Arbeitsweg

Radler zum Dienst!

Von Martin Gropp
 - 14:42

Wenn Brigitte Wagner sich in diesen Tagen frühmorgens um 6 Uhr auf ihr Elektrorad schwingt und auf den Weg zur Arbeit macht, gibt es viele Dinge, die die Koordinatorin für Datenverarbeitung genießt. Da wäre zum Beispiel die Einsamkeit, wenn sie allein von ihrem Heimatort im Vordertaunus durch die Felder in Richtung Frankfurt rollt. Oder der Sonnenaufgang, der sie ab und zu anhalten lässt, um mit der Kamera einen besonders schönen Augenblick einzufangen. Oder die Vögel, die um sie herum zwitschern. Oder die Tatsache, dass sie zehn Minuten weniger braucht als früher, um zu ihrer Arbeitsstätte zu kommen, dem Commerzbank-Turm mitten in der Frankfurter Innenstadt. Ihr Arbeitsweg begeistert Wagner so sehr, dass sie sagt: „Eigentlich ist es schade, dass er nach 15 Kilometern schon wieder vorbei ist.“ All diese Empfindungen sind neu für die 52-Jährige. Denn bis weit ins vergangene Jahr hinein ist sie mit der S-Bahn nach Frankfurt gependelt. Seit Oktober aber strampelt sie mit Unterstützung eines Elektromotors zur Arbeit. Und das liegt auch an ihrem Arbeitgeber.

Denn die Commerzbank ist eines von wenigen großen Unternehmen hierzulande, die ihren Mitarbeitern Dienstfahrräder anbieten. Das Angebot unter dem Titel „Bikelease“ ist im Mai vor vier Jahren gestartet. Seitdem können die heute gut 48 000 Mitarbeiter des Geldinstituts bis zu zwei Fahrräder über ihren Arbeitgeber leasen, bekommen die Gefährte also gegen Zahlung einer monatlichen Nutzungsrate zur Verfügung gestellt. Wenige Monate nach dem Start von Bikelease nahmen nach Angaben der Bank 250 Mitarbeiter das Programm in Anspruch. Heute seien es zwischen 800 und 1000 regelmäßige Teilnehmer, sagt eine Sprecherin der Bank. Die Zahl sei über die Jahre stetig gestiegen, variiere aber immer wieder.

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Ob bei der Commerzbank oder anderen Unternehmen – die Bedingungen für das Dienstfahrradleasing sind oft ähnlich. Hintergrund ist die steuerliche Gleichstellung von Dienstfahrrädern mit Dienstwagen aus dem November 2012. Seitdem sind auch Diensträder steuerlich begünstigt, und auch für sie gilt die „1-Prozent-Regel“. Grob gesagt funktioniert das so: Da die Leasingrate für das Dienstrad vom Gehalt des Arbeitnehmers vor Steuern abgezogen wird, muss dieser etwas weniger Abgaben auf sein Einkommen zahlen. In der Fachsprache heißt das Brutto-Entgeltumwandlung. Zudem streckt der Arbeitnehmer die Anschaffungskosten für das Fahrrad über einen längeren Zeitraum. Üblicherweise laufen die Leasingverträge drei Jahre, danach kann ein Radleaser das Fahrrad zu einem Restpreis kaufen oder aber den Leasingvertrag fortsetzen und sich ein neues Modell aussuchen.

Versicherung und Wartung übernimmt oft der Arbeitgeber

Oft übernimmt der Arbeitgeber oder das von ihm beauftragte Leasingunternehmen auch die Kosten für eine Fahrradversicherung oder bietet einen Wartungsvertrag, sofern Pannen auftreten oder Reparaturen nötig werden. Das senkt die tatsächlichen Kosten für den Arbeitnehmer weiter. Gleichzeitig hat der radelnde Arbeitnehmer auch gewisse Nachteile. Er muss monatlich ein Prozent des Anschaffungspreises für das Rad als sogenannten geldwerten Vorteil mit versteuern. Zudem muss er langfristig gesehen auch bedenken, dass sich der Lohn vor Steuern wegen des Abzugs der Nutzungsgebühr leicht verringert und er daher zum Beispiel auch weniger Rentenbeiträge einbezahlt.

In der Summe ergeben sich für den Arbeitnehmer dennoch Vorteile, sagen Befürworter von Dienstfahrrad-Regelungen. Er spart die Kosten für eine andere Fortbewegungsart zur Arbeit. Zudem kann er das Fahrrad auch privat nutzen. Schließlich können die Einspareffekte gegenüber dem Kauf eines eigenen Fahrrads relativ groß sein. Sie betragen je nach Rad und Leasingangebot zwischen 15 und 30 Prozent, wie der Verkehrsklub Automobil Club Europa (ACE) vorrechnet. Laut dem ACE bringen Diensträder für Beschäftigte daher stets einen finanziellen Vorteil, selbst wenn der Arbeitgeber sich nicht an den Anschaffungs- beziehungsweise Leasingkosten beteiligen sollte. Übernimmt er aber diese Kosten, kann sich die Einsparung sogar auf mehr als 30 Prozent des eigentlichen Fahrradanschaffungspreises summieren, zumal wenn Versicherungsraten und Kosten für Wartung beinhaltet sind.

Schätzungen des Dienstradleasing-Anbieters Leaserad zufolge beläuft sich die Zahl der Dienstfahrradnutzer hierzulande auf mehr als 200.000 Personen. Exakte Zahlen zum Markt gebe es nicht, heißt es beim Fahrradfahrerverein ADFC, weil die Anbieter bisher nicht miteinander vernetzt seien. Allerdings bietet wohl eine wachsende Zahl von Unternehmen ihren Mitarbeitern eine Dienstrad-Regelung an. Ähnlich wie die Regularien ähneln sich die Gründe, aus denen die Arbeitgeber ihren Mitarbeitern Diensträder anbieten. Zum einen ist es ein Instrument, um vor allem jüngere Mitarbeiter für einen Arbeitgeber zu begeistern und sie womöglich mit dem Dienstradangebot an sich zu binden. Zum anderen schreiben sich die Unternehmen ökologische Ideen auf die Fahnen und nennen als Vorteil, dass Radfahren keine unmittelbaren Kohlendioxid-Emissionen verursacht. Und sie führen ins Feld, dass es die Gesundheit der Mitarbeiter fördere, wenn sie mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen statt in der S-Bahn zu sitzen oder im eigenen Auto.

Viele Unternehmen zögern noch

So argumentiert auch der Automobilzulieferer Bosch, der seit Februar Diensträder anbietet. Potentiell 100.000 Mitarbeiter hierzulande könnten nun Fahrräder oder die elektrifizierten Pedelecs über ihren Arbeitgeber beziehen, heißt es. „Wir wollen mit diesem Mobilitätsangebot einen Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität in Städten leisten und die Gesundheit der Mitarbeiter fördern“, ließ sich Christoph Kübel zum Start des Programms zitieren, der Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der Robert Bosch GmbH.

Viele der größten deutschen Unternehmen scheuen derzeit allerdings vor einer Dienstrad-Regelung zurück, wie eine Umfrage der F.A.Z. unter 15 der 30 Dax-Konzerne zeigt. Innerhalb dieser Gruppe ist die Commerzbank derzeit das einzige Unternehmen, das es seinen Arbeitnehmern tatsächlich ermöglicht, Räder zu leasen. Allerdings prüft zum Beispiel der Konsumgüterhersteller Henkel nach Angaben einer Sprecherin derzeit die Einführung, „da wir von den Vorteilen für Mitarbeiter, Umwelt und Unternehmen überzeugt sind“. Auf der Prüfliste stehen die Räder auch bei den Gesundheitsunternehmen Fresenius und Fresenius Medical Care, dem Sportartikelhersteller Adidas, dem Münchner Technologiekonzern Siemens, dem Energieunternehmen RWE sowie bei der Deutschen Bank.

Die Allianz-Versicherung hat ihren Dienstfahrrad-Versuch dagegen schon wieder eingestellt und im vergangenen Jahr beschlossen, ihre Dienstfahrzeugrichtlinie für die deutschen Gesellschaften wieder anzupassen und Räder davon auszunehmen. Grund sei gewesen, dass sich nach der Einführung vor fünf Jahren lediglich eine Handvoll Mitarbeiter für die Zweirad-Lösung entschieden hätten.

In anderen Dax-Unternehmen stehen derweil tarifvertragliche Regelungen einer Einführung entgegen. So heißt es von der Bayer AG aus Leverkusen, das aktuelle Tarifwerk mit der zuständigen Gewerkschaft IG BCE lasse eine Brutto-Entgeltumwandlung im Falle von Mitarbeitern nicht zu, die nach dem Tarifvertrag entlohnt werden. Und eine Einführung ausschließlich für leitende Mitarbeiter sei nicht vorgesehen. „Abgesehen davon ist es je nach individueller Konstellation – also dem Entgelt, der Steuerklasse und dem Fahrradwert – fraglich, ob die tatsächliche Ersparnis zum Eigenkauf signifikant ist und sich das Modell für den Mitarbeiter lohnt“, sagt ein Bayer-Sprecher. Ähnlich argumentiert der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF, dessen Mitarbeiter ebenfalls oft innerhalb der Gewerkschaft IG BCE organisiert sind.

Gewerkschaften sind nicht begeistert

Auch der Stahl- und Dienstleistungskonzern Thyssen-Krupp verweist auf die Themen Entgeltumwandlung und Tarifvertrag. „Einen Verzicht auf tarifliches Entgelt lässt der Gesetzgeber nur zu, wenn die Verhandlungspartner, also Arbeitgeber und Gewerkschaften, einer Öffnung des Tarifvertrages für diesen Zweck zustimmen“, teilt das Unternehmen mit. Als Arbeitgeber wäre Thyssen-Krupp dazu bereit. Allerdings gebe es unter den im Konzern vertretenen Gewerkschaften bisher grundsätzliche Bedenken, weil eine Gehaltsumwandlung heute später zu einer geringeren Rente führen würde. „Zwar würden nach unseren Berechnungen die finanziellen Einbußen sehr klein ausfallen. Doch die Zustimmung der Gewerkschaften ist bisher nicht erfolgt“, heißt es. Die ablehnende Haltung mancher Gewerkschaften sieht auch der ADFC als Herausforderung für das Thema Dienstfahrräder. Aus Sicht der Radler-Interessenvertretung wäre diese Haltung auch besser nachzuvollziehen, wenn sie sich mit gleicher Vehemenz gegen Dienstwagen richtete, heißt es.

Gleichwohl hat sich rund um das Thema Diensträder inzwischen eine kleine Branche von Leasinganbietern gebildet. Als Vorreiter der Branche sieht sich die Leaserad GmbH aus Freiburg, die vor zehn Jahren ihren Betrieb aufnahm, also noch vor der steuerlichen Gleichstellung von Dienstwagen und -rädern. Das Freiburger Unternehmen und sein Gründer Ulrich Prediger hatten sich lange für die steuerliche Gleichbehandlung eingesetzt. Nach Angaben des Unternehmens bieten derzeit mehr als 7500 Arbeitgeber ihren Mitarbeitern über Leaserad beziehungsweise deren Marke Jobrad Dienstfahrräder an. Unter anderem gehört die Deutsche Bahn dazu, der Outdoor-Hersteller Vaude oder die Brauerei Rothaus aus Baden-Württemberg.

Das Münchner Unternehmen Company Bike Solutions hat sich derweil auf Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern konzentriert und bietet für sie den gesamten Leasingkreislauf an – von der Auswahl des Rads durch den Arbeitnehmer bis zur Rücknahme. Gegründet wurde Company Bike Solutions im Jahr 2012 von den heutigen Geschäftsführern Markus Maus und Derk Möller. Als sie am Anfang bei potentiellen Kunden vorsprachen, mussten sie regelrecht Überzeugungsarbeit leisten. „Die ersten Reaktionen waren ernüchternd“, sagt Maus. „Viele Unternehmen konnten mit dem Thema Dienstfahrrad nichts anfangen.“

Der Partner radelt mit

Es habe einiger Pioniere in den Personalabteilungen bedurft, bis sich das änderte. Als Erstes gelang ihnen das mit François Dugimont, dem Personalchef der Heel GmbH aus Baden-Baden, die biologische Heilmittel herstellt. Heute zählen auch das Medienhaus Bertelsmann oder das Gesundheitsunternehmen MSD Sharp Dohme dazu. Wie viele Diensträder sein Unternehmen insgesamt verwaltet, will Maus nicht verraten. Nur so viel: Company Bike Solutions biete seine Dienste inzwischen an insgesamt mehr als 1500 Standorten seiner Unternehmenskunden an.

Hat Maus die Personalverantwortlichen und die Geschäftführung neuer Kunden überzeugt, Diensträder anzubieten, schickt er Mitarbeiter zu den Unternehmen, um die Beschäftigten in einer Auftaktveranstaltungen über die verschiedenen Leasingangebote zu informieren. Dabei kristallisieren sich schnell verschiedene Gruppen unter den Arbeitnehmern heraus. „Die typischen Fahrradfahrer sind schnell gewonnen, die wissen auch sofort, welche Räder sie leasen wollen“, sagt Maus. Dann gebe es die Gruppe von Mitarbeitern, die sich, angespornt von den direkten Kollegen, für das Radleasing entscheiden. Schließlich gebe es die Menschen, die lange gar nicht mehr Fahrrad gefahren seien und sich mehr bewegen wollten. Spannend sei, dass das Leasing manchmal ansteckend wirke. „Bei manchen unserer Kunden haben wir es in drei Jahren geschafft, bis zu 35 Prozent der Belegschaft auf ein Dienstrad zu bringen, im Schnitt sind es 20 Prozent“, schildert Maus.

Im Falle der Commerzbank-Mitarbeiterin Brigitte Wagner wirkt das tägliche Radeln inzwischen sogar bis in das persönliche Umfeld hinein. Nachdem ihr Lebensgefährte gesehen hatte, wie sie mit dem Dienstrad zur Arbeit fährt, hat er schnell gesagt, dass er sich auch ein Elektrorad zulegt – und zwar über das Leasingprogramm seiner Partnerin, da die Mitarbeiter der Commerzbank bis zu zwei Fahrräder leasen können. Das habe Folgen, sagt Wagner, die früher leidenschaftlich Motorrad fuhr. „Wir fahren jetzt auch in unserer Freizeit zusammen Rad.“

Quelle: F.A.Z.
Martin Gropp
Redakteur in der Wirtschaft.
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