Duzen bei der Arbeit

Per Du mit dem Vorstandschef

Von Mauritius Kloft
 - 12:49

Zum Vorstand eines Konzerns haben die meisten Mitarbeiter keinen Kontakt. Wenn sie nicht gerade im Betriebsrat sitzen, als Vorstandsassistent arbeiten oder mit dem Chef verwandt sind, kennen sie den Vorstand nur von weitem. Viele Mitarbeiter halten ihn für unnahbar.

Die Otto Group mit ihren rund 50.000 Mitarbeitern, die in verschiedenen Tochterunternehmen arbeiten, hat sich da etwas einfallen lassen – oder viel mehr ihr Vorstand. Vergangenes Jahr hat dieser der gesamten Belegschaft das „Du“ angeboten. Erleichtert das die Kommunikation in Unternehmen?

Ja, sagt Thomas Voigt, Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation bei der Otto Group mit Sitz in Hamburg. „Es sorgt für ein größeres Wir-Gefühl“, sagt er. Denn die Schwierigkeit sei eben gewesen, dass der Vorstand als „zu weit weg“ galt. „Das Duzen führt zu einer ganz anderen Nähe“, schwärmt er. Eine Verordnung ist das aber nicht. „Das geschieht freiwillig“. Ebenso wie bei dem Modeversand Zalando. Dort duzen sich auch alle – ohne Verordnung. Hier liegt es aber nicht daran, dass der Vorstand das „Du“ angeboten hat. „Das ist Teil der Unternehmenskultur und wurde von Anfang an so gehandhabt“, sagt Pressesprecherin Nadine Przybilski. Der Altersdurchschnitt liege bei Anfang 30, die Unternehmensgründer seien auch noch sehr jung. Tim Hagemann bestätigt: „Duzen muss zur Unternehmenskultur passen“. Er ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Bielefelder Fachhochschule der Diakonie. „Zalando hat eine sehr offene Feedbackkultur, die durch das Duzen vielleicht noch unterstützt wird“, sagt Przybilski.

„Man ist nicht automatisch auf Augenhöhe“

In Konzernen, in denen die Hierarchie stark ausgeprägt sei, könnte das aber auch zu Schwierigkeiten führen, sagt Hagemann: „Man ist nicht automatisch auf Augenhöhe mit dem Vorgesetzten, nur wenn man ihn duzt“. Das sei gerade in unangenehmen Gesprächen eine Herausforderung, sagt Hagemann. Thomas Voigt sieht das anders. „Es schafft eine viel größere Ehrlichkeit, wenn man sich duzt“, sagt er. „Es ist auch eine gewisse Form des Respekts“.

Gerade wenn es darum ginge, dass der Mitarbeiter Fehler gemacht hat, sei diese Form der Anrede für den Vorgesetzten wichtig. „Er ist gezwungen, sich in die Situation hinein zu fühlen“. Dadurch würden Gespräche viel emotionaler. Hagemann sieht an diesem Punkt aber auch Schwierigkeiten: Ein „Du“ könne auch schnell despektierlich auf den Mitarbeiter wirken. Darauf müsse ein Vorgesetzter achten. „Dann sollte jeder seine Rolle einnehmen und die Form halten“. Viele Führungskräfte hätten sich auch duzen lassen, als der Vorstand das Vorbild dafür war, sagt Voigt. „Trotzdem gibt es noch Kollegen, die sich lieber siezen lassen. Das wird dann auch respektiert“.

Der Trend zur Duzkultur ist schon seit einigen Jahren beobachtbar, sagt Hagemann. Das liege vor allem an der zunehmenden Internationalisierung und den Start-Ups. „In der englischen Sprache duzt man sich ja von vorneherein“. In Amerika gebe es aber dann andere Mechanismen, um Hierarchien auszudrücken: Statussymbole wie ein größeres Büro etwa. Aber der Fachmann sieht auch einen allgemeinen Trend zum formloseren Umgang – gerade in großen Konzernen. Die Krawattenpflicht entfalle etwa immer häufiger.

Während Geschäftstreffen kann dieser Umgang hin und wieder etwas schwierig werden. „Es kann für einen Geschäftspartner schon komisch sein, wenn sich alle Mitarbeiter in einem Meeting duzen, nur er wird gesiezt“, sagt Voigt. Er merke aber bei sich selbst, dass er viel öfter jemandem das „Du“ anbiete. Bei Zalando sieht es ähnlich aus: Nach außen hin wird nur geduzt, wenn es passt. Geschäftspartnern biete man das „Du“ an, wenn man sehe, dass es angemessen ist, sagt Przybilski. „Ein Du ist ja etwas sehr persönliches. Und so sollte es auch behandelt werden“, sagt Hagemann.

Quelle: FAZ.NET
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