Verunsicherte Studenten

„Der Verbrennungsmotor wird noch lange gebraucht“

Von Uwe Marx
 - 13:40

Es heißt, der Verbrennungsmotor habe keine Zukunft mehr, die Mobilität der Zukunft sei elektrisch – wie kommt das unter den Maschinenbauern am Institut für Kolbenmaschinen des KIT an?

Unsere Studenten sind teilweise massiv verunsichert, und die zum Teil hassgetriebene Diskussion und negative Berichterstattung über den Verbrennungsmotor spielt dabei eine große Rolle. Durch Leute, die ein Ende des Verbrennungsmotors prognostizieren, ist ein gewaltiger Flurschaden entstanden. Dabei wird es ihn noch in 50 Jahren geben, weil seine Rolle zu wichtig ist.

Ist der Maschinenbau in Ihrem Bereich auf dem absteigenden Ast und die Elektrotechnik die Ingenieurwissenschaft der Stunde?

Der Maschinenbau wird noch sehr, sehr lange, und zwar ohne absehbares Ende, ein wichtiger Bereich der Ingenieurwissenschaften sein. Er wird dominant bleiben, dafür ist er einfach zu wichtig. Denken Sie auch an Flugzeugbau, Turbinen, Fahrwerke allgemein, Produktionstechnik auch E-Mobilität und viele andere Bereiche: Der Maschinenbau wird sehr gefragt bleiben.

Es ändert sich also nichts?

Der Verbrennungsmotor war zwar lange als Studienfach ein Selbstläufer, aber das ist vorbei. Wir müssen uns neu und sehr gut aufstellen, um für Studenten attraktiv zu bleiben.

Wie soll das gehen?

Jedenfalls nicht, indem wir einfach nur gute Noten verteilen, um uns attraktiver zu machen. Denn so bekämen wir nicht die Besten unter den Studenten. Wir müssen aufklären, aufklären, aufklären. Die Ziele sind klar: Hundertprozentige Nachhaltigkeit bei Emissionen und hier vor allem bei CO2 – eine spannende Aufgabe. Stickoxid und Ruß ist ja bereits fast vollumfänglich gelöst.

Worüber muss aufgeklärt werden?

Zum Beispiel, dass der Verbrennungsmotor, abgesehen von seiner Wichtigkeit auch für die Zukunft, die anspruchsvollste technische Maschine der Welt ist, sogar noch anspruchsvoller als Raketen oder Flugzeugturbinen – ebenfalls hochinteressante und spannende Produkte. In ihm sind alle Schwierigkeitsgrade enthalten, die es überhaupt gibt. Er bleibt also eine große und spannende Herausforderung.

Halten Sie einen Vergleich mit Ingenieuren aus der Nukleartechnik für zulässig – die beschäftigen sich ja auch mit einer Technik, deren Ende absehbar erscheint?

Der Anschein der Vergleichbarkeit trügt. Die Nukleartechnik boomt weltweit, und auch in Deutschland wird der Boom noch mindestens 20 Jahre anhalten. Dafür werden schon die Fragestellungen zum Rückbau sorgen. Einen weltweiten Ausstieg wird es ohnehin nicht geben, bei aller berechtigten Kritik an dieser Technik.

Und der Verbrennungsmotor?

Es ist unstrittig, dass es von einer gewissen Leistung an keine Alternative zu ihm gibt. Wie sollen denn all die Mähdrescher, Lastwagen, Schiffe oder Heizkraftwerke ohne ihn betrieben werden? Eine kompetitive Brennstoffzelle ist nicht in Sicht. Die Grenzen hin zum Elektromotor werden sich verschieben, aber der Verbrennungsmotor wird noch sehr, sehr lange gebraucht, auch in Deutschland. Noch mindestens mehrere Jahrzehnte, und ich sehe überhaupt kein Ende für viele Anwendungen.

Die öffentliche Debatte in Deutschland hat gerade einen anderen Tenor.

Das liegt daran, dass es kein anderes Land gibt, in dem der eigene Wohlstand mit so viel Hass und Ideologie torpediert wird. Es ist in Teilen eine verlogene Diskussion und eine regelrechte Selbstzerfleischung – bei aller berechtigten Kritik. Aber es ist schon sehr viel physikalische Unwissenheit im Spiel. In Italien, Frankreich oder Spanien jedenfalls geht man mit der Situation wesentlich gelassener um.

Können Sie mit diesen Argumenten weiterhin genügend Studenten für Ihren Fachbereich begeistern?

Wir werden auch in 10, 20 und 30 Jahren eine gute ingenieurwissenschaftliche Ausbildung anbieten und sicherlich mit ausreichend Nachwuchs. Ich bin kein Gegner der E-Mobilität, sie ist eine wertvolle Ergänzung, und wir brauchen hier weitere Fortschritte. Aber wenn sich die Anfangseuphorie gelegt hat, dann wird die ganze Diskussion über den Verbrennungsmotor auch wieder mit mehr Vernunft geführt. Die Crux ist, dass Studenten sich recht früh entscheiden müssen, in welche Richtung sie später mal gehen wollen. Wir müssen hier, wie gesagt, viel Aufklärung betreiben – aber es ist für verbrennungsmotorische Institute bestimmt nicht einfacher geworden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe (umx)
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandStudentenVerbrennungsmotor