Dueck dagegen

Warum Meister nicht vom Himmel fallen

Von Gunter Dueck
 - 06:00

Lehrling – Geselle – Meister, das war früher. Heute wird nach Goethe gemanagt: „Dass sich das größte Werk vollende, genügt ein Geist für tausend Hände.“ Ein einziger Mensch erfindet – sagen wir – einen schlingbaren Kunstlederfertigteig, und sofort gehen Anlernlinge in Tausenden Zweigstellen ans Brezelbacken. Man braucht also nur einen einzigen Meister seines Fachs, dazu einen betonharten Geschäftsprozess für Franchisefilialen und viele, viele Mindestlöhner, die einen in Minuten erlernbaren Arbeitsakt millionenfach vollziehen. Nach diesem Muster haben uns die Geschäftsprozessberater die Welt umgestaltet.

Wir brauchen also eine gute Idee, ein paar inhaltliche Meister oder Design-Stars, einen effizienten Produktions- und Serviceerbringungsprozess, Projektleiter, Hochdruckmanager, einen Zahlen- und Rechtsstab – und sonst? Eben möglichst nur noch Massen von Billighandlangern für einfache Arbeitsschritte. Sehr wenige Top-Leute stehen einem Heer von Anlernlingen gegenüber. Das ist so gewollt, weil es kostengünstig ist. Das Postaustragen ist heute schon beliebig straff organisiert, und die Banken kümmern sich gerade darum. Früher musste man ja die halbe Welt des Geldes kennen, um gut beraten zu können. Heute verkaufen die Bankberater aber nur ihre ganz wenigen „Hausprodukte“. Die mögen dann Silber-, Gold- und Platin-Sorglospaketlösungen heißen und kosten nur noch verschieden viel Geld. Das war’s – ja, und schon ist Vermögensberatung nicht mehr viel schwieriger als das Fertigbacken in einem Supermarkt-Backshop.

Wirtschaft ohne Mitte funktioniert nicht

Lässt sich die ganze Welt so organisieren? Ich habe das vor langer Zeit geahnt und damals ein rabenschwarzseherisches Ketzerbuch mit dem allessagenden Titel „Lean Brain Management“ geschrieben. Ach, und heute sehe ich die Bescherung. Man hat es nicht als Gesellschaftskritik verstanden, sondern sofort umgesetzt: Einige wenige Meister konstruieren idiotensichere Prozesse, deren Bedienung keine Expertise mehr braucht. Hier öffnet sich nun seit Jahren die wahre Schere zwischen Arm und Reich, zwischen oben und unten!

Lehrling – Geselle – Meister, das war früher. Heute teilt sich die Welt immer mehr in wenige Top-Meister und viele, viele Routinearbeiter. Das ist gesellschaftlich bedenklich und sozial ungerecht. Die Wirtschaft an sich kümmert sich im Effizienzstreben nicht mehr um ihren Zweck, nämlich die vorhandenen knappen Ressourcen nachhaltig und schonend zum Wohlstand aller einzusetzen. Das ist schon millionenfach gesagt worden. Aber hier kommt eine neue Entwicklung: Woher bekommen wir Meister, wenn es keine Gesellen mehr gibt? Was passiert, wenn wir Wirtschaft ohne Mitte versuchen?

Ohne Codierknechte geht es nicht

Ein Beispiel: In der IT-Branche ist es üblich, die konkrete Arbeit, also zum Beispiel das Programmieren und Administrieren, nach „Indien“ (in Niedriglohnländer) auszulagern. Der Profitplan der hiesigen Firmen sieht vor, am besten nur die Projektleiter, Starberater und Vertriebsprofis im Lande des Kunden arbeiten zu lassen, „weil deutsche Kunden hiesige Kontaktpersonen bevorzugen“ – kurz, weil sie einfach noch nicht direkt in „Indien“ bestellen wollen. In diesem Modell der IT-Beratungsunternehmen arbeiten in Deutschland nur die „Meister“, wogegen die oft abfällig so genannten „Codierknechte“ irgendwo in der billigen Welt tätig sind. Wenn wir in Deutschland aber weder Lehrlinge noch Gesellen haben – wenn aber das, was Starberater und Meister ausmacht, nirgendwo in der Ausbildung vorkommt – ja, woher kommen dann die Meister? Hoffen wir, dass es bald Topleute regnet?

Gerade in diesen Wochen regen wir uns über den Wahnsinn beim Fußballer-Transfer auf. Die einstige höchste vorstellbare Schallmauer von 100 Millionen Euro Ablöse- oder Transfersumme ist schnell durchbrochen worden. Um ein paar Weltstars raufen sich alle Vereine. Talent-Scouts reisen in tiefste Provinzen und kaufen hochtalentierte Jugendliche heraus. Verzweifelt suchen sie nach den Fußballgöttern der Zukunft. „Find the one in a million.“ Im Fußball ist es aber auch jedem Laien klar, dass diese Talente nur unter großflächiger und liebend aufwendiger Nachwuchsarbeit reifen. Man muss unglaublich viele Kinder trainieren, um ein paar Gesellen, ein oder zwei Meister und vielleicht einmal einen Star zu ernten. Wenn das aber im Fußballkontext überhaupt jedem normalen Menschen bekannt ist, warum dann nicht den angeblich so gewieften Betriebswirten im Business?

Ablösesummen für IT-Fachleute

Zurück zum IT-Beispiel: Ein Kenner der Szene berichtete, man überlege schon einmal, ein paar Leute doch wieder in Deutschland programmieren zu lassen und sie dann zu Meistern aufzupäppeln. Ich fragte, wie hoch denn die Ausbeute sein würde. Wie viele Top-Leute kämen denn zum Beispiel heraus, wenn man mit hundert Lehrlingen begönne? Mein Gesprächspartner stutzte entgeistert. Wir schwiegen. Er schien sich eine Ausbeute von wohl fast 100 Prozent vorgestellt zu haben. Aber es werden doch nur 5 oder 2 Prozent wirklich top? Vielleicht noch weniger? Es wird doch wie im Fußball sein – reines Supertraining allein macht nicht zwangsläufig zum Bundesligaspieler!

Es ist traurig: Wir sägen an unserem Ast, auf dem wir sitzen. Wir werden bald Ablösesummen zahlen, um Topleute in unsere Unternehmen zu ziehen. Wir werden wohl nicht mit dem Ausbilden und Entwickeln von vielen wiederbeginnen. Wer von uns dann nicht genug für Top-Leute bezahlen kann, macht notdürftig zweitklassig weiter und vergisst mit der Zeit, was erstklassig ist. Ein beständiger Abstieg wird folgen. Solange das viele Unternehmen in vielen Ländern so machen, merken wir es kaum. Wer noch Top-Leute hat, muss versuchen, sie immer noch viel effizienter einzusetzen – wie im Fußball. Da sind die Topspieler „overused“, also fast missbräuchlich überlastet. Folglich sind sie so oft verletzt und verletzen sich auch gegenseitig hemmungslos auf dem Rasen. Es herrscht ja Wettbewerb unter den Grasgöttern. In den Unternehmen sind die Topleute dann nur noch Feuerwehr für alles. Sie werden als Projekt-Red-Adair oder neudeutsch Troubleshooter für alles eingesetzt. Zu viel Trouble, zu wenige Top-Leute! Und wir sehen, wie sich die Burnouts häufen und ebenso die Großprojektkatastrohen.

Es wird keine Meister regnen. Punkt. Wir brauchen wieder gute Ausbildungs-, Entwicklungs- und Karrierepfade für viele. Die Spitze bildet sich nur über einer breiten Basis mit einer gesunden Mitte.

Gunter Dueck ist Mathematiker und war Chief Technology Officer von IBM. An dieser Stelle spießt er die Absurditäten aus der Welt der Menschen und Manager auf.

Quelle: F.A.Z.
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