Massenbewerbungsaktion

Mein Weg an Bord

Von Nadine Bös
 - 16:07

Heute ist mein Vorstellungsgespräch. Der Ort ist leicht zu erkennen, die Deutsche Bahn hat in der Einfahrt des Dorint Hotels an der Kölner Messe zwei mannshohe Fahnen aufgestellt. Drinnen erwartet mich am Ende eines langen Flures ein großer Aufenthaltsraum: schwarze Ledersessel, Tee, Kaffee, Kekse. An elektronischen Terminals kann man sich über freie Stellen informieren, es liegen Broschüren über Berufsbilder aus und Gummibärchen. Von einem Wandaufsteller lächelt eine überdimensionale Zugbegleiterin mit Uniform und Dutt, darunter der Leitspruch der Rekrutierungsabteilung: „Willkommen, du passt zu uns.“ Die Damen am Empfang bleiben aber lieber beim Siezen. „Sie haben sich bei uns als Erste-Klasse-Stewardess beworben?“

Ja, das habe ich, probehalber. Schließlich ist das hier kein stinknormaler Vorstellungstermin. Es ist „Deutschlands größtes Bewerbungsgespräch“. Bis einschließlich diesen Samstag versucht die Bahn an sieben Orten quer über die Republik verteilt, massenhaft Personal zu rekrutieren. Sie hat dafür große Flächen in Hauptbahnhöfen geräumt und Säle in Hotels angemietet. Einen Vorstellungstermin bekommen die Kandidaten ganz unkompliziert: einfach eine E-Mail mit dem Wunschberuf an die Personalabteilung schicken und den Lebenslauf anhängen. Nach einer telefonischen Terminvereinbarung steht das Gespräch. Und es geht sogar noch unkomplizierter: Seit 6 Uhr morgens dürfen Bewerber auch spontan vorbeikommen. 1000 neue Fachkräfte und Quereinsteiger sollen nach der Aktion rekrutiert sein, so das Ziel.

Die 1000 neuen Mitarbeiter sind für die Bahn bitter nötig, denn sie fehlen an allen Enden. „Viele Kollegen verlassen uns altersbedingt“, sagt Kerstin Wagner, die bei der Bahn für die Talentgewinnung verantwortlich ist und sich die Massenbewerbungsaktion zusammen mit ihrem Team ausgedacht hat. Weil der Arbeitsmarkt boomt, die Konkurrenz groß ist und junge Menschen in Deutschland demographiebedingt immer weniger werden, mangelt es an Nachwuchs. Viele Bahn-Berufe gelten zudem als unattraktiv, weil sie mit Schicht-, Wochenend- und Feiertagsdiensten einhergehen. Besonders übel steht es um das Image des Lokführerberufs. Einst Kleine-Jungen-Traum, setzt sich zunehmend das Bild von Langeweile und Machtlosigkeit im Führerstand durch. Auch generell steht es mit dem Ruf der Bahn nicht zum Besten: In diesem Jahr dominierten die zeitweilig gesperrte Rheintalstrecke, Rangeleien um Vorstandsposten und abermalige Preiserhöhungen die Schlagzeilen. In der Bevölkerung hält sich zudem hartnäckig das Bild von häufigen Verspätungen und schlechter Informationspolitik.

Verheddert in Schwarzteesorten

Mit mir im Pausenraum wartet Christa Breuer – sie schert sich nicht um das Image der Bahn. Die 53 Jahre alte gelernte Bürokauffrau hat sich als Zugbegleiterin beworben. Sie erzählt, dass sie derzeit in der Disposition eines Kurierdienstes tätig ist und ihr betriebsbedingt gekündigt wurde. Auch zuvor war sie schon häufiger für Betriebe tätig, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Jetzt will sie etwas ganz Neues versuchen. „Ich reise gern, arbeite gern mit Menschen, und bei der Bahn erhoffe ich mir einen sicheren, stabilen Job.“ Neben der Zugbegleiterin wäre sie auch offen, sich hinsichtlich anderer Jobs bei der Bahn beraten zu lassen. Davon gibt es viele zur Auswahl: Allein hier in Köln sind 20 verschiedene Fachkraft-Berufe und 5 Quereinsteiger-Tätigkeiten zu vergeben. Es geht quer durch den Gemüsegarten, zum Beispiel Elektroniker, Fahrdienstleiter, Lokführer, Busfahrer, Bauleiter, Schlosser, Vegetationspfleger, Kranführer, Gebäudereiniger und eben auch: Erste-Klasse-Stewardess, mein Test-Beruf.

Zwei Damen holen mich fürs Vorstellungsgespräch ab: Katharina Heidrich, Recruiterin, und Manuela Bahr, Gruppenleiterin im Bord-Service-Bereich. Mit dem Aufzug fahren wir ein paar Etagen höher. Wir gehen einen langen Flur entlang in einen Interviewraum. Erst gibt’s eine Standard-Fragerunde („Stellen Sie noch mal Ihren Lebenslauf vor“ – „Warum wollen Sie überhaupt für die Bahn arbeiten?“). Dann geht‘s ans Eingemachte.

„Wir machen jetzt mal ein Rollenspiel“, sagt Manuela Bahr. „Sie haben Dienst in der 1. Klasse, Sie haben schon die Zeitungen verteilt. Jetzt sollen Sie die Leute nach Ihren Bestellungen fragen. Der Zug hat 10 Minuten Verspätung, und die Kaffeemaschine ist kaputt. Ich bin der Gast, Sie sind die Stewardess.“ Ich beginne mich um Kopf und Kragen zu reden. Verheddere mich in Schwarzteesorten, die ich als Alternativen zum Kaffee anbiete. Thematisiere die Verspätung und handle mir eine Schimpftirade ein. Weil ich selbst viel Bahn fahre, kann ich immerhin die Menükarte relativ gut auswendig. Biete „Vollkornschnitten“ mit Salami oder Käse zur Besänftigung an. Nach dem Rollenspiel gibt’s noch Fragen zum Bahn-Wissen und zu Kompetenzen in Teamarbeit. „Wie heißt der Vorstandsvorsitzende der Bahn?“ – „Wie viele Mitarbeiter hat der Bahn-Konzern?“ – „Wie verhalten Sie sich, wenn ein Fahrgast etwas bei Ihnen bestellt, Sie aber gerade völlig im Stress sind?“ Ganz am Ende erfahre ich noch, dass ich rund 2225 Euro brutto verdienen würde, plus Weihnachtsgeld, Schichtzulagen, Umsatzprovisionen und Trinkgeld.

Nach dem Gespräch ziehen sich die beiden Damen kurz zurück, um zu beraten, ob sie mir eine Zu- oder Absage erteilen wollen. Denn die schnelle Rückmeldung ist bei „Deutschlands größtem Bewerbungsgespräch“ Programm. Jeder Kandidat mit Termin soll bis spätestens zum nächsten Morgen erfahren, ob er genommen oder abgelehnt worden ist – manchmal allerdings steht das Ganze noch unter dem Vorbehalt einer medizinischen Eignungsprüfung.

Mit den Vollkornschnitten rausgerissen

„Wir müssen es den Bewerbern so leicht wie möglich machen“, sagt Kerstin Wagner. „Im Internetzeitalter sind sie anspruchsvoller geworden. Wer erst mal tausend Dinge kompliziert ausfüllen muss, klickt schnell weiter.“ Der Erfolg gibt ihr recht: 5000 Bewerbungen hat ihr Team im Rahmen der Aktion erhalten, 2500 Gespräche vereinbart. Allein am Montag sind zusätzlich noch 470 Kandidaten zu Spontangesprächen erschienen. Bis Mittwochabend wurden bei dem Recruiting-Spektakel rund 400 Jobzusagen verteilt.

Die Talentwerber waren von mancher Szene selbst überrascht. Am Sonntag sei ein Vater mit zwei erwachsenen Söhnen erschienen, alle drei wollten sich um eine Stelle bei der Bahn bewerben. Am Montag rückte ein gehörloser Bewerber samt Gebärdendolmetscherin an. Und in Berlin stand so mancher Mitarbeiter der Pleite-Fluggesellschaft Air Berlin vor der Tür. Vielleicht hätte der Erfolg des großen Bewerbercastings sogar noch durchschlagender sein können, hätte die Bahn nicht eine mögliche Werbeplattform komplett vernachlässigt: Auf dem Reiseportal „Bahn.de“, das täglich Abertausende Kunden nutzen, steht kein Sterbenswörtchen von „Deutschlands größtem Bewerbungsgespräch“.

Stephan Fischer, Professor für Personalmanagement an der Hochschule Pforzheim, hat noch andere Kritikpunkte. „Ich sehe die ganze Aktion unter Personalauswahl-Gesichtspunkten eher skeptisch“, sagt er. „Es ist ein bisschen, als schieße man mit der Schrotflinte in die Luft und hoffe einfach, dass etwas herunterfällt. Es wäre interessant, wie viele Kandidaten tatsächlich die Probezeit überstehen.“ Unter Personalmarketing-Aspekten findet der Fachmann das Massenbewerbungsgespräch dagegen ziemlich gut. „Die Leute werden darauf aufmerksam, wie händeringend die Bahn sucht und dass sie moderne Methoden hat“, sagt er.

Christa Breuer ist zurück im Pausenraum und zupft an ihrem schwarzen Blazer. „Ich weiß nicht, ob es gereicht hat“, sagt sie. „So ein paar Geographiefragen hab ich echt nicht gewusst.“ Aber nur fünf Minuten später schüttelt ihr eine Recruiterin die Hand. „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind in der nächsten Runde.“ Und was ist jetzt mit mir? Könnte ich auch anfangen bei der Bahn? „Ja“, sagt Manuela Bahr am Ende. „Mit den Vollkornschnitten haben Sie es noch mal rausgerissen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft.
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