken sowie die stetig wachsende Aufsichtsbehörde der Europäischen Zentralbank in Frankfurt reißen.

Die Suche nach Kandidaten für solche Positionen wird für die Personalberater erschwert durch die anhaltende Unsicherheit über die tatsächliche Ausgestaltung des Brexits. Denn die Frankfurt-Pläne internationaler Banken hängen eng mit der Erwartung eines harten Brexits zusammen: Für den Fall, dass EU und Großbritannien bis zum Austrittsstichtag keine vernünftigen Regeln für ihre Handelsbeziehungen gefunden haben, wollen sie gewappnet sein. Im Zuge der Verhandlungen kann sich aber noch einiges ändern – auch ein kompletter Rücktritt vom Austritt ist nicht ganz auszuschließen. Die Unsicherheit darüber, was das für Mitarbeiter bedeuten könnte, die schon bei einem der Brexit-Flüchtlinge angeheuert haben, können die Personalberater ihren Kandidaten auch nicht nehmen. Nur eines ist sicher: Für die Bankkaufleute, die ihren Posten in der Filiale in Gütersloh und Greifswald verloren haben, dürften die internationalen Großbanken in keinem Fall Bedarf haben.

Während die IT-ler und die Regulierer ihre Preise derzeit angesichts des knappen Angebots und der hohen Nachfrage in die Höhe treiben können, gilt das für die übrigen Bankbeschäftigten nicht gerade. Im Gegenteil: Die goldenen Zeiten sind in weiten Teilen des Geschäfts vorbei. Die Deutsche Bank, die junge Talente gerne mit der Aussicht auf hohe Boni an sich lockte, hat die Zusatzvergütungen nach den Skandalen der Finanzkrise deutlich zurückgefahren. Schon wegen strengerer Gesetze dürfen die Boni inzwischen „nur noch“ das Doppelte des Fixgehalts eines Mitarbeiters betragen. Nur noch 316 der knapp 100.000 Mitarbeiter der Bank erhielten im vergangenen Jahr ein Gehalt von mehr als einer Million Euro. Im Vorjahr waren es noch mehr als doppelt so viele. Vor allem die drastische Kürzung der Boni hat die Gehälter zuletzt gedrückt.

Verglichen mit anderen Branchen, sind es nicht mehr die Banken, die ihre Mitarbeiter besonders fürstlich belohnen. Eine Untersuchung der Paderborner Personal-Strategieberatung Lurse zur Gehaltsentwicklung in verschiedenen Branchen in Deutschland ergab, dass die Löhne im Jahr 2018 in allen anderen Wirtschaftszweigen stärker wachsen dürften als für Banken und Versicherer. Schon in der vorangegangenen Untersuchung hatten sie das Schlusslicht gebildet. Die Gründe dafür sind aus Sicht von Birgit Horak, Managing Partner bei Lurse, klar: „Die Unsicherheit, über die künftigen Entwicklungen in dieser Branche lasse sich an den sehr moderat ausfallenden Erhöhungsbudgets ablesen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenpoträt / Kanning, Tim (kann.)
Tim Kanning
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