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Gelungene Vorträge

Fachjargon macht unsympathisch

Von Uta Jungmann
 - 08:04
Zum Einschlafen: Manche Vorträge sind langweilig oder schwer verständlich - es geht aber oft besser. Bild: Imago, F.A.Z.

Herr Kantowsky, wie gehen Sie einen Geschäftsvortrag an?

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Zuerst überlege ich: Wer sind meine Zuhörer, wer sitzt da – welches Vorwissen haben sie, und welche Sprache sind sie gewöhnt? Und: Welche emotionale Vorbelastung zu einem Thema bringen sie mit? Danach frage ich mich: Was sind die drei Dinge, an die sich meine Zuhörer am nächsten Morgen noch erinnern sollen, nach dem Abend an der Bar? Diese drei Kernpunkte schreibe ich auf ein weißes Blatt Papier. Denn: Der Empfänger will nicht mein pralles Wissen vermittelt bekommen, sondern aus seiner Perspektive das Wesentliche zum Thema hören.

Lohnt es sich, einen Vortrag zu testen?

Ja, vor allem wenn ich ihn vor Leuten ohne großes Vorwissen halte. Es kann hilfreich sein, die Kernpunkte jemandem Nahestehenden statt einem untergebenen Mitarbeiter zu erklären. Bei mir ist es mein Sohn – ich frage ihn, wie die Punkte bei ihm ankommen, und er gibt mir offen Feedback, ob er gerade nur Bahnhof verstanden hat.

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Wie gelingt der Einstieg ins Thema?

Damit sich die Zuhörer öffnen, erzählen geübte Redner kleine Geschichten, die ihnen im Alltag passiert sind, und die einen Bezug zum Thema schaffen: Etwa, gestern bin ich im Fahrstuhl stecken geblieben, da hatte ich diese Idee für unsere festgefahrenen Verhandlungen oder jene für unser technisches Problem. Wenn es echt wirken soll, muss die Geschichte aber zwingend aus dem eigenen Erleben stammen. Gelingen kann auch ein starker Vergleich – wie mit dem Auskehren vom Augiasstall angesichts einer schwierigen Lage. Doch nur, wenn das Ausmisten auch dem Wunsch der Zuhörer entspricht. Sind Leute im Raum, die für die Umstände mitverantwortlich sind oder ihren Job zu verlieren drohen, gehen solche Vergleiche daneben. Vorsicht auch vor Witzen oder Zitaten aus dem Rednerhandbuch – sie können gezwungen und gekünstelt wirken.

Wie spreche ich über trockene Inhalte?

Da habe ich zwei Möglichkeiten: Die erste ist, die Zuhörer über die Fakten hin zur Schlussfolgerung zu führen. Das mag sachlogisch richtig sein, macht es aber schwierig mitzudenken, weil die Zuhörer das Ziel nicht kennen. Besser, ich stelle nach dem Einstieg das Ergebnis voran und sage: Wie wir in der Sache zu dem Schluss gekommen sind, erkläre ich Ihnen jetzt anhand der Fakten. Allerdings entsteht der Spannungsbogen dabei nicht von selbst. Eher, wenn ich aus meinen Zahlen zwei, drei überraschende herausgreife und die Zuhörer in ein Frage-Antwort-Spiel einbinde: Frau Müller, was glauben Sie, wie viele Teile schafft die neue Anlage in der Stunde? Lassen Sie den Leuten ruhig Zeit zum Nachdenken! Alles, was vom erwarteten Muster im Vortrag abweicht, macht es spannender und erhöht die Aufmerksamkeit. Vorausgesetzt, es passt zum Thema und zum Redner.

Was für einen Unterschied macht die Zielgruppe?

Zackig lässt sich mit dem Vorstand, der sich mit der neuen Anlage ja schon beschäftigt hat, durch die Fakten gehen: Da reicht etwa der kurze Verweis aus, wir haben an einer Stelle nachverhandelt – daher kostet die neue Anlage jetzt 6,3 statt 6,8 Millionen Euro. Dem Betriebsrat muss ich mehr erklären: Wir wollen wachsen, dafür brauchen wir die neue Anlage. Sie führt zu mehr Automatisierung und deshalb zu einem neuen Schichtmodell, das erläutere ich Ihnen jetzt. Und zwar in griffiger Sprache, mit einfachen Sätzen, ohne Komma dazwischen: Gut kommen auch Sprachbilder an, vor allem solche, die jeder sofort versteht.

Und wo lauern sprachliche Fallen?

Vor allem beim Fachchinesisch: Personaler verstecken sich etwa gern hinter Begriffen wie Corporate Identity oder Unternehmenskultur, Arbeitsrechtler hinter Juristen-Deutsch oder Ingenieure hinter ihrem Techniksprech. Die Leute fühlen sich damit oft sicherer und weniger angreifbar. Doch das Gegenteil tritt ein: Je mehr Fachjargon, desto unsympathischer und unnahbarer wirken Sie. Vor Experten geht die Fachsprache noch in Ordnung, etwa beim Vortrag zur Elektromobilität vor einer VDA-Abteilung. Sitzen zum gleichen Thema in Ihrer Firma aber Leute aus dem Marketing dabei, fordert deren Verständnis für die Sache, die Sprache zu entrümpeln und den Expertenjargon herauszunehmen.

Folien sind inzwischen verpönt. Zu Recht?

Powerpoint oder andere Programme helfen durchaus bei der Visualisierung. Die Frage ist nur, wie sie eingesetzt werden: Dafür muss ich unterscheiden zwischen einer Präsentation zu einem Vortrag und einer zu Dokumentationszwecken. Letztere muss die Sachlage in vielen Folien abbilden, wird gelesen und ist schon deshalb keine gute optische Begleitung für eine frei gehaltene Rede. Es ist wirklich zu mühselig zuzuhören, wenn jemand nur vollbepackte Folien vorliest. Eine Dokumentation lässt sich auch nicht einfach zur Rede ummodeln, indem man hier etwas abschleift und dort anklebt – zumindest nicht, wenn ich verstanden werden will. Zahlenreihen sollten in eine gut aufbereitete Grafik verpackt werden – die sagt viel mehr aus als die nackten Ziffern: Doch erst wenn der Redner diese Grafik auf den Punkt in seine Rede einbaut und die dazugehörige Erläuterung liefert, untermauert sie seine Aussage tatsächlich.

Mit welchen Mitteln lässt sich ein Vortrag noch lebendig gestalten?

Vor allem, indem der Redner Abwechslung hineinbringt: Er kann etwa einen kurzen Film zur neuen Hydraulikpresse zeigen, statt sie lange zu erklären. Das lockert das Ganze auf und durchbricht den Redefluss. Authentisch wirkt übrigens auch, zwischendurch auf dem Flipchart etwas anzuzeichnen, wenn man darin geübt ist. Ein Vortrag lässt sich zudem mit einem Redepartner als Zwiegespräch gestalten, ähnlich einem Interview. Da fällt das Zuhören leichter.

Und die unbequemen Wahrheiten?

Immer direkt ansprechen! Nett verpacken funktioniert selten; die Leute fühlen sich schnell veralbert. Bloß keinen Zuckeraufguss auf das setzen, was eh nicht gut riecht und schmeckt. Offen und transparent sein und vor allem erläutern, warum dieser Schritt jetzt notwendig ist. Es bringt nichts, sich hinter Sprachhülsen zu verstecken, auch nicht bei extremen Themen wie einer Massenentlassung. Die Fakten nennen, aber die entsprechenden Folgen und Maßnahmen danach auch Auge in Auge erläutern, gerade dem Betriebsrat gegenüber.

Wie geht ein gelungener Schluss?

Im besten Fall lässt sich eine Brücke zum Folgevortrag bauen: Sie benennen die Punkte aus Ihrem Vortrag, auf die der nächste Beitrag aufbaut. Sonst runden Worte in der eigenen Sprache den Vortrag perfekt ab, ganz ohne Wortstroh wie „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit“. Ich sage zum Beispiel oft: Schön, dass ich einige Gedanken mit Ihnen teilen konnte.

Quelle: F.A.Z.
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