Beruf und Familie

Vater, Vorgesetzter - und in Teilzeit

Von Nadine Bös
 - 07:30

Veit Schwinkendorf ist so etwas wie ein Exot. Seit Juli arbeitet er in Teilzeit. Drei Tage die Woche ist er im Büro, zwei hat er frei: Zeit für die Kinder. Elf Jahre alt sind seine Zwillinge. An seinen freien Tagen holt Schwinkendorf sie von der Schule ab, hilft bei den Hausaufgaben oder fährt die Jungs zum Sport. Es ist schon das zweite Mal, dass der 51-Jährige eine solche Arbeitszeitregelung verhandelt hat: Auch bei seinem früheren Arbeitgeber hatte er eine 60-Prozent-Stelle. „Angefangen hat das Ganze eigentlich schon, als die Kinder in die Schule kamen“, erinnert er sich. „Ich wollte einfach auch unter der Woche regelmäßig für sie da sein.“

Immer mehr Väter nehmen Elternzeit nach der Geburt eines Kindes oder reduzieren Arbeitsstunden, wenn die Kinder schon etwas älter sind, kurz: engagieren sich für die Familie. Schwinkendorf ist dennoch ein Ausnahmefall. Wegen seines Berufs: Er ist weder Lehrer noch überhaupt Beamter, auch kein einfacher Angestellter mit geregeltem Acht-Stunden-Tag. Stattdessen arbeitet er in der Unternehmensberatung, einer Branche, die eigentlich wegen langer Arbeitstage, Überstundenbergen und ständiger Dienstreisen als besonders familienunfreundlich verschrien ist. Und wegen seiner Position: Er ist Führungskraft - und das schon seit langer Zeit: Sowohl in seinem alten Job bei Roland Berger als auch heute bei Oliver Wyman war und ist der Energiefachmann als Partner tätig.

Eine ungewöhnliche Konstellation. Denn die Vorbehalte gegen familienbedingte Aus- oder Teilzeiten sind in zwei Gruppen noch immer riesig: unter Männern und unter Führungskräften. Weil noch immer die meisten Führungskräfte männlich sind, trifft oft beides zusammen. „Männer, gerade in den Chefetagen, sind weiterhin sehr, sehr vorsichtig, was das Thema Teilzeit und Elternzeit angeht“, sagt Volker Baisch.

Er muss es wissen. Der Geschäftsführer der „Väter gGmbH“ betreibt eine Beratung für Unternehmen, die durch Engagement für moderne Väter um qualifiziertes Personal werben möchten. „Wir haben Studien gemacht, die eindeutig zeigen, dass immer mehr Väter die Erziehung ihrer Kinder aktiv mitgestalten wollen“, sagt Baisch. Auch unter Führungskräften gebe es Fälle von Vätern, die nach dem Baby Elternzeit nehmen oder auf Teilzeit gehen. Bloß: „Laut sagen will das fast niemand“, weiß Baisch. Mal fürchteten diese Väter, als schwach zu gelten, mal fürchteten die Unternehmen eine allzu offene Abkehr von der Präsenzkultur.

Die Mehrheit beschränkt sich auf zwei „Vätermonate“

Statistiken zeigen gleichwohl, dass Väter wie Veit Schwinkendorf bislang noch die große Ausnahme sind. Im Jahr 2014 gingen fast 73 Prozent der erwerbstätigen Mütter einer Teilzeittätigkeit nach, aber weniger als 6 Prozent der arbeitenden Väter. Die wenigsten davon dürften zugleich Führungskräfte gewesen sein - ist doch der Anteil der Stellen für Führungskräfte in Teilzeit hierzulande ohnehin verschwindend gering. Insgesamt liegt der Anteil von Teilzeitführungskräften (Frauen und Männer) bei weniger als 10 Prozent, während Island, Luxemburg oder Schweden nach Angaben der Soziologin Lena Hipp jeweils auf zweistellige Prozentsätze kommen. Gerade erst zeigte eine neue Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, dass überdurchschnittlich viele Männer in Führungspositionen zurückhaltend damit sind, nach Auszeiten, Teilzeiten und Elternzeit von mehr als zwei Monaten zu fragen. Hochqualifizierte Männer fürchteten, Normen zu verletzen und dadurch stigmatisiert und diskriminiert zu werden, schreiben die Wissenschaftlerinnen Christina Klenner und Yvonne Lott.

Die Mehrheit der Väter beschränkten sich nach wie vor auf die zwei „Vätermonate“ Elternzeit, die für eine längere Elterngeldzahlung nötig sind; oft teilen die Papas ihre Auszeit in zwei Portionen auf. Zwei mal vier oder viereinhalb Wochen - arbeitsorganisatorisch ist das nichts anderes als längerer Urlaub. Vertretungsweise jemanden einzustellen lohnt sich da in der Regel nicht. Schon gar nicht, die Stelle gänzlich an jemand anderen zu vergeben, wie es mancher Mutter passiert, die für ein ganzes Jahr aussteigt.

Dass Elternzeiten von mehr als ein oder zwei Monaten und sogar eine längerfristige Teilzeittätigkeit aber durchaus für Männer in Führungspositionen möglich sind, zeigt das Beispiel von Diedrich Bremer, 35 Jahre alt und Bereichsleiter im internen Consulting beim Versandhändler Otto Group in Hamburg. Im Jahr nach der Geburt seiner mittlerweile drei Jahre alten Tochter hat er drei Monate Elternzeit genommen. Nach einem kurzen Wiedereinstieg in Vollzeit kam das zweite Kind zur Welt, es ist mittlerweile ein Jahr alt. Bremer entschloss sich zu einer 80-Prozent-Teilzeittätigkeit in Elternzeit.

Zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls für Otto auf einer 80-Prozent-Basis tätig ist, hat er ein ausgeklügeltes Wochenmodell entwickelt, um Familie und Beruf in Einklang zu bringen: „Beide Kinder gehen fünf Tage die Woche in eine Kita“, erklärt er. „Die hat zwar grundsätzlich bis 18 Uhr auf, doch haben wir gemerkt, dass es einen faden Beigeschmack hat, wenn man die Öffnungszeiten bis zum Ende ausreizt.“ Die meisten anderen Eltern holten ihre Kinder spätestens gegen 16 Uhr ab. „Nach 17 Uhr ist keiner mehr in der Kita - da will man nicht der Einzige sein!“ Diedrich Bremer hat nun aufgrund seiner Teilzeit jeden Montag frei und erscheint pünktlich um 16 Uhr zum Abholen. Dienstags geht seine Frau früher von der Arbeit nach Hause, Mittwochs ist er an der Reihe mit einem vorzeitigen Feierabend gegen 15 Uhr. Donnerstags leistet sich das Paar eine Babysitterin, welche die Kinder abholt und beiden längere Arbeitszeiten ermöglicht. Freitags schließlich hat Bremers Frau ihren freien Tag.

Am Montag steht nur „Kinder“ im Kalender

Aber kann ein Bereichsleiter einen Tag in der Woche gar nicht da sein und an einem zweiten nach 15 Uhr nicht mehr? Kann man Chef sein ohne ständige Präsenz? „Es geht“, sagt Bremer, „sehr gut sogar.“ Ein Vorteil sei es sicherlich, dass seine Tätigkeit fast immer auf Projekten basiert, die sich flexibel einplanen lassen. „Der Montag ist bei mir im Kalender grundsätzlich für Termine komplett blockiert“, erläutert Bremer. „Da steht ein großer Block namens ,Kinder‘ drin - das ist auch für jeden meiner Mitarbeiter transparent.“ Im internen Consulting sei es ohnehin so, dass der Chef aus mannigfaltigen Gründen nicht jeden Tag immer erreichbar ist. „Das ist mein Team schon gewöhnt“, sagt Bremer. „Mal bin ich auf Dienstreise irgendwo in Deutschland, mal in einem Meeting, in dem ich stundenlang nicht ans Telefon kann, und ein anderes Mal eben bei meinen Kindern.“

Auch seine Elternzeitvertretung war Bremer zufolge unproblematisch. „Projektarbeit ist sehr gut planbar. Als meine Elternzeit begann, war mein Vertreter schon voll eingearbeitet - am selben Tag, an dem ich das Büro verließ.“ Bremers Vertretung war eine interne Lösung; ein Kollege aus seinem Team sprang für ihn ein. „Natürlich wird es irgendwann kompliziert, wenn mehrere Leute gleichzeitig Auszeiten nehmen wollen“, gibt Bremer zu. „Aber grundsätzlich gilt in unserem Geschäft: Ist der Pool an Leuten kleiner, gibt’s einfach irgendwann weniger Projekte, die sich realisieren lassen. Die grundsätzliche Arbeit ist aber dadurch nicht gefährdet.“ Auch dass sein Ansehen leidet, fürchtet er keineswegs: „Dass die Kollegen die Nase rümpfen, weil ich engagierter Papa bin - das kam bislang kaum vor.“

Ähnliches berichtet Unternehmensberater Veit Schwinkendorf. „Ich habe nie von anderen Mitarbeitern irgendein schlechtes Wort darüber gehört, dass ich Teilzeit arbeite und für meine Familie da bin“, sagt er. Das mag auch an seiner Chefin liegen. Finja Kütz, die seit etwas mehr als einem Jahr das Deutschland-Geschäft von Oliver Wyman leitet, hat selbst drei Kinder bekommen, während sie als Partnerin für ihre Firma tätig war. „Unternehmensberatung ist und bleibt ein zeitaufwendiger Beruf mit hoher Reisetätigkeit und ist damit eigentlich unattraktiv für Eltern“, weiß sie. Mit etwas gutem Willen biete er aber auch Chancen für hohe Flexiblität. Kütz versucht, eine Kultur im Unternehmen zu fördern, „in der es üblich ist zu sagen, wenn man aus familiären Gründen fehlt“. Was sich früher noch keiner traute, wird laut Kütz mittlerweile gelebt. „Heute sagen auch Männer ganz offen, dass sie mal um 15 Uhr Feierabend machen, weil sie zum Laternenumzug wollen, oder dass sie einen Tag im Home Office sind, weil das Baby fiebert.“ Sie findet es sehr wichtig, dass gerade die männlichen Kollegen das vorleben. „Dann erst ändert sich ganz grundsätzlich auch die Kultur für die Frauen. Die tappen nämlich in unserer Gesellschaft immer noch zu häufig in die Mütter-Falle.“

Gucken die anderen komisch?

Gerade mit dem „offenen Zugeben“ ihres Engagements für Kinder und Familie tun sich viele Väter in anderen Unternehmen noch schwer. In der Sparkasse Köln-Bonn etwa hat sich deshalb kürzlich ein neues Väter-Netzwerk zusammengetan. Es geht dabei vor allem darum, Männern die Scheu davor zu nehmen, offen über Familie und Vereinbarkeitsfragen zu sprechen. „Wir erleben derzeit einen gesellschaftlichen Wandel“, sagt Artur Grzesiek, der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Köln-Bonn. „Männer möchten sich aktiver in das Familienleben einbringen.“

Christoph Intemann, 32 Jahre alt, Vater einer zwei Jahre alten Tochter und eines von vier „Kernmitgliedern“ des Sparkassen-Väter-Netzwerks, beschreibt es plastischer: „Natürlich ist es eigentlich kein Problem, spontan einen Tag Urlaub zu beantragen, weil die Tochter krank geworden ist und deshalb die Kinderbetreuung fehlt. Aber für mich persönlich war so ein Kinderkrankheitstag beim ersten Mal ein ganz komisches Gefühl. Eine große Überwindung. Die Widerstände lagen in mir selbst. Ich dachte: Das macht man irgendwie nicht. Dabei haben die Kollegen und Vorgesetzten alle ganz positiv reagiert.“ Intemann glaubt, es gebe bei den Vätern noch eine regelrechte Blockade. Nicht so sehr, wenn es darum gehe, mal statt der Ehefrau mit dem Kind zum Pekip oder Babyschwimmen zu gehen, sondern bei der Kommunikation am Arbeitsplatz. Die Väter fragten sich: „Gucken die anderen komisch? Haben die mehr Arbeit durch mich, wenn ich mich um mein krankes Kind kümmere oder wegen einer Kindergartenfeier nachmittags früher gehe?“

Solche Gedanken beschäftigten oft auch Führungskräfte, sagt Marco Düx, der ebenfalls im Kernteam des Sparkassen-Väter-Netzwerks ist. Düx hat einen zwei Jahre alten Sohn und arbeitet als Teamleiter im Bereich „Multikanalmanagement“ - eine Abteilung, in der es vor allem um Digitalisierungsfragen geht. „Gerade auf der mittleren Führungsebene hat man seine eigenen Leute unter sich und selbst noch Chefs über sich“, sagt er. „Das sind viele Menschen, die von einem abhängen, und mit der Familie kommen noch weitere hinzu.“ Vom Väter-Netzwerk verspricht er sich vor allem eine Plattform, auf der man sich offen austauschen kann: „Ein halbes Jahr Elternzeit - hat das schon mal jemand anderes gemacht? Wie hat er es organisiert? Wie schreibt man einen Elterngeld-Antrag? Wo gibt es gute Betreuungsplätze? Solche Fragen.“ Es gehe dem Väter-Netzwerk auch darum, sich mit ähnlichen Netzwerken in anderen Unternehmen auszutauschen und sich gute Ideen abzuschauen.

Flexibler in Teilzeit

Unternehmensberater Veit Schwinkendorf hätte den jungen Papas von der Sparkasse bestimmt viel zu erzählen: „Meistens ist meine Präsenz auf Projekten gar nicht unbedingt fünf Tage die Woche erforderlich“, sagt er etwa, wenn man ihn danach fragt, wie sich Führungsverantwortung und Abwesenheiten vereinbaren lassen. „Natürlich mache ich übers Jahr gerechnet weniger Projekttage als in Vollzeit. Viel wichtiger ist aber, dass man die Projekte erfolgreich abschließt.“

Auch Schwinkendorf hat sich die Zeit, die er jede Woche mit seinen Kindern verbringt, im Dienstkalender langfristig als „nicht verplanbar“ eingetragen - für ihn sind es der Montag und der Freitag. „Der einzige Mehraufwand, den ich im Vergleich zur Vollzeit spüre, ist: Ich muss etwas mehr organisieren, mehr Absprachen treffen, mehr Mitarbeiter informiert halten.“ Es gibt aber auch eine positive Veränderung. „Durch die zwei komplett blanken Tage in meinem Kalender habe ich eine riesige Manövriermasse, sollte einmal wirklich etwas Dringendes anliegen“, sagt er. „Dass ich nur Dienstag bis Donnerstag da bin, ist zwar die Regel, aber nicht in Stein gemeißelt. Ich kann mich auch mal von zu Hause aus in eine Telefonkonferenz einwählen.“ Es habe auch schon Wochen gegeben, in denen er doch fünf Tage zur Arbeit ging und die freien Tage in der Folgezeit ausglich. „Es heißt immer, Eltern seien unflexibler als Kinderlose, weil die Kinder den Takt vorgeben. Aber durch die Teilzeit ist bei mir eher das Gegenteil der Fall: Seit ich mich mehr für die Kinder engagiere, bin ich flexibler geworden: Zum ersten Mal in meinem Arbeitsleben hat mein Terminkalender freie Stellen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft.
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