Beruflich online

Netiquette – nur nettes Etikett?

Von Nadine Bös
 - 15:45

Es ist nicht irgendwer, der da postet: „Ich bitte euch, mich mit eurem Gebet auf meiner Reise nach Chile und Peru zu begleiten“, so lautete vor rund zwei Wochen einer der Einträge von Papst Franziskus im Kurznachrichtendienst Twitter. Einige Zeit später erscheint darunter die Antwort von einem Leser, der sich „Rob“ nennt: „Kinderschänder! Götzendiener!“ Redet man so mit dem Papst? Ja, offensichtlich, zumindest online und wenn zwischen einem selbst und dem Oberhaupt der katholischen Kirche der schützende Abstand von Tastatur und Bildschirm liegt. Der Papst gehört zu den Twitter-Nutzern mit den meisten Followern auf der ganzen Welt; nur der Account von Donald Trump ist noch beliebter. Und so braucht man unter @Pontifex nicht lange zu suchen, um Kommentare von Nutzern zu finden, die ähnlich respektlos klingen wie der „Kinderschänder“-Post.

Was darf man im Internet sagen, und was ist total daneben? Die Frage nach den Anstandsregeln der digitalen Welt stammt schon aus der Internet-Steinzeit. Eines der ersten und bis heute bekanntesten Dokumente zur sogenannten „Netiquette“ ist „RFC 1855“ – ein Papier, das im Jahr 1995 eine Intel-Mitarbeiterin namens Sally Hambridge verfasste. Darin enthalten ist etwa die sogenannte Robustheitsregel: „Sei konservativ mit dem, was du versendest, und liberal mit dem, was du empfängst.“ Das Dokument umfasst 20 Seiten voller Richtlinien für Mails, Chats, Einzel- und Gruppenkommunikation. Enthalten sind auch einfache Hinweise, wie etwa sparsam mit Smileys umzugehen, nicht zu viele Menschen ins Cc von E-Mails zu setzen oder die Urheberrechte zu achten. Schon damals war das Problem: Die Sanktionsmöglichkeiten für diejenigen, die sich nicht an diese Regeln hielten, waren begrenzt.

In Zeiten großer Debatten über „Hassrede“ auf Facebook und Co. sind die mangelnden Sanktionsmöglichkeiten für schlechtes Benehmen im Internet zur hochpolitischen Angelegenheit geworden. Wer darf was wann sperren? Unter welchen Bedingungen? Und wann geht das Löschen im Internet zu weit und beschädigt die Meinungsfreiheit?

Twittern und slacken im Büro

Im beruflichen Kontext gibt es aber natürlich weiter auch jenseits harter gesetzlicher Vorschriften das Bemühen um einen respektvollen, höflichen Umgang in der digitalen Welt, die mittlerweile aus viel mehr besteht als nur aus geschäftlichen E-Mails: Kaum ein Unternehmen ist heute ohne Facebook- und Twitteraccount. Personalabteilungen durchforsten soziale Netzwerke auf der Suche nach geeigneten Bewerbern oder nach Informationen über jene, die sich schon beworben haben. Die Bewerber finden Bewertungen ihres Wunscharbeitgebers mit wenigen Klicks.

Aber auch wer nicht gerade auf Jobsuche ist, ist im Arbeitsleben mit einer ganz neuen Art digitaler Kommunikation konfrontiert: In immer mehr Büros wird getwittert. Mitarbeiter und Chefs werden zu Freunden auf Xing, Linkedin oder Facebook. Und in Kollegenkreisen werden Kurznachrichten über Messengerdienste wie „Slack“ oder „Teams“ geschrieben. Dort ist die Tonalität eine ganz andere als in E-Mails, kürzer und flapsiger; Smileys: völlig erwünscht.

Wer soll da noch durchblicken? Tatsächlich gibt es sogar ein Mini-Regelwerk von 12 Vorschriften für gutes Benehmen im sozialen Internet. Es stammt aus der Feder des Deutschen Knigge-Rats, eines Gremiums, das sich mit Anstandsregeln beschäftigt und aus Unternehmens- und Management-Trainern und Ehrenamtlern besteht. Die schnelllebige Praxis allerdings sorgt dafür, dass manche dieser Regeln beinahe vorgestrig klingen: „Entscheiden Sie sich, ob Sie ein Netzwerk beruflich oder privat nutzen möchten. Vermeiden Sie eine Mischung aus beiden Bereichen.“ In einer Welt, in der viele Beschäftigte auch nach Feierabend aufs Diensthandy linsen und im mobilen sozialen Web Privates wie Berufliches austauschen, funktioniert das immer schlechter.

„Eine wertschätzende Grundhaltung einnehmen“

Abseits der direkt formulierten Regeln hat der Vorsitzende des Deutschen Knigge-Rats, Rainer Wälde, aber einen sehr anwenderfreundlichen Tipp: „Weniger auf Etikette achten, weniger auf genaue Einhaltung von Regeln. Lieber eine wertschätzende Grundhaltung einnehmen.“ Der sicherste Weg zu einem guten beruflichen Auftritt in sozialen Netzwerken sei es, sich zu fragen, welche Dinge man auch in der Bürokantine oder Kaffeeküche herumerzählen würde, sagt Wälde. Jenseits dieser Faustregel birgt der „Social-Media-Knigge“ aber auch tatsächlich ein paar bedenkenswerte Grundsätze. Dazu gehört etwa, seine virtuellen Freunde nicht mit „nervenden Spielen oder Anwendungen“ zu belästigen oder auf „unbequeme Einträge“ auf der Pinnwand lieber zu antworten, statt sie zu löschen. „Dabei gibt es aber auch Grenzen“ sagt Wälde. „Wo es beleidigend oder rassistisch wird, gilt die Regel: Trolle konsequent ausschließen.“

Aber gibt es in der Welt von Twitter, Facebook und Co. überhaupt noch so etwas wie Anstand? Oder gilt in der Filterblase des einen Nutzers das als anständig, was in der Community des anderen verpönt wäre? Ist es überhaupt „anständig“, Respekt vor dem Papst zu haben? Oder ist es „anständig“, Respekt vor den Opfern des Missbrauchs durch Amtsträger der katholischen Kirche zu haben? Was man als gut und moralisch empfindet, lässt sich heute durch eine bedachte Wahl des digitalen Freundeskreises scheinbar selbst designen.

Dass viele Nutzer gar nicht erkennen, dass ihre Botschaften am Ende auch „von Menschen und nicht von anonymen Computern“ empfangen werden, erklärt Wälde am Beispiel der Grünen-Politikerin Renate Künast. „Die ist rausgegangen zu den Kommentatoren, die ihr Hassbotschaften entgegengeschleudert hatten. Hat sie besucht, hat sie aufgefordert, ihr ins Gesicht zu sagen, was genau sie stört.“ Dann habe sie bei manchen festgestellt, dass sie sich im wirklichen Leben ganz freundlich verhielten. „Die hatten sich gar nicht klargemacht, dass da eine echte Renate Künast war. Ein Mensch aus Fleisch und Blut.“

Quelle: F.A.Z.
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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