Gastbeitrag

Was Marie Curie und das iPhone gemeinsam haben

Von Emmanuelle Brun-Neckebrock
 - 15:52

Diese Woche wäre Marie Curie 150 Jahre alt geworden. Als sie am 7. November 1867 in Warschau geboren wurde, ahnte niemand, welche Bedeutung diese Frau für die Wissenschaft haben würde. Sie war die erste Frau, der ein Nobelpreis verliehen wurde, die erste Person, die ihn sogar gleich zweimal bekam, und die einzige mit einen Nobelpreis in zwei verschiedenen Wissenschaften. Sie war auch die erste Frau, die Professorin an der Universität Paris wurde. Im Jahr 1995, es war 65 Jahre nach ihrem Tod, war sie außerdem die erste Frau, die aufgrund ihrer eigenen Leistungen im Panthéon beigesetzt wurde. Das sind ziemlich viele Premieren. Vor allem in einer Zeit, in der Frauen nicht gerade dazu ermutigt wurden, eine Karriere anzustreben – schon gar nicht in der Wissenschaft.

Nachdem ihr der Zugang zu einer regulären Hochschule verwehrt blieb, weil sie eine Frau war, wurde sie schließlich an der quasi im Untergrund operierenden Fliegenden Universität aufgenommen, einer patriotischen Institution Polens, die auch weibliche Studenten zuließ. Nach langen Jahren des Sparens, während sie sich autodidaktisch dem Unterrichtstoff näherte, konnte sie Ende 1891 endlich ihr Studium der Physik, Chemie und Mathematik - die wir heute MINT-Fächer nennen - an der Universität Paris aufnehmen. Seither haben wir Franzosen eine ganz besondere Beziehung zu Marie Curie.

Mit ihrem unermüdlichen Innovationsgeist war sie die zentrale Figur bei der Entwicklung der Radioaktivitätstheorie, Techniken zur Isolierung radioaktiver Isotope sowie der Entdeckung der Elemente Polonium und Radium. Während des Ersten Weltkrieges entwickelte sie das, was fast nur mit der Erfindung des iPhones von Apple vergleichbar ist: Mobile Röntgengeräte für die Versorgung von Soldaten in Feldlazaretten. Eine Erfindung, die wir heute disruptiv nennen würden.

Diskussion über Gleichberechtigung verursacht oft nur genervtes Augenrollen

Aber warum erzähle ich Ihnen das? Weil wir aus dieser inspirierenden Biografie noch viel lernen können. 150 Jahre später, zu einer Zeit, in der die Diskussion über die Gleichberechtigung oftmals nur noch ein genervtes Augenrollen verursacht, kann uns diese Geschichte an den Kern von Innovation erinnern: den Bruch mit traditionellen Denkweisen. Denn genau das ist für Innovation von entscheidender Bedeutung, und doch vernachlässigen wir es sträflich. Alte Gewohnheiten und Denkmuster sind schwer abzulegen, aber sie führen zu einer genauso hartnäckigen Voreingenommenheit. Wir haben heute die rechtlichen Rahmenbedingungen, die es Frauen ermöglichen, jeden Beruf anzustreben, den sie sich wünschen. Und doch ermutigen wir junge Frauen nach wie vor nicht genug, sich mit MINT-Fächern zu beschäftigen. 150 Jahre nach Marie Curie besteht offenbar immer noch dieselbe alte Voreingenommenheit.

Auf den ersten Blick scheinen wir beim Thema Vielfalt natürlich gut voranzukommen, aber die Daten sagen etwas anderes. In den 1980er Jahren waren 40 Prozent der Absolventen von Informatik-Studiengängen Frauen. Heute sind es nur noch 18 Prozent. Aber das können wir uns im Zeitalter des digitalen Wandels einfach nicht leisten - wir brauchen Vielfalt, um Innovation anzufachen. Nur so werden wir Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu finden.

Gleiches gilt für andere Domänen, die als männlich gelten. Zum Beispiel die Welt der Finanzen. Finanzen und Technologie – damit ist meine Position als Leiterin der Finanzabteilung von SAP Frankreich gleich eine zweifache Rarität. Aber es sollte keine sein. Mit dem Wandel der Geschäftspraktiken ändern sich auch die benötigten Führungsqualitäten. Kunden wie Mitarbeiter erwarten von ihren Führungskräften mehr Empathie, mehr Belastbarkeit, mehr Menschlichkeit – Frauen passen gut auf dieses Anforderungsprofil. Doch darum geht es nicht primär. Der Schlüssel ist Bildung.

Das Problem an der Wurzel packen

Mädchen werden nicht ausreichend ermutigt, MINT-Karrieren anzustreben, so dass wir dieses Problem an der Wurzel packen müssen. Die Lehrpläne der meisten Grundschulen bieten nicht genügend Möglichkeiten, auf spielerische Weise mit Naturwissenschaften zu experimentieren, die sich die natürlichen Neugier der Kinder zunutze macht. Und weil sich das Bildungssystem nicht schnell genug ändert, sind es die weltweit führenden Technologieunternehmen, die sich engagieren müssen, um unsere Kinder auf das Arbeitsleben von morgen vorzubereiten.

SAP investiert in verschiedene MINT-Initiativen wie Girls Who Code, Girls Smart, Tech Girlz und Paradigm for Parity Pledge. Als erstes globales Technologieunternehmen weltweit erhielt SAP im Jahr 2016 die Global Gender Equality Certification (EDGE). SAP hatte sich verpflichtet, bis zum Ende des Jahres 2017 ein Viertel der weltweiten Führungsposition mit Frauen zu besetzen. Dieses Ziel wurde Mitte 2016 erreicht, so dass wir uns ein neues Ziel gesetzt haben: Bis 2020 wollen wir 28 Prozent Frauen in Führungspositionen haben. 2022 sollen es 30 Prozent werden.

Marie Curie ist zweifellos eine der inspirierendsten Frauen der Wissenschaft. Sie wird in Frankreich verehrt wie kaum eine andere. In der Wissenschaft fand sie ihre Leidenschaft, die sie schon sehr früh für sich entdeckte. Und warum? Weil sie es konnte. Ihre Eltern waren Lehrer. Offenbar waren sie ihrer Zeit voraus, als sie die junge Marie ermutigten, Naturwissenschaften zu studieren. Es war diese Leidenschaft, die ihr die Kraft gab, die Vorurteile ihrer Zeit zu überwinden, die sie zu ihren bahnbrechenden Entdeckungen inspirierte und die ihr die Hartnäckigkeit verlieh, unnachgiebig weiterzumachen, bis sie am Ziel war.

Ich hoffe, dass wir heute als Eltern, Führungskräfte und Mentoren unsere oftmals unbewusste Voreingenommenheit überwinden. Nur so können wir echte Leidenschaft in der nächsten Generation entfachen, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Es ist Leidenschaft, die das Unmögliche möglich macht. Feiern wir deshalb Marie Curie und mit ihr die vielen Marie Curies, die noch kommen werden.

Quelle: FAZ.NET
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