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Technik-Campus

Apple? Nein, Audi!

Von Henning Peitsmeier
 - 06:18
Schöner arbeiten: Bis Ende dieses Jahres sollen mindestens 700 IT-Spezialisten von BMW auf dem Business Campus in München Unterschleißheim einziehen. Bild: wilkdesign, F.A.Z.

Wenn es um das Auto der Zukunft geht und darum, wer es wo entwickelt, dann ist immer wieder von Google und Apple die Rede. Die Silicon-Valley-Giganten haben zwar noch kein einziges Auto serienreif auf die Straße gebracht, aber der avantgardistischen Hightech-Industrie eilt ein derart guter Ruf voraus, dass er die traditionsreichen Autohersteller alt aussehen lässt. Google und Apple investieren zudem hohe Summen, um ihren Mitarbeitern ein kreatives Arbeitsumfeld zu bieten.

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Apple-Gründer Steve Jobs legte ein Jahr vor seinem Tod dem Stadtrat im kalifornischen Cupertino die Pläne für ein neues Verwaltungsgebäude vor: „Es sieht aus, als ob ein Raumschiff gelandet wäre“, sagte er damals über den riesigen, ringförmigen Komplex, den Apple nun Jahre nach Jobs Vorstellungen als „ein Zentrum für Kreativität und Zusammenarbeit“ preist. Inzwischen ziehen immer mehr Mitarbeiter aus der bisherigen Zentrale in Cupertino in den neuen „Apple Park“ um, 12.000 Menschen sollen dort arbeiten. Apple hat sich den vom Stararchitekten Norman Foster entworfenen Neubau angeblich 5 Milliarden Dollar kosten lassen.

Der Apple-Park taugt – mal wieder – als Vorbild. Die deutschen Autohersteller wissen, dass sie hochqualifizierten Talenten ebenfalls ein attraktives Umfeld bieten müssen, wollen sie im Zeitalter der Digitalisierung ihr Terrain unter Kontrolle behalten. Und so überrascht es nicht, dass BMW und Audi ebenfalls die Campus-Idee aufgegriffen haben.

Umzug nach Unterschleißheim

An der Zukunft der im Jahr 1916 in München gegründeten Bayerischen Motoren Werke wird jetzt jedenfalls vor den Toren der Landeshauptstadt getüftelt. Noch in diesem Monat ziehen die ersten Ingenieure und Informatiker in das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum für autonomes Fahren nach Unterschleißheim um. Hier, auf dem ehemaligen Airbus-Gelände, hat BMW einige bestehende Bürogebäude umgebaut und für eine Übergangszeit eine Leichtbauhalle als Werkstatt errichtet. Parallel dazu wird das rund 200.000 Quadratmeter große Gelände von einem Immobilieninvestor weiterentwickelt, BMW ist „nur“ Mieter. Bis Ende dieses Jahres sollen mindestens 700 IT-Spezialisten auf dem BMW-Campus arbeiten, rund 2000 sollen es bis Ende kommenden Jahres sein. Und BMW sucht weiter nach IT-Spezialisten, wie Milagros Caiña-Andree sagt: „Wir stellen schon heute fast so viele IT-Spezialisten ein wie Maschinenbauer, Tendenz steigend“, sagt die für Personalfragen zuständige Vorstandsfrau des Unternehmens. In der Entwicklung des hochautomatisierten Fahrens sind bei BMW derzeit rund 60 IT-Spezialisten ausdrücklich mit den Themen Künstliche Intelligenz und Machine Learning beschäftigt, aktuell sollen weitere 20 bis 30 Spezialisten eingestellt werden.

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BMW treibt das autonome Fahren in enger Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Chipkonzern Intel und dem israelischen Kameraspezialisten Mobileye voran. Auch der Fiat-Chrysler-Konzern, der bislang mit dem Google-Ableger Waymo das autonome Fahren erforscht hat, ist kürzlich der internationalen Arbeitsgemeinschaft beigetreten. In diesen Tagen schickt BMW die ersten 40 selbstfahrenden Versuchsfahrzeuge auf europäische und amerikanische Straßen. Und im Jahr 2021 soll der „iNext“, die erste vollständig selbstfahrende Limousine, serienreif sein.

Dass IT-Spezialisten stärker gefragt sind als Maschinenbauer, überrascht nicht. Bei dem selbstfahrenden Auto spielen Hochleistungsprozessoren und -sensoren eine wichtige Rolle, ebenso wie automatisierte Bildauswertung, die selbstlernende Karte und Künstliche Intelligenz. Am Ende soll ein Fahrzeug entstehen, bei dem der Fahrer während der Fahrt lesen oder E-Mails schreiben kann und nur in besonderen Situationen wieder zum Lenkrad greifen muss. In der Branche sind deshalb eine Vielzahl solcher Technologiebündnisse entstanden – darunter die Partnerschaft von Daimler und Bosch –, die dasselbe Ziel verfolgen: Die großen Autokonzerne wollen mit Start-ups und mittelständischen Zulieferern vernetzte Lösungen für das autonome Fahren entwickeln und anbieten.

Ohne Campus geht es kaum

Ziemlich weit vorn fährt Audi. Die neueste Generation der Luxuslimousine A8 fährt teilweise selbständig. Das können zwar die Mercedes S-Klasse und der BMW 7er auch. Aber im Audi kann der Fahrer auf der Autobahn bis 60 Stundenkilometer die Hände vom Lenkrad nehmen und muss das Auto nun nicht mehr permanent überwachen. Diese Stufe des autonomen Fahrens nennen Fachleute Level 3. Und die Marke mit den vier Ringen hat innerhalb des Volkswagen-Konzerns die Entwicklungshoheit für das autonome Fahren. Ihre dafür eigens gegründete „Autonomous Intelligent Driving GmbH“ sitzt übrigens nicht in Ingolstadt, sondern in München.

„Im Wettbewerb um die internationalen Top-Leute kann eine Millionenmetropole wie München mit ihrem internationalen Flair schon mal den Ausschlag geben“, sagt ein Audi-Sprecher zur Standortwahl. Derzeit arbeiten rund 200 Mitarbeiter, fast ausschließlich Softwareingenieure, in einem Schwabinger Verwaltungsgebäude des Lastwagenherstellers MAN. Die Audi-Tochtergesellschaft ist als offene Plattform konzipiert, wie die BMW-Kooperation mit Intel und Mobileye. Auch hier sollen über kurz oder lang weitere Partner hinzukommen.

Und auch Audi plant einen eigenen Campus, allerdings am Stammsitz in Ingolstadt. Seit je ist Ingolstadt als Audi-Stadt bekannt. Ende der fünfziger Jahre wohnten gerade einmal 50.000 Menschen hier, heute sind es mehr als 130.000. Audi hat die Arbeiter und mit ihnen den Wohlstand in die Stadt gebracht, hat Fabriken gebaut und Werkswohnungen. Das Werk ist mit der Stadt gewachsen, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Für die Forschungs- und Entwicklungsingenieure, die derzeit über die gesamte Stadt verteilt arbeiten, gibt es einen ehrgeizigen Plan: Der „IN-Campus“ ist ein Technologiezentrum im Stil von Google und Apple.

Die Dieselkrise kam dazwischen

Für das Großprojekt hat das Unternehmen gemeinsam mit der Stadt schon das Gelände einer ehemaligen Raffinerie gekauft, das derzeit aufwendig saniert wird. In seiner Endausbaustufe kann aus dem IN-Campus ein eigener Stadtteil mit 20.000 Menschen werden, heißt es bei Audi. Nicht nur Audianer sollen dort arbeiten, auch zahlreiche Zulieferer sollen dort ihre Entwicklungsabteilungen für Audi ansiedeln. Nur: Wann es so weit ist, weiß niemand. Audi hat wegen der Dieselkrise die Investitionsentscheidung erst einmal um ein Jahr verschoben. Daran hat sich nach Aussage eines Sprechers auch noch nichts geändert.

In Ingolstadt wird freilich fest damit gerechnet, dass Audi an dem Zukunftsprojekt festhält. Der Skandal um manipulierte Dieselautos, in den Audi ebenso wie die Muttergesellschaft Volkswagen verstrickt ist und der den Gesamtkonzern mit Milliardenbelastungen konfrontiert, macht einen Sparkurs notwendig. Dass die alte Dieseltechnologie aber Zukunftsweisendes wie den IN-Campus verhindert, das kann sich in der aufstrebenden Stadt an der Donau eigentlich niemand vorstellen.

Quelle: F.A.Z.
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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