Uni-Abschlüsse

Wo der Diplom-Ingenieur überlebt hat

Von Uwe Marx
 - 14:25
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Bei einem Jaguar sägen Sie auch nicht die Kühlerfigur ab und setzten stattdessen eine Gummiente drauf.“ Stefan Odenbach braucht nur diesen einen kurzen Satz, um klarzumachen, was er davon hält, dass der Diplom-Ingenieur zur bedrohten Spezies geworden ist. Der renommierte Abschluss, der weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf hat, musste seit der Bologna-Reform an den meisten Hochschulen einem Heer von Master-Abschlüssen weichen. Odenbach ist Professor an der Technischen Universität (TU) Dresden und Studiendekan für den Studiengang Maschinenbau. Und er bedauert zutiefst die Entwertung des „Dipl.-Ing.“. Denn zwar gilt er als Markenzeichen deutscher Ingenieurskunst, wird aber mittlerweile nur noch an wenigen Universitäten vergeben. Unter ihnen ist die TU Dresden mit ihren mehr als 30 000 Studenten ein Schwergewicht. „Wir sind glücklich, dass sich der Abschluss Diplom-Ingenieur im sächsischen Hochschulgesetz gehalten hat. Aber wir haben auch jahrelang dafür gekämpft“, sagt Odenbach. „Weil wir es für den richtigen Weg in der Ausbildung halten.“

Natürlich ließe sich einwenden, dass die Umstellungen nach Bologna keinen sichtbaren Schaden hinterlassen haben. So ein Master of Engineering oder Master of Science muss ja kein schlechter Ingenieur sein. Zumal sich die Studiengänge schon wegen der Akkreditierungsverfahren stark ähneln. Außerdem sind Ingenieure, deren Wertschöpfung der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) auf mehr als 200 Milliarden Euro im Jahr veranschlagt, auch im Jahr 2017 unterdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit bedroht – neue Abschlüsse hin oder her. Die Arbeitslosenquote unter Ingenieuren liegt bei weniger als 3 Prozent, davon können Vertreter anderer Berufe nur träumen. Die unverändert hohe Nachfrage lässt vieles in einem sanften Licht erscheinen. Rund 90 000 Absolventen im Jahr, so wie zuletzt, sind da kein Problem, auch wenn sich diese Zahl in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat.

Und doch sehen viele die Zersplitterung der Abschlüsse als ein Problem. Gab es vor zehn Jahren an deutschen Hochschulen etwa 2200 ingenieurwissenschaftliche Studiengänge, so sind es heute knapp 3500. Kritiker bemängeln, dass mancherorts Studiengänge regelrecht designt werden, um persönlichen Vorlieben von Professoren entgegenzukommen, nicht um der Nachfrage gerecht zu werden. Aber nicht einmal der Verband TU9 macht sich stark für eine Wiederbelebung des Diplom-Ingenieurs. Dabei ist dieser Zusammenschluss von neun technischen Hochschulen aus Aachen, Berlin, Braunschweig, Darmstadt, Dresden, Hannover, Karlsruhe, München und Stuttgart doch so etwas wie ein Gralshüter der deutschen Ingenieurwissenschaften. Und auch beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) sorgt das Thema für keine Aufwallungen mehr. Die Haltung des Berufsverbandes ließe sich eher so zusammenfassen: Dass Diplom-Ingenieure selten geworden sind, ist zwar bedauerlich, aber da lässt sich nichts mehr machen.

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Es sind eher Einzelkämpfer wie Odenbach, die dann und wann ihre Stimme erheben. Ihm gefällt, dass andernorts offenbar auch umgedacht wird. An der kleinen TU Illmenau südlich von Erfurt zum Beispiel werden seit kurzem wieder Diplom-Studiengänge angeboten. Und er ist sicher: „Falls auch renommierte Adressen wie die Technische Hochschule in Aachen nachziehen, dann wird sich dieser Prozess beschleunigen.“ Odenbach hat die Renaissance des Diplom-Ingenieurs keinesfalls abgeschrieben. Im Gegenteil: „Ich gehe davon aus, dass auch andere Länder nachziehen, so wie zuletzt Thüringen, und den Diplom-Ingenieur wieder in ihre Hochschulgesetze aufnehmen“, sagt er. „Es wäre im Sinne der Studenten.“

Für ihn liegen die Vorteile auf der Hand – auch ganz abgesehen vom Renommee. Vor allem können die Studenten in Dresden ohne Unterbrechung studieren, sie sind also in der Regel früher fertig als Master-Absolventen. Denn der Bruch nach dem Bachelor entfällt, weil nicht erst nach dem passenden Master-Studiengang gesucht werden muss. Das Timing an dieser Schnittstelle des Studiums sei sehr schwierig, sagt Odenbach. Deshalb verlören viele Studenten hier gut und gerne ein halbes Jahr, bis sie weiter studieren.

Das allein kann die Wahl einer Universität wie Dresden forcieren. „Für mich war der Diplom-Studiengang ein ausschlaggebender Punkt, an der TU Dresden zu studieren“, sagt Johanna Popp, die im 4. Semester Verfahrens- und Naturstofftechnik studiert. Denn: „So fällt für mich die Hürde weg, nach dem Bachelor einen geeigneten Master zu finden.“ Das deckt sich mit Beobachtungen von Stefan Odenbach. Er sagt, dass die TU Dresden zwar wie viele andere Hochschulen vor allem Studenten aus der näheren und mittleren Umgebung anziehe. Allerdings gebe es einen deutlichen Zuwachs an Studenten aus den alten Bundesländern. Und das habe vor allem mit dem Festhalten am Diplom-Ingenieur zu tun.

Alexander Busch, Maschinenbau-Student im 8. Semester, findet dagegen, man solle nicht übertreiben mit der Fixierung auf diesen zwar traditionsreichen und renommierten, aber teilweise eben abgeschafften Abschluss. Einerseits: Auch er ist nach Dresden gekommen, weil er so ohne Hochschulwechsel auskommt und zehn Semester in einem Rutsch studieren kann. Andererseits: „Oft wird behauptet, dass die Industrie Absolventen mit altbekanntem Diplom-Abschluss gegenüber denen mit neuerem Master-Abschluss bevorzugt einstellt. Ich halte das für Quatsch.“ Die Studieninhalte seien schließlich ähnlich. Unterschiede zwischen den einzelnen Hochschulen sehe er anderswo – „im Zustand der Gebäude, in der Personal- und Wohnungssituation und in der fachlichen Ausrichtung der Forschung“. Der letzte Punkt werde gegen Ende des Studiums entscheidend, dann nämlich, wenn Studenten sich spezialisieren und die Frage aufkommt, ob es an der Uni für die eigene Abschlussarbeit ein geeignetes Forschungsprojekt gibt. In dem einen oder anderen Punkt könnte er gleich vor Ort auf Widerspruch stoßen. Was zum Beispiel die Resonanz am Arbeitsmarkt betrifft, sagt Stefan Odenbach: „Von Industriekollegen bekommen wir häufiger den Hinweis: Ihr macht es richtig.“ Wer einen Diplom-Ingenieur einstelle, der wisse, was er bekommt. Bei so manchem Master-Absolventen sei das nicht ausgemacht. Schon die vielen Studiengänge machen die Sache unübersichtlicher.

Er scheint nicht der Einzige zu sein, der derart offensiv für den Diplom-Abschluss wirbt. Die Studentin Johanna Popp hat beobachtet, „dass einige Professoren in den ersten Veranstaltungen eine deutliche Tendenz zum Diplom aussprechen und teilweise den Bachelor abwerten“. Der wird in Dresden in diversen Fachrichtungen ebenfalls angeboten. Die deutliche Positionierung der Dozenten führe dann dazu, dass Studenten, die sich eigentlich schon für einen Bachelor-Studiengang entschieden hatten, doch noch auf einen Diplom-Studiengang einschwenken. Einige Studenten spürten regelrecht Rechtfertigungsdruck, warum sie denn den Bachelor als ersten Abschluss ausgewählt haben und nicht von vornherein das Diplom.

Und sorgt der international bekannte Abschluss Dipl.-Ing auch im Ausland, etwa unter potentiellen Arbeitgebern, für Diskussionen, nach dem Motto: Wie könnt ihr ihn nur abwickeln? Auch engagierte Verteidiger des alten Diploms sagen: nein. Entscheidender als der Abschluss sei die Frage, von welcher Hochschule ein Kandidat kommt und an welchem Lehrstuhl er studiert hat. „Im Ausland ist man an dieser Diskussion nicht sonderlich interessiert“, sagt Professor Odenbach. Was trotzdem auf dem Spiel steht, ist einem weiteren Hinweis zu entnehmen: Für die Bezeichnung Diplom-Ingenieur gebe es im Englischen gar keine Übersetzung. Sie sei schlicht ein Qualitätsmerkmal.

Auf dem Weg zu dieser Auszeichnung konnte auch der angehende Diplom-Ingenieur Alexander Busch einige Besonderheiten genießen. So seien Bachelor-Studenten schon vom ersten Semester an unter großem Leistungs- und Zeitdruck, da die Endnote über die weitere Zukunft entscheide. In Diplom-Studiengängen sei das anders. In Dresden etwa berechne sich die Endnote ausschließlich aus den Prüfungsleistungen ab dem 5. Semester. Studenten aus Diplom-Studiengängen würden deshalb oft dafür beneidet, dass sie in den ersten beiden Jahren „Vier gewinnt“ spielen dürfen – „also Prüfungen nur mit Minimum 4,0 bestehen müssen“. Der frühe Zwang zu guten Noten entfalle für ihn und seine Kommilitonen. Trotzdem ist ihm ein Ausspielen von Ingenieuren mit Diplom- gegen die mit Master-Abschluss ein Greuel. Und deshalb sagt er: „Eine Firma, die eine Bewerbung ablehnt, weil ihr der Name des Abschlusses auf einem Abschlusszeugnis nicht gefällt, hat die Ingenieurin oder den Ingenieur schlicht nicht verdient.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe (umx)
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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