Anders Arbeiten

Ein Hoch auf das Großraumbüro

Von Carsten Knop
 - 11:17

Ein Großraumbüro ist ein Paradies der Kommunikation und der Zusammenarbeit. Und dass diejenigen, die für ihre Einführung oder weitere Nutzung plädieren, niemals selbst inmitten der Mitarbeiter ihres Teams sitzen, ist ein Gerücht: Um die These zu widerlegen, muss man noch nicht einmal ins Silicon Valley oder zu Start-ups nach Berlin reisen. Es gibt reichlich Chefs in ganz traditionellen Unternehmen, die ebenso in Großraumbüros arbeiten wie ihre Kollegen. Auch in Einzel- oder Zweierbüros kann man ganz wunderbar unproduktiv sein, wenn das ein Argument gegen den größeren Raum sein sollte. Ganz im Gegenteil kann die Produktivität im gemeinsamen Büro jeden Mitarbeiter kräftig dazu motivieren, selbst ebenfalls nicht durchzuhängen.

In den vergangenen zehn Jahren habe ich fast die gesamte Zeit im Großraumbüro gearbeitet, stets in derselben Stadt, für dieselbe Zeitung, seit allerjüngster Zeit in einem anderen Newsroom als in den Jahren zuvor. Und ich bin mir nicht sicher, warum man dabei unbedingt an Flucht oder die Berge in Österreich und der Schweiz denken sollte, wie jüngst ein geschätzter Kollege: Tatsächlich ist es so, dass ich durch Rat und Tat der Kolleginnen und Kollegen im Großraumbüro in meiner Arbeit besser geworden bin. Ohne ihre Anregungen und Einwände wären die Gedanken zur Zeitung oder nun zum Netz viel weniger kreativ ausgefallen.

Gewiss, es ist besser, wenn man in diesen Büros einen festen Platz hat; jeden Tag einen freien Schreibtisch suchen zu müssen, ist keine gute Idee, besonders dann, wenn es zu wenige davon gibt. Wenn die Arbeitsplätze aber in ausreichender Zahl vorhanden sind, alle gleich aussehen – und zumindest darauf geachtet wird, dass die Schreibtische nicht zugemüllt werden, dann ist auch das kein größeres Problem. Und einen freien Arbeitsplatz gibt es eigentlich immer: Urlaubszeiten, Schichtzeiten und krankheitsbedingte Abwesenheiten sorgen schon dafür, dass man irgendwo seinen Platz für den Tag findet.

In der Regel genügen ein paar Handgriffe

Und ja, benutze Kaffeetassen stünden in der Spülmaschine besser als auf dem Schreibtisch. Der Ordnungssinn der Kollegen lässt viel zu häufig auf ein Teilversagen der Eltern in der Erziehung schließen. Aber in der Regel genügen ein paar Handgriffe, und die Sache hat sich. Wer sich über so etwas aufregen will, wird auch Gründe finden, sich im Einzelbüro über seine Nachbarn zu ärgern. Man kann dort nämlich auch zu laut telefonieren, in der Nacht das Licht anlassen – oder zu häufig Gäste empfangen. Im schlimmsten Fall ist gegenüber gar die Kaffeeküche untergebracht, die zum lautstarken Plausch auf dem Gang einlädt. Wie schön ist da doch die verlässlich-monotone Grundlautstärke des Großraumbüros, die es ganz einfach macht, in den eigenen Gedanken zu versinken und am jeweiligen Text weiterzuarbeiten.

Sauberkeit und Hygiene lassen ebenfalls nicht nur im Großraumbüro zu wünschen übrig. Echte Messies versauen auch ihr Einzelbüro. Wer es ordentlich mag, wird hingegen selbst im Großraum im Handumdrehen einen sauberen Arbeitsplatz haben. Desinfektionsmittel kann man nutzen, muss man aber nicht. Wozu gibt es Abwehrkräfte? Mein Rat an alle, die sich im Großraumbüro vor Viren fürchten: Längeres kaltes Abduschen am Morgen stärkt die persönliche Resistenz in einer erstaunlichen Art und Weise. Damit übersteht man sogar manche Attacke durch die Viren der eigenen Kinder. Und die sind, wie jeder weiß, erheblich gefährlicher als alles, was die Kollegen im Großraum zu bieten haben.

Und natürlich, die Computer an den Arbeitsplätzen müssen funktionieren. Das tun sie nach meiner Erfahrung dort aber genauso gut oder genauso lange wie am Einzelarbeitsplatz. Dass im großen Team stets der Letzte die Hotline anruft, wenn wirklich kein einziger anderer Schreibtisch als der mit dem defekten Rechner mehr frei ist, dürfte ein Gerücht sein. Ganz grundsätzlich gilt, dass man sich in Großraumbüros ein wenig gegenseitig erziehen kann – und darf: übrigens abermals zum eigenen Vorteil. Kollegen, die überhaupt nicht in der Lage sind, irgendeine Art von Sozialkompetenz zu erwerben, sollten ohnehin nicht Teil eines Teams werden, auch nicht eines Teams, das ausschließlich in Einzelbüros sitzt.

In Einzelzellen sitzen auch die Einsamen

Dass es gut wäre, wenn im Großraumbüro ein jeder mindestens einen verschließbaren Rollcontainer hätte, auf den er verlässlich zugreifen kann, ist keine Frage. Andere Ablageflächen in Schränken wären ebenfalls hilfreich. Wo das nicht so ist – und auch sonst die Quadratmeterzahl oder der Schallschutz von vorne bis hinten nicht passt – der sollte mit dem Betriebsrat seines Vertrauens sprechen. Eine Mitschrift oder eine Akte lässt sich sowieso überall verlegen, unabhängig von der Frage der Ablageflächen. Man könnte auch die These wagen, dass das Großraumbüro in dieser Hinsicht stärker diszipliniert als die große Freiheit des Einsamen in seiner Einzelzelle. Natürlich braucht man solche Rückzugsräume, um auch einmal in Ruhe telefonieren und recherchieren zu können. Eine Arbeitsumgebung, die ausschließlich aus einem oder mehreren Großraumbüros besteht, dürfte es dort, wo Köpfe arbeiten müssen oder sollen, sowieso nirgendwo geben. Private Dialoge wiederum lassen sich heute auf die Schnelle und in aller Stille mit Whatsapp auf dem Handy erledigen; im Zweifel steht man auf und telefoniert auf dem Gang.

Falls Ihnen dieser Artikel gefallen hat, könnte das übrigens daran liegen, dass er selbstverständlich in der Mitte eines Großraumbüros entstanden ist. Hier habe ich nun statt zwei drei Monitore um mich herum (was ein Vorteil ist), Kollegen haben parallel über spannende Themen gesprochen – und außerdem weiß ich jetzt, dass es unter den Kollegen hier sogar noch mehr Fans von Arminia Bielefeld gibt als bisher gedacht. Auch so etwas erfährt man nur im Großraumbüro.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels war statt Einsamkeit von Autismus die Rede. Damit sollte die Diagnose “Autismus“ nicht verharmlost werden, weshalb wir das Wort ausgetauscht haben.

Quelle: FAZ.NET
Carsten Knop - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Carsten Knop
Chefredakteur digitale Produkte.
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