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Digitalisierung

Geht uns mal wieder die Arbeit aus?

Von Ralph Bollmann und Inge Kloepfer
 - 09:00
Kommt bald die menschenleere Fabrik? Im Zwickauer VW-Werk übernehmen Roboter große Teile der Arbeit. Bild: Imago, F.A.S.

Deutschland geht es gut, das sehen inzwischen alle ein. Weil das so undramatisch klingt, fügen sie ein unscheinbares Wort hinzu: „noch“. Das Glück ist in Gefahr, so versuchen es uns in diesen Tagen Experten einzureden, Wirtschaftsbosse und vor allem die wahlkämpfenden Politiker. Warum sollten wir sie sonst wählen, wenn es nicht künftiges Unheil abzuhalten gälte? Also verteufelt die SPD den Stillstand, redet die FDP über den Bildungsnotstand, warnt die CDU vor den Untiefen der Digitalisierung, weil der Chinese ja nicht schläft. Über dem Wohlergehen lassen sie alle die bange Frage schweben: Wie lange noch?

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Das Unheil kommt von zwei Seiten, glaubt man den Prognosen. Zum einen heißt es, die Digitalisierung werde eine nie dagewesene Rationalisierungswelle auslösen, die anders als früher nicht so sehr die Ungelernten trifft, sondern am allermeisten die gut ausgebildete Mittelschicht. In der Zeit der mobilen Überweisungs-App braucht kein Mensch mehr eine Bankfiliale, und in der modernen Autofabrik wird der Facharbeiter vom Roboter ersetzt. Letzteres wird auf der Automobilausstellung IAA in Frankfurt in der kommenden Woche ein Thema sein. Zum anderen: Der demographische Wandel wird dafür sorgen, dass uns die Arbeitskräfte ausgehen: Die Alten gehen in Pension, es kommen zu wenig Junge nach, und aus dem Ausland wandern die Falschen ein, unken die Pessimisten. Am Ende wandert die Industrie aus Deutschland ab.

Sind die Deutschen also naiv, wenn sie sich um den Arbeitsmarkt anders als früher kaum noch sorgen, wie in der vergangenen Woche eine Studie über „Die Ängste der Deutschen“ ergab? Und was wäre schlimmer, dass uns am Ende die Arbeitskräfte ausgehen oder die Arbeit?

Nur ein vorübergehendes „mismatch“?

Zunächst könnte man einwenden, dass sich die beiden vermeintlichen Probleme gegenseitig aufheben. Wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften sinkt, das Angebot aber auch, ändert sich am Gleichgewicht aus beidem wenig: Das scheinen die Kontrahenten, die beide Debatten weithin unverbunden führen, bisher noch nicht bemerkt zu haben. Das Problem wäre dann höchstens ein vorübergehendes „mismatch“, weil der arbeitslose Banker nicht am nächsten Tag einen Job als Programmierer oder Altenpfleger antreten kann.

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Aber ganz so einfach ist es nicht. Also der Reihe nach.

Der große Digitalisierungs-Schock kam vor vier Jahren, als zwei Forscher aus Oxford die Öffentlichkeit mit einer spektakulären Studie aufrüttelten: In den Vereinigten Staaten könnten Computer und Maschinen künftig 47 Prozent der Beschäftigten ersetzen, sagten sie voraus. Auf Deutschland übertragen, könnten es 42 Prozent der Jobs oder 18 Millionen Arbeitsplätze sein. Das klingt nach einer Katastrophe. Denn so krass wird die Zahl der Arbeitskräfte niemals zurückgehen, selbst bei anhaltend niedriger Geburtenrate. Massenarbeitslosigkeit wäre die Folge.

Auch hierzulande gibt es Anhänger der These. Der Frankfurter Ökonom Bertram Schefold teilt zwar nicht die konkreten Zahlen, auch hält er Geringqualifizierte für gefährdeter als die Mittelschicht. Aber der Richtung der Prognose stimmt er zu: Die Digitalisierung wird mehr Jobs vernichten, als sie neu hervorbringt. „Anders als früher entstehen heute Technologien, die keine neuen Produkte schaffen, sondern alte ersetzen“, sagt er. Frühere Innovationen wie die Erfindung des Autos hätten enorme Sekundäreffekte ausgelöst: Es mussten Straßen gebaut werden, Parkhäuser oder Tankstellen, Autofabriken entstanden, und Automechaniker hatten ihr Auskommen. Das sei beim Smartphone nicht der Fall. Es mache eine Vielzahl überkommener Geräte überflüssig, vom Fotoapparat bis zur Taschenlampe. Ersatzlos.

Die Folge, so Schefold, sei nicht nur ein Rückgang der Arbeitsplätze, sondern in der Folge auch ein wachsender Druck auf die Löhne. Anders als früher führten geringere Arbeitskosten trotzdem nicht dazu, dass die Firmen neue Jobs schaffen: Wer seine Fabrik einmal automatisiert hat, wird die Maschinen nicht einfach ausmustern, bloß weil menschliche Arbeitskraft zwischenzeitlich billiger geworden ist. Arbeitslosigkeit kann der Staat in dieser Logik nur vermeiden, wenn er ineffiziente Techniken mit Subventionen künstlich am Leben erhalte, glaubt der Ökonom.

Neue Berufsfelder, an die noch niemand denkt

Das ist eine Extremposition. Viele Experten sind optimistischer. „Wegen der Digitalisierung bekommen wir bis zum Jahr 2030 sicher keine Massenarbeitslosigkeit“, sagt der Unternehmensberater Rainer Strack, Seniorpartner bei der Boston Consulting Group. Von der Abschaffung der Arbeit kann demnach keine Rede sein: Durch die Digitalisierung eröffnen sich in den nächsten zehn Jahren sogar viele neue Berufsfelder, an die bislang noch niemand denkt. „Aus Sicht des Arbeitnehmers sehen wir die nähere Zukunft positiv, solange er oder sie bereit ist, sich zu qualifizieren.“

Die Horrorprognose aus Oxford hält Berater Strack für wenig plausibel. „Keiner kann heute vorhersagen, wie schnell Technologie und künstliche Intelligenz die Wirtschaft verändern werden“, sagt Strack, ein ausgebildeter Physiker mit viel Verständnis für die technischen Prozesse. Die britischen Forscher geben zum Beispiel gar nicht an, in welchem Zeitraum sich der Jobverlust vollziehen soll. Das ist aber eine entscheidende Frage: Was innerhalb von zehn Jahren eine Katastrophe wäre, lässt sich in der vierfachen Zeit womöglich mühelos verkraften.

Statt zu spekulieren, schaut Strack lieber auf Zahlen, die verlässlich sind. Während der vergangenen zehn Jahre war die Digitalisierung schon in vollem Gange. In dieser Zeit wuchs die Produktivität trotzdem nur um 0,6 Prozent im Jahr, während die Wirtschaftsleistung mit der doppelten Rate stieg: um 1,3 Prozent. Das heißt: Der technologische Wandel hat die Wirtschaft angekurbelt und auf diese Weise mehr Jobs geschaffen, als er in derselben Zeit durch höhere Effizienz vernichtete. Erst wenn die Produktivität das Wirtschaftswachstum überholt, würde es für die Jobs gefährlich.

Auch das Arbeitsministerium widerstand der Versuchung, die digitale Zukunft schwarzzumalen. In einem dickleibigen Papier zum Thema malte es Chancen und Risiken der neuen Flexibilität für Arbeitnehmer ziemlich gleichgewichtig aus, von massenhaftem Jobverlust war nicht die Rede. Mehr Qualifizierung allerdings sei nötig: „Wir müssen vermeiden, dass wir in Zukunft Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit zugleich haben.“

Arbeit könnte sogar teurer werden

Wenn es stimmt, dass die Digitalisierung die Nachfrage nach Arbeitskräften sogar steigert, macht das die Frage umso dringender: Wie passt das mit dem Angebot zusammen, das durch den demographischen Wandel sogar schrumpft?

Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar widerspricht der Theorie vom drohenden Fachkräftemangel am entschiedensten. Schließlich sei der Arbeitsmarkt ein Markt, sagt er. Das heißt: Wenn das Angebot schrumpft und die Nachfrage steigt, verändern sich die Preise. Arbeit wird teurer. Leute, für die sich ein Vollzeitjob bislang nicht lohnte, nehmen ihn dann vielleicht an – Frauen zum Beispiel, Ältere oder Arbeitskräfte aus dem Ausland.

Auf der anderen Seite wird für die Firmen die Automatisierung von Prozessen dann rentabler, womöglich übt der Engpass auf dem Arbeitsmarkt einen heilsamen Druck aus, sich auf die Digitalisierung wirklich einzulassen. Eine Effizienzsteigerung um 0,5 bis 0,8 Prozent genügt nach Straubhaars Berechnungen, um den Mangel an Arbeitskräften zu beheben. In der Altenpflege könnte es mehr Nachbarschaftshilfe geben, ambulante Dienste oder Genossenschaftsmodelle, wenn das Heim zu teuer wird. Angebot und Nachfrage gleichen sich, vielleicht nach gewissen Übergangsproblemen, am Ende wieder aus.

Wenn das stimmt, werden die Zeiten für die Beschäftigten nicht schlechter, sondern eher besser. Sie können nicht nur über mehr Geld verhandeln, sondern auch um Kita-Plätze, Fortbildung, flexiblere Arbeitszeiten. Selbst für den Fall, dass sie ihre neue Macht für eine weitere Verringerung der Arbeitszeit nutzen, sieht Straubhaar nicht schwarz: Hauptsache, sie sind in der verbleibenden Zeit umso motivierter. In Schweden läuft gerade eine Modellversuch, ob ein Sechsstundentag womöglich produktiver ist als der herkömmliche Rhythmus mit zwei Stunden mehr und viel Leerlauf zwischendrin.

Wenig spricht für Massenarbeitslosigkeit

Häufig ist das Problem schlicht die regionale Verteilung. Im Süden sind die Fachkräfte schon jetzt knapper als im Norden der Republik, im ländlichen Raum fehlen sie eher als in Ballungsräumen, sagt Hilmar Schneider, Chef des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Es fehlt in kleineren Orten oft an der nötigen Infrastruktur, an Kinderbetreuung oder Freizeitmöglichkeiten. Aber wer weiß: Vielleicht macht der Drang in die Großstädte das Leben dort irgendwann so teuer, dass eine Gegenbewegung einsetzt. Auch das wäre eine Marktreaktion.

Auch Schneider argumentiert mit einem Blick in die Vergangenheit: Niemand hätte die Internetrevolution vorausgesagt, als sie vor 20 Jahren begann. Es gab, nach heutigem Sprachgebrauch, keine „Fachkräfte“, die auf die neuen Aufgaben vorbereitet waren. Geklappt hat es trotzdem. „Wir haben den Umbruch mit den Menschen bewältigt, die da waren“, sagt der Forscher.

Trotz aller Alarmrufe bleiben die Aussichten für den deutschen Arbeitsmarkt also gut. Aus Sicht vieler Forscher spricht wenig dafür, dass der digitale Wandel eine neue Massenarbeitslosigkeit bewirkt. Und genauso wenig dafür, dass ein Mangel an Fachkräften die deutsche Wirtschaft zum Einsturz bringt.

Quelle: F.A.S.
Ralph Bollmann
Inge Kloepfer
Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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