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Dueck dagegen

Warum Intros schlafen gehen und Extros an die Bar

Von Gunter Dueck
 - 10:17
Nach dem Meeting noch an die Bar? Intros wollen lieber schnell ins Bett. Bild: Patrick Junker, F.A.Z.

Ich oute mich: Ich bin introvertiert. Deshalb ärgere ich mich grimmig über die vielen Bücher, die den Extrovertierten erklären, wie anders doch Introvertierte „ticken“. Denn sie verstehen die Introvertierten nicht. Ohne erläuternde Bücher gelesen zu haben, finden sie Introvertierte in erster Linie seltsam und irgendwie komisch-verdächtig. Das stört das Zusammenleben, und so verraten ihnen die vielen Ratgeber, dass Introvertierte auch gute Eigenschaften haben können. Aha! Extrovertierte sind eben „normal“, weil sie in der Mehrheit sind. Daher, so finden sie, haben sie alle normal gewünschten Eigenschaften – das ist ja das Wesen des Normalen.

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Bekanntlich unterscheiden sich Intros und Extros in ihrem Umgang mit Energie. Wenn sie unter vielen Menschen sind, fühlen sich Extros pudelwohl. Dagegen werden Intros bei zu viel Kommunikation überstrapaziert, weil sie ständig wirklich zuhören und nachdenken. Die Extros dagegen reden begeistert drauflos, gerne mal ins Unreine. Intros melden sich nur nach reiflicher Überlegung zu Wort und wirken daher im Gemenge unauffällig und still. Extros sprudeln sofort über, einfach so – egal, ob sie etwas zu sagen haben oder nicht. Intros dagegen legen auf den Inhalt ihrer Äußerungen Wert und wollen zusätzlich sicher sein, dass man ihre Beiträge auch würdigt und ernst nimmt, sonst sagen sie lieber nichts. Einfach so reden? Nein. Daher hassen sie auch alle die inhaltslosen Smalltalks.

Extros sind in Meetings in ihrem Element und drehen stundenlang richtig auf. Sie baden in der Menge! Intros aber finden lange Meetings ätzend und sehr anstrengend. Wenn ein zehnstündiges Meeting endet, gehen Intros ganz überanstrengt sofort auf ihr Hotelzimmer, Extros aber müssen erst noch runterkommen und an der Bar absacken, wo sie noch lange weiterreden. Intros nehmen es übel, dass es lange Meetings gibt. Extros können es nicht glauben, dass andere nicht an die Bar wollen. Sie finden deshalb, das Intros schwierige Menschen sind, die sich ungesellig benehmen und nicht einfach so sind „wie alle“. Introvertierte denken selbst, sie stimmen ihre Gedanken nicht mit anderen ab und kümmern sich vorrangig um Wahrheit und nicht darum, was alle denken. Sie sind einfach nur Eigenbrötler, schlimm! Sie weigern sich auch gerne, Projektleiter oder Führungskraft zu werden, sie haben einen eigenen Kopf und erscheinen im Ganzen „nicht normal“, was für Extrovertierte irgendwie nach „neurotisch“ und „defizitär“ riecht.

Eine gigantische Geldverschwendung

Deshalb schlage ich jetzt einmal zurück. Auf diese ganze Hammelherde drauf und auf die Lemminge, die sich benehmen, wie „man“ sein soll oder wie alle es gut finden. Verzeihen Sie mir, es muss einmal raus. Es sagt ja sonst keiner. Es liegt daran, dass viele nicht wissen, was einen Intro ausmacht. Jeder versteht doch den Unterschied zwischen Mann und Frau. Und es wird heute anerkannt, dass im Beruf immer nur all das normal ist, was männlich ist. Der Hauptgeschlechterkampf dreht sich darum, das allgemeine Verständnis männlich = maßgebend aufzuheben. Aber das Verständnis extro = maßgebend wird noch gar nicht angetastet. Um diese Front zu eröffnen, schieße ich einfach einmal Brandpfeile in die ungefähre Richtung.

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Wieso ist es normal, anderen schwadronierend nicht zuzuhören und stolz auf „Visibility“ und die meiste „Air Time“ in Meetings zu sein? Warum müssen Politiker in den Wahlsendungen mit Stoppuhren diszipliniert werden, weil sie zwar nichts zu sagen haben, aber den jeweils anderen nicht zu Wort kommen lassen wollen? Wir alle haben uns doch schon oft nach einem Ganztagsmeeting von zig Personen gefragt, ob es die zig tausend Euro wert war, die das Ganze gekostet hat. Die Extros betreiben mit den Meetings, mit all den schrecklichen Positionsabstimmungen und den endlosen Calls eine gigantische Geldverschwendung.

Das merken sie leider nicht im Meeting selbst, sondern nur später an der mauen Bilanz. Oh, wenig Gewinn! Sofort gehen sie ans Werk, das verschwendete Geld mit neuen Meetings, Brainstormings und Breakout Sessions wieder hereinzuholen. Sie bereden endlos, was sie jetzt „konkret“ mit „Leadership“ tun sollen. In jeder Breakout-Gruppe sitzen zudem noch extrodominante Vertreter von Marketing, Communication und CSR, die sich in ihrem Job schon über Likes freuen. Und wenn „am Ende des Tages“ nur Mickey-Mouse-Pseudo-Actions beschlossen wurden, fühlen sich die Extros richtig gut und freuen sich auf die Absacker an der Bar.

Sie denken nicht nach, sie „setzen sich zusammen“

Fast nie wird ein Meeting durch die Teilnehmer vorbereitet! Die Agenda gibt es meist erst kurz vorher, sie wird hastig ausgedruckt oder eine Sekunde vorher per Mail versandt. Introvertierte würden liebend gerne vordenken und schon mit meetingverkürzenden Vorschlägen eintreffen, aber Extros erzielen Fortschritte nur in der Herde. Sie denken nicht gerne tief-konzentriert nach, sie „setzen sich zusammen“. Befehlen Sie doch einmal einem Extro, eine fundierte Power-Point-Präsentation zu produzieren. Dann beruft er Calls ein, damit sie zusammen „etwas basteln“. „Hat einer schon mal eine ähnliche Präsentation gehalten? Die nehmen wir als Vorlage, ändern das Logo und lassen nur noch eine Collaboration-Software durch Praktikanten bedienen!“

Etwas Ernsthaftes kommt dadurch nicht zustande, dass merken sie schließlich auch. Dann suchen sie nach herdengerechten Heilslehren, wie man kreativ sein kann. Teaming, Design Thinking, konsensorientierte kollektiv-kognitive Facebookevents mit Kunden und Schwarmintelligenz sowieso werden beschworen und ausprobiert. Hauptsache, die Heilslehren sind extra für Extros ausgelegt, damit sie alle wieder reden und chatten können. Sie sind Freunde allesamt und sind vor allem nicht mutterseelenallein beim verhassten Selbstdenken. Keine Einzelzimmer! Nur noch kommunikative Massentierhaltungsminiarbeitsplätzchen, die alle Intros frustriert dahinsiechen lassen!

Eine extrovertierte Herde, die alles macht, wie „man“ es macht, will sich wie Papa Chefs Liebling geben, will gestreichelt und mit Boni überperlt werden. Wehe, Papa Boss ist böse! Das ist er bestimmt dann, wenn sie etwas Innovatives oder Neues versuchen, wenn sie Fehler machen oder Schräges (= Kreatives) eingestehen müssen. Extrovertierte in Herden verhindern jede Veränderung und alle disruptive Innovation. Sie hüten ihre Konventionen und Riten, die historisch unter unendlichen Meetingkaskaden entstanden. Wissen Extrovertierte eigentlich, wie sie selbst ticken? Sie ticken ganz normal – ja, stimmt, aber sie ticken nicht richtig. Normal ist per se doch nicht gut genug, oder? Ich grüble. Ach nein, ich lese jetzt sofort ein Buch mit Erklärungen, dass Extros auch gute Eigenschaften haben. Gibt es schon so eins?

Der Autor

Gunter Dueck ist Mathematiker und war Chief Technology Officer von IBM. An dieser Stelle spießt er die Absurditäten aus der Chefetage auf.

Quelle: F.A.Z.
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