Serie Anders Arbeiten

Und wo bleibt die Diskretion?

Von Corinna Budras
 - 13:52

Modern zu sein ist gar nicht so einfach. Für junge Technologieunternehmen, Architekturbüros oder Werbeagenturen mag die Sache klar sein: Wände raus, bunte Sofas rein, die Kaffeeküche möglichst groß und zentral. Auch traditionsreiche Konzerne machen da mit: Egal ob Pharma oder Auto – die Unternehmenskultur muss sich wandeln, und das zeigt sich am ehesten im Interieur. Aber was tun all jene Berufsgruppen, die sich neben aller modernen Kommunikation noch auf einen ganz anderen Grundpfeiler stützen müssen: auf die Verschwiegenheit? Rechtsanwälte, Unternehmensberater und Steuerberater gehören dazu, aber auch Journalisten.

Wie intensiv dieses Thema diskutiert wird, lässt sich gerade bei den Großkanzleien beobachten. Dort gibt es einige, bei denen schon gehämmert und gebohrt wird – mindestens gedanklich. Die amerikanische Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins hat die Diskussion mit einem außerordentlichen Wagemut befeuert. Seit Anfang Januar sitzen im Frankfurter Büro unweit der Alten Oper vor allem die jungen Anwälte Seite an Seite in einem nagelneuen Großraumbüro, auch die Referendare und Sekretärinnen sind dort untergebracht. In Teams sind sie gruppiert, jedermann in Sicht- und Hörweite. Sie sind nur durch schalldämpfende halbhohe Wände voneinander getrennt.

Gläsernes Büro ist Pflicht

Die Partner haben zwar noch ihre eigenen Büros, aber die sind vollständig gläsern, damit jeder sieht, was dort vor sich geht: Für alle sichtbar wälzen sie ihre Akten, telefonieren und verfassen Schriftsätze. Der Umzug ist noch nicht ganz vollendet. Noch sitzen viele Anwälte wie gewohnt in ihren eigenen Büros, aber schon bald zieht der nächste Schwung um. In zwei Wochen wird die zweite Phase abgeschlossen sein, es werden weitere Etagen inklusive der Working Lounge bezogen, heißt es aus der Sozietät. Die restlichen Räumlichkeiten sind im Laufe des Jahres fertig.

Die Veränderungen sind radikaler als alles, was es in der sehr traditionell geprägten deutschen Kanzleibranche gab, die bisher sehr viel Wert auf ihre schönen Einzelbüros legte, selbstverständlich mit ordentlichen Wänden aus Beton und einer gut verschließbaren Tür. Die amerikanischen Kanzleien tickten da schon immer etwas anderes, dort sind Großraumbüros insbesondere für die jüngeren Associates oder die Zeitarbeiter gar nicht so ungewöhnlich, durchaus auch fern des Tageslichts. An ein Fenster muss man sich dort erst mühsam heranarbeiten, das kann schon mal ein paar Jahre dauern. Im deutschen Arbeitsschutzrecht ist das ganz anders. Da ist das Tageslicht garantiert, auch für die Praktikanten.

Dezente Bürokultur in London

Die Briten legen ebenfalls Wert auf Vergemeinschaftung, allerdings wesentlich dezenter. In London sitzen viele Anwälte zumindest zu zweit in einem Büro. Den Sprung in die deutsche Bürokultur hat diese Gruppenarbeit nie geschafft. Bis jetzt. Das hat neben all den Vorbehalten einer traditionsbewussten Branche auch harte berufsrechtliche Gründe: Anwälte und Steuerberater sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und dürfen keine Interessenkonflikte eingehen. Beides ist mit gläsernen Wänden nur schwer zu erreichen, jedenfalls nicht ohne einen erheblichen Mehraufwand als in anderen Berufen. Auch Journalisten müssen ihre Quellen schützen, schon aus reinem Eigeninteresse. Einem Redakteur, der Informationen bedenkenlos preisgibt, ist nicht zu vertrauen.

In den Anwaltsbüros der einschlägigen Fernsehformate mögen sich die Akten stapeln, in der Realität bekommt jeder Ärger, der vertrauliche Informationen offen auf dem Tisch liegen lässt. Das wird auch heute schon mit Argusaugen bewacht. Da kommt in den Sozietäten die Compliance-Abteilung schon einmal zur Stichprobe vorbei und überprüft die Schreibtische auf den Grad der Diskretion. Das Mindeste sind also abschließbare Schränke – die auch genutzt werden.

Kundenbetreuer sitzen separat

Ähnlich problembeladen ist das Thema Interessenkonflikte: Je breiter eine Kanzlei aufgestellt ist, desto größer ist die Gefahr, dass im gleichen Hause direkte Konkurrenten beraten werden, etwa wenn die Anwälte bei dem Übernahmegefecht eines Konzerns zwei unterschiedliche Bieter beraten. In Deutschland gibt es schon etliche Sozietäten, die mehrere hundert Anwälte beschäftigen, da häufen sich solche Fälle. Deshalb investieren sie viel Zeit und Geld darin sicherzustellen, dass die Interessen der Mandanten nicht verletzt werden. Eisern wird darauf geachtet, dass nicht allzu viel Austausch zwischen den betroffenen Rechtsberatern herrscht.

Notfalls müssen die Anwälte schon mal in ein anderes Einzelbüro umziehen, um nicht zu viel von der Arbeit der Kollegen mitzubekommen. Fehlende Wände sind da natürlich ein zusätzliches Problem. Als „Chinese Walls“ müssen im Fall von Latham & Watkins nun die verschiedenen Stockwerke herhalten: Teams, die Wettbewerber beraten, werden auf unterschiedliche Etagen verteilt.

Vertraulichkeit hat Vorrang

So viel Aufwand macht man sich natürlich nicht nur aus einer Laune heraus. Das Ganze folgt dem Kalkül, dass auch Sozietäten heutzutage nichts anderes sind als moderne Unternehmen, die wiederum moderne Unternehmen beraten. Und als solche könne man nicht altmodischer sein als die Mandanten, schon gar nicht auf der Jagd nach den besten Talenten, die bekanntlich nach ganz anderem streben als nach den Insignien der Macht. So heißt es jedenfalls.

Da wollen die beratenden Berufe nicht hintanstehen. Es gibt nur ein Problem: In diesen Partnerschaften gibt es nicht nur einen Chef, der sagt, wo es langgeht, sondern viele. Dementsprechend weit liegen die Meinungen nach dem richtigen Weg auseinander. „Die Frage des Großraumbüros ist ein heftig diskutiertes Thema in vielen Kanzleien“, sagt Axel Metzger, Managing Director Partner der Kanzlei Baker & McKenzie. Auch er schlägt sich gerade mit Umzugsplänen herum. Seine Kanzlei wird in vier Jahren in den neuen Hochhauskomplex „Four“ umziehen, der in der Frankfurter Innenstadt bald gebaut wird. In diesen Zeiten stellt sich automatisch die Frage: Einzelbüros oder Großraum?

Die Wahl haben ihm die Kollegen ziemlich einfach gemacht. „Sowohl unsere Partner als auch unsere Associates hatten den Wunsch nach Einzelbüros“, sagt Metzger. „Sie brauchen einfach eine ruhige Fläche, in der Vertraulichkeit herrscht und wo sie auch mal ihre Sachen über einen längeren Zeitraum liegen lassen können.“

Gruppenbüro stärkt Teamgeist

Das bedeutet aber nicht, dass alles so bleibt wie bisher. Die Partnerbüros, bisher immer Ausweis von Macht und Einfluss, werden im neuen Gebäude gestutzt. Das spart Fläche, die man in Gruppenarbeitsplätze und Lounges stecken kann. „Die klassische Büroaufteilung ist tot“, sagt Metzger. „Und damit auch das Partnerbüro in der Ecke.“

Das mag nicht jeder unterschreiben, aber als Verfechter des alten Stils will sich inzwischen auch keiner mehr outen. Ganz im Gegenteil: „Die Reaktionen unserer Kollegen sind sehr positiv“, heißt es etwas steif aus der Kanzlei Latham & Watkins, wenn man nach den Erfahrungen der ersten vier Monate fragt. „Eventuelle Vorbehalte konnten überwunden werden, und das Ergebnis wird von den Kollegen positiv aufgenommen. Die Auswirkungen auf Kommunikation, Arbeitsatmosphäre, Teamgeist und Produktivität werden durchweg geschätzt.“

Soziale Kontrolle wächst

Hört man sich inner- und außerhalb der Kanzlei um, fallen die Reaktionen gemischt aus. Stärkere Vorbehalte kommen interessanterweise von außen, die Diskussionen über die Vor- und Nachteile der neuen Office-Welt können schon ganze Mittagsverabredungen dominieren. Man fürchtet um die Konzentration und die ständige Beobachtung. Das könnte dazu führen, dass man sich seltener im Büro blicken lässt und sich lieber andere Arbeitsplätze sucht, beim Mandanten oder zu Hause, wird gemutmaßt. Als Partner einer Kanzlei hat man schließlich die Freiheit dazu, bei den angestellten Anwälten sieht die Sache schon anders aus.

Aber auch geradezu euphorische Reaktionen gibt es. Einige schwärmen von dem frischen Wind, den eine solche Neuordnung mit sich bringt. Auf einmal ist viel mehr Leben im Büro. Besonders Berufsanfänger sitzen nicht mehr abgehängt in Einzelbüros, sondern bekommen jetzt genau mit, woran die Partnerin arbeitet. Da lässt sich einfacher die eine oder andere Frage stellen, für die man nicht erst geschlossene Türen überwinden muss.

Quelle: F.A.S.
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenLondon