Serie Anders Arbeiten

Das Büro ist die Hölle

Von Thomas Klemm
 - 14:17

Das Büro kann ein grausamer Ort sein. Die Einrichtung zweckmäßig bis zur Sterilität. Die Fenster entweder zu klein, so dass kaum Licht in den Raum fällt, oder zu groß, so dass jeder Vorübergehende bei der Arbeit zuschauen kann. Die Luft ist stickig, der Bildschirm auf dem Schreibtisch lässt die Augen schmerzen. Am Telefon sind Kunden, die nerven, auf den Fluren Kollegen, die tratschen. Überall lauern Konflikte.

Kein Wunder, dass Büro und Bürokratie eine ungeheure Anziehungskraft auf Schriftsteller ausüben.

Das Büro ist nicht nur Arbeitsplatz, sondern Lebensraum. Die Menschen hocken nicht abgeschottet an ihren Schreibtischen und erledigen tagein, tagaus ihren Job, sondern sie prallen unentwegt aufeinander. Sie finden sich anziehend oder abstoßend, lernen sich lieben oder streiten sich. Ihren Job haben sie sich ausgesucht, ihre Büronachbarn dagegen nicht. Das führt zwangsläufig dazu, dass das Büro reichlich Stoff für Geschichten bietet: für Fernsehserien wie „The Office“, „Mad Men“ oder „Stromberg“, oder aber für zahlreiche Romane aus den vergangenen 150 Jahren.

Franz Kafka arbeitete Akten ab

Die Geschichte der Büro-Literatur ist voller großer Namen. Darunter Autoren, die nicht nur in ihrem stillen Kämmerlein Geschichten erfunden haben, sondern die tagsüber selbst in einer Bürowelt lebten, in der sie sich allerdings nie einrichten konnten. Franz Kafka zum Beispiel, Jurist und Angestellter einer Unfallversicherungsgesellschaft. Mit der Straßenbahn fährt er zur Arbeit, im dunkelblauen Einreiher sitzt er im Büro, arbeitet Akten ab, wird viermal befördert. Kafka hadert, die Tretmühle bereitet ihm Kopfschmerzen.

Sein Schreibtisch, so schreibt er an seine Verlobte Felice Bauer, sei „von einem wüsten Haufen von Papieren und Akten hoch bedeckt“. Unter den Stapeln ahnt Kafka „bloß Fürchterliches“. Er liebäugelt mit der Büroflucht aus Prag, träumt davon, als Landarbeiter oder Handwerker nach Palästina zu gehen. Doch dafür ist er zu schwächlich.

Aus seinem stillen Leiden an der Obrigkeit macht Kafka große Literatur, im „Schloss“ und vor allem im „Prozess“. In letzterem Roman wird der höhere Bankangestellte Josef K. verleumdet und angeklagt, ohne zu ahnen weshalb, und gerät in die Mühlen eines schier undurchdringbaren Bürokratie-Apparates. Dessen Büros liegen in Dachböden von Mietshäusern. Juristen und andere dunkle Ordnungshüter bilden eine ebenso unpersönliche wie undurchsichtige Macht, deren Gesetze Josef K. nicht kennt, so dass er der Bürokratie ausgeliefert ist. Die Obrigkeit findet ihre Opfer im Büro.

Wie bei Kafka, so spiegelt die Literatur stets die realen Arbeitsverhältnisse ihrer Zeit und treibt sie auf die Spitze. Früher war es die Eintönigkeit der Arbeitsabläufe, die Schriftsteller als existentielle Erfahrung deuteten und verarbeiteten. Herman Melville erfand 1853 den hartnäckigen Arbeitsverweigerer „Bartleby, der Schreiber“, der an der New Yorker Wall Street in einer Kanzlei angestellt war und reihenweise Dokumente kopieren sollte.

Schlusspunkt der gehobenen Bürolangeweile

Doch bald lehnte er jeden Auftrag seines Chefs mit einem freundlich-bestimmten „I would prefer not to“, (zu Deutsch: „Ich möchte lieber nicht“) ab. Durch die ständige Zurückweisung hebt Bartleby die Bürowelt in ihrer „kühlen Stille einer behaglichen Zufluchtsstätte“ aus den Angeln. Der Notar weiß nicht weiter, zieht aus der eigenen Kanzlei aus. Zurück bleibt allein sein Schreiber. Verlassen und verstört stirbt Bartleby letztlich in einem Gefängnis, das sich von dem Büro, in dem er zuvor litt, kaum unterscheidet.

Vom täglichen Trott der mechanischen Arbeit handelt auch Wilhelm Genazinos „Abschaffel“, eine Romantrilogie aus den späten 1970er Jahren über einen Mann, der in einer Spedition die Abteilung „Sammelausgang“ mitverantwortet. Noch toller treibt es der niederländische Autor J.J. Voskuil in seinem siebenbändigen Romanzyklus „Das Büro“, der sich über drei Jahrzehnte Arbeitsleben in einem Amsterdamer Institut für Volkskultur erstreckt. Einen Schlusspunkt der gehobenen Bürolangeweile markiert „Der bleiche König“ von David Foster Wallace, der in einer amerikanischen Steuerbehörde spielt und auch von der Wiederholung des Immergleichen handelt.

Zwangsgemeinschaften auf engstem Raum

Seit gut einem Jahrzehnt nun ist in der Büroliteratur nicht mehr die Eintönigkeit das große Thema, sondern die Energie von Zwangsgemeinschaften auf engstem Büroraum. Nicht mehr Bürokraten bestimmen nunmehr das Geschehen, sondern Technologiefreaks, die von allen Mitarbeitern maximale Kreativität, höchste Hingabe und ständige Verfügbarkeit fordern. Was aber vor allem verlangt wird, ist totale Transparenz. Nicht nur am Arbeitsplatz, sondern rund um die Uhr. Die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit ist ebenso aufgehoben wie von Arbeitsplatz und Wohnort. Wie im echten Leben, nur viel schlimmer.

Beispielhaft für die schrecklich-schöne neue Arbeitswelt ist Dave Eggers Roman „The Circle“ von 2013, der in einem kalifornischen Technologiekonzern spielt, einer Mischung aus Apple, Google und Facebook. In der Zentrale des Internetkonzerns „Circle“ ist alles aus Glas; nicht nur die Büros, sondern auch die mehrstöckige Kantine. Jeder kann sehen, was der andere auf dem Bildschirm hat und was auf dessen Teller liegt (eine gesunde Mahlzeit, denn die ist Pflicht!).

In „Circle“ sind gesunde Mahlzeiten Pflicht

Als Eggers’ junge Protagonistin Mae Holland zu Beginn des Romans in der Firma ankommt, denkt sie: „Wahnsinn, ich bin im Himmel.“ Sie sieht schicke Wohnheime, Fitnessstudios, einen großen Versammlungssaal, der nach dem Vorbild des Doms von Siena gestaltet ist. Alsbald merkt sie, dass sie allem Anschein zum Trotz in einer irdischen Bürohölle gelandet ist. Drei Bildschirme hat sie an ihrem Arbeitsplatz in der Abteilung „Customer Experience“, um mit Kunden und Kollegen gleichzeitig zu kommunizieren, um massenhaft Fleißpunkte zu sammeln, die vom Arbeitgeber verlangt werden, und um sich für die abendlichen Partys anzumelden oder selbst eine zu organisieren.

Sie müsse unbedingt „Mensch sein“, bekommt Mae eingetrichtert, streng nach dem Circle-Slogan „Community first“. Immerwährende Fröhlichkeit ist ebenso Pflicht wie ständige Online-Präsenz. Wer nicht mitmacht, wird sanktioniert. Das Konzern-Cred0 lautet: „Alles, was passiert, muss bekannt sein.“ Und: „Privatsphäre ist Diebstahl.“ Deswegen sind die Mitarbeiter gezwungen, eine sogenannte SeeChange-Kamera am Körper zu tragen, die alles sieht und aufzeichnet. Überwachung überall.

Jeden Tag einen anderen Platz im Großraumbüro

In mancherlei Hinsicht setzt Eduardo Rabasa in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Roman „Der schwarze Gürtel“ noch einen drauf. In der Firma „Soluciones“ hat niemand mehr einen festen Arbeitsplatz, täglich sitzen alle an einem anderen Schreibtisch im Großraumbüro. So weit, so bekannt. Die „Arbeitsplatzlotterie“ führt in Rabasas Roman dazu, dass sich die Kollegen nicht mehr kennenlernen wollen und sich stets „argwöhnisch oder herablassend“ betrachten. Jeder kämpft gegen jeden. Die Bürohölle, das sind die anderen.

Bei Soluciones regiert ein Algorithmus, der die Arbeitsleistung jedes Angestellten misst und sie auf einer gigantischen Anzeigetafel veröffentlicht. Auch die Hauptfigur Fernando blickt stets gebannt auf die Tafel, die jedes Pensum bis auf drei Stellen hinter dem Komma bewertet: „Die Mitarbeiter hatten eine ungefähre Vorstellung von einigen der Bewertungskriterien, ohne sie jedoch auch nur ansatzweise durchschauen zu können, da das Besondere der Methode darin bestand, dass es unmöglich war, sie zu beeinflussen.“ Der Büromensch ist der Maschine ausgeliefert. Es kommt, wie es kommen musste: Der smarte Fernando, der sich seines Jobs sicher wähnte, wird eines Tages selbst herabgestuft.

Fröhlicher Abschied vom Arbeitsterror

So erbarmungslos der Algorithmus richtet, so fröhlich werden die Leute vor die Tür gesetzt – ohne Vorwarnung, ohne Abschlussgespräch beim Chef. Stattdessen bilden Mädchen das Abschiedskomitee. Sie tanzen ins Büro, stimmen das „Lied des glücklichen Abschieds“ an und tippen all jenen auf die Schulter, die ihre Leistung erbracht haben. Wer von den Mädchen nicht berührt wird, weiß, dass er gefeuert ist. Die Verschonten sind herzlich eingeladen, ins Abschiedslied einzustimmen und den Exkollegen in gnadenlos guter Laune fortzujagen.

Angesichts solch modernen Arbeitsterrors mag sich der Angestellte nach dem guten alten Einzelbüro zurücksehnen. Um, wie Voskuil in seinem Mammutwerk schrieb, „in dessen Schatten sein eigenes Leben zu führen“.

Quelle: F.A.S.
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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