Gescheiterte Bewerbungen

Leider müssen wir Ihnen mitteilen...

Von Nadine Bös und Ursula Kals
 - 07:05

Moritz Brill hat die Nase voll. Seit mehr als einem Jahr ist er auf der Suche nach einer neuen Stelle. Mit seiner bisherigen Position als Personalmanager im öffentlichen Dienst ist er zwar nicht gänzlich unzufrieden, doch sehnt er sich nach Abwechslung. „Etwas im Bereich Personalmanagement in einem Konzern könnte ich mir vorstellen oder aber eine Aufgabe im öffentlichen Dienst mit ganz anderen, neuen Inhalten“, sagt der Betriebswirt, der seinen wirklichen Namen aus nachvollziehbaren Gründen nicht in der Zeitung lesen will. Zwischen 50 und 60 Erstgespräche hat er geführt und an die 25 Bewerbungen losgeschickt. Dass bislang noch nicht der Traumjob dabei war, stört ihn weniger. „Was wirklich nervt, ist der enorme Zeitaufwand, den manche Bewerbung bedeutet“, sagt er.

Der Lebenslauf und die Dokumente, wie Zeugnisse oder Arbeitsproben - das alles sei vernachlässigbar, findet Brill. „Wer in einem Bewerbungsverfahren steckt, muss das eben einmal alles zusammensuchen und auf Stand bringen.“ Dann könne es jedes Mal aufs Neue wiederverwendet werden. Schlimm seien dagegen aufwendige Online-Tools. Dort müsse muss man zum Teil seitenlang irgendwelche Fragen beantworten. „Bis zu vier Stunden habe ich vor solchen Internetanwendungen verbracht.“ Mittlerweile hat Brill darauf keine Lust mehr. Wenn er sieht, dass ein Bewerbungstool sehr aufwendig ist, füllt er es gleich gar nicht mehr aus.

Als Personalexperte ist Brill besonders empfindlich, wenn er den Eindruck bekommt, der Arbeitgeber bereite ihm unnötige Mühe. „Das zeigt mir natürlich auch, dass dort eine Form des Personalmarketings betrieben wird, die nicht unbedingt meiner Philosophie entspricht“, sagt er. „Dann möchte ich in dem jeweiligen Unternehmen oder bei der Behörde sowieso lieber nicht arbeiten.“

E-Mail plus Anhang - das ist am beliebtesten

Aber nicht nur Personalprofis, auch ganz normale Bewerber sind von komplizierten Verfahren abgeschreckt. Das zeigt die Studie „Bewerbungspraxis“, die die Universität Bamberg jährlich erstellt. Fast 80 Prozent der Befragten wünschen sich eine einfache Bewerbung per E-Mail. Lebenslauf, Zeugnisse und sonstige Dokumente möchten sie am liebsten schlicht als Anhang versenden. Nur knapp 9 Prozent mögen die bei Arbeitgebern durchaus beliebten Online-Formulare, ähnlich unbeliebt ist die klassische Papierbewerbung per Mappe und Post. Doch auch die ist keineswegs out, skurrile Beispiele gibt es zuhauf: Das ZDF etwa suchte 2015 einen „Corporate Social Media Manager“. Bewerben durften sich die sicherlich eher online-affinen Kandidaten jedoch ausschließlich auf dem Postweg. Und das Umweltbundesamt lehnt - Papierverbrauch hin oder her - E-Mail-Bewerbungen strikt ab. Allerdings immerhin mit dem Hinweis, das Amt begrüße „Bewerbungen auf umweltfreundlichem Papier“.

WhatsAppFacebookTwitterGoogle+
WhatsApp
Viele Bewerber scheitern. Dabei sind die Verfahren nervig und zeitraubend. Wie man nicht den Mut verliert

„Bewerben kann eigentlich so einfach sein“, sagt der Personalmarketing-Experte Henner Knabenreich, der in seinem Blog häufiger solch kleine Kuriositäten aufspießt. Seine Beratungsfirma berät Arbeitgeber dabei, wie sie es besser machen - und ihren Internetauftritt und ihren Bewerbungsprozess in der digitalisierten Welt gut gestalten können. Mittlerweile gebe es schlaue Systeme, die sich mit Xing- oder Linkedin-Profilen von Bewerbern vernetzen und die Angaben einfach übernehmen könnten. Oder es gebe die Möglichkeit, der Internetbewerbung ein kleines Mini-Assessment vorzuschalten. Eine kurze Aufgabe, die zu lösen ist, um die grundsätzliche Eignung eines Kandidaten im Vorfeld abzuklären - und schon können sich Arbeitgeber wie Bewerber viele umständliche Fragebögen sparen.

„Doch es gibt auch echte Schreckgespenster in der Welt der Online-Bewerbungstools“, sagt Knabenreich. „Das SAP-E-Recruiting hat zum Beispiel traurige Berühmtheit: extrem nutzerunfreundlich, lange Ladezeiten, häufige Systemabstürze. Wer auf eine Stelle Tausende Bewerbungen bekommt, kann sich das vielleicht leisten“, sagt Knabenreich. „Für die meisten Arbeitgeber gilt aber, dass sie es den Bewerbern einfacher machen müssen: Denn die nächste Stellenausschreibung ist nur einen Mausklick entfernt.“

Was verbirgt sich hinter der Ausschreibung?

Doch auch schon bei der Suche nach einer geeigneten Stellenausschreibung stieß Bewerber Brill auf Hindernisse. Denn nicht immer wurde ihm wirklich klar, was für eine Stelle sich hinter den verschwurbelten Formulierungen verbarg. Sein Lieblingsbeispiel: „Angesichts der ganzen Diskussion um die vielen neuen Asylverfahren für die jetzt ankommenden Flüchtlinge wollte ich mich auf eine Ausschreibung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge bewerben“, erzählt er. „Doch aus der Anzeige ging gar nicht richtig hervor, was das überhaupt für eine Tätigkeit war, für die ich mich da interessierte.“ Der Wortlaut unter dem Titel „Tätigkeitsprofil“: Das Amt suche „Volljuristinnen und Volljuristen sowie Akademiker mit Hochschulabschluss der Studiengänge Volks- oder Betriebswirtschaft, der Wirtschaftswissenschaften oder mit einem vergleichbaren geisteswissenschaftlichen Abschluss“. Das war’s. Brill fragte auf der Facebook-Seite des Bundesamts nach den Inhalten der Arbeitsstelle und erhielt als Antwort: „Wir suchen Führungskräfte für verschiedene Funktionen des höheren Dienstes, die wir bundesweit an mehreren Standorten einsetzen.“ Brill war enttäuscht. „Ich war so schlau wie vorher“, sagt er.

Gleichwohl bewarb er sich, durchlief das siebenseitige Online-Bewerbungsformular. Als er während der Ausfüllerei eine längere Pause machte, stellte er fest, dass sich das System nach 90 Minuten automatisch abschaltete. Alle seine Angaben waren futsch, und er musste noch einmal von vorn beginnen. Und nachdem Brill endlich mit den Formularen durch war, wurde er gebeten, nun seine „vollständigen Bewerbungsunterlagen“ auch noch per Post an die Behörde zu verschicken.

„Einen Tag vor Weihnachten erhielt ich dann schließlich eine Einladung zu einem Assessment-Center. Der Termin war vorgegeben, ein ganzer Tag sollte dafür draufgehen. Ich fragte noch einmal nach, um welche Tätigkeit es überhaupt gehen sollte, um mich auf das Assessment-Center vorzubereiten, und erhielt wieder keine aufschlussreiche Antwort. Da hatte ich dann endgültig genug und habe den Termin abgesagt.“

Nicht jeder kriegt überhaupt eine Chance

Schön wär’s für manche Klienten, die sich hilfesuchend an Doris Brenner wenden, wenn sich ihnen überhaupt die Chance eines Assessment-Centers böte. Denn die Personalberaterin aus dem Rhein-Main-Gebiet hat immer wieder mit Menschen zu tun, die bei der Stellensuche scheitern. Und diese Abgewiesenen wieder neu zu motivieren ist keine einfache Aufgabe. Ein wesentlicher Punkt, ob sich Menschen wieder aufrappeln, sei das Thema Selbstbewusstsein und die Frage nach der mittlerweile so oft beschworenen Resilienz, also der inneren Widerstandskraft. Sich gut und geeignet zu finden nach dem zehnten „Wir haben uns für einen anderen Bewerber entschieden“, das im Briefkasten oder Mailaccount landet, erfordert in der Tat innere Stärke.

Karriereberaterin Brenner setzt dann mit dem sogenannten Trioing an, das der Amerikaner Richard Bolles entwickelt hat, bei dem sie eine Ausbildung gemacht hat. Seine These: Schau nicht, was es an Stellen gibt auf dem Markt, schau, wer du bist, was dir wichtig ist, und suche dann nach Stellen, die zu dir passen. „Es geht also um einen Paradigmenwechsel“, erklärt Brenner. Die Übung mit drei Personen läuft wie folgt: Man überlegt sich eine Geschichte, losgelöst von Leistung und Bewerbung, an die man gerne denkt und in der man eine aktive Rolle hat. Ganz gleich, ob es die erste Runde ohne Schwimmflügel, die für Freunde ausgerichtete Feier oder eine erfolgreiche Beratung mit Blumenstrauß vom Kunden ist. Welche Fähigkeiten erkennt der Erzähler bei sich selbst? Ist er ausdauernd, hilfsbereit? Dann geben die Zuhörer Rückmeldung: Was sehen sie als Eigenschaften der Person? „Die anderen erkennen mehr Eigenschaften als man selbst. Man selbst wird blind für seine Talente, gerade nach Niederlagen. Das ist eine positive Inspiration durch Fremdbilder. So sehen viele überhaupt erst mal wieder, dass sie im Leben etwas Positives hingekriegt haben“, sagt Doris Brenner. Noch mehr schreiben, noch mehr Tools ausfüllen, „noch mehr quälen“, so die Betriebswirtin, bringe abgeschmetterten Bewerbern jedenfalls nichts. „Mehr vom Falschen macht es nicht besser.“ Um erfolgreich anzudocken, ermuntert Brenner, realistisch zu bleiben: „Ist das, was ich anstrebe, wirklich erfolgversprechend? Passe ich da hin?“

In Einzelgesprächen hilft sie Entnervten. So wie einem jungen Mann, der hervorragend qualifiziert war, aber nur Absagen kassierte. Warum, das war nach einem Blick in das glücklose Bewerbungsschreiben klar. Da stand unter anderem, „ich verdiene jetzt soundsoviel Euro, damit wäre ich weiter zufrieden“. Dann folgte das naive Bekenntnis des Naturwissenschaftlers: „Ich suche eine Stelle, bei der meine Arbeit geschätzt wird.“ Zwischen den Zeilen erfährt der kritische Leser, dass der Kandidat zurzeit eben nicht geschätzt wird. „Rund 50 Prozent der Leute, die zu mir kommen, wissen nicht, was sie können, und 50 Prozent packen es falsch an.“ Dem tüchtigen jungen Mann konnte geholfen werden, geschicktere Formulierungen führten zur Einstellung. Übrigens auch zu einer neuen Einstellung sich selbst gegenüber.

„Ich bin nicht der Einzige, dem es so geht“

Ohne Starthilfe eines Außenstehenden hätte er sich wohl weiter schwergetan, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sich allein durchzuboxen, sei nicht zielführend, betont Brenner. „Das Thema Unterstützung, Gemeinschaft, Geborgenheit sollte man nicht unterschätzen. Und das gilt nicht nur für Großstadt-Singles.“ Sie findet es sinnvoll, wenn beispielsweise Absolventen an Hochschulen gemeinsam ein Bewerbertraining machen, Techniken erlernen, Bewerbungen gegenseitig wohlwollend-kritisch durchzusprechen, ein Gruppengefühl entwickeln und erleben, „ich bin nicht der Einzige, dem es so geht“. Auch andere brauchen mehrere Anläufe und müssen sich nach dem Scheitern wieder berappeln.

„In kritischen Situationen ist es wichtig, Seelenverwandte zu haben.“ Auch Berufsverbände oder Angebote der Arbeitsagentur seien sinnvoll, denn da treffen Leute aufeinander, „die reden auf einem anderen Level, da sind wir dann beim Thema Vertrauen“. Das sei nicht zu unterschätzen. Denn Arbeitssuchende, auf deren Visitenkarte kein Firmenname mehr steht, die scheuen oft Netzwerkveranstaltungen. „Sie schämen sich, das ist das Problematische, denn gerade sie müssten ja sichtbar werden.“ Deshalb fordert die Beraterin gern zu Netzwerkübungen auf. Dazu schreibt jeder 50 Bekannte mit Initialen auf und notiert, was diese beruflich machen. Dann hängt eine anonymisierte Liste mit potentiellen 500 Kontakten aus, und es wird überlegt, ist da einer möglicherweise hilfreich für einen Teilnehmer, ergibt sich ein Zugang zu einer bestimmten Branche. Frei nach dem Motto: Nur wenn ich gebe, bekomme ich etwas.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, NadineUrsula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Nadine Bös
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft. Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
TwitterTwitterGoogle+Google+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBrennerBundesumweltamtUniversität BambergZDFAssessment-CenterBewerbungTraumberuf