Virtuelle Realität

Besser die VR-Brille aufsetzen, wenn es mal ernst wird

Von Marco Dettweiler
 - 06:08

Die Virtuelle Realität kann so einfach sein. Es gibt einen Raum, den Menschen ohne jegliche technische Ausrüstung betreten können, um sich in eine andere Welt zu begeben. Die Auswahl ist enorm: Der Besucher kann in Sekundenschnelle auf das Meer, in den Dschungel oder zu einem fremden Planeten wechseln. Alles ist so realistisch, dass der dort stehende virtuelle Wein getrunken werden kann und die projizierten Regentropfen die Haare wirklich nass machen. Diesen Raum gibt es schon seit vielen Jahren. Er heißt „Holodeck“, befindet sich an Bord der „Enterprise“ und wurde vom Drehbuchautor für die Serie „Star Trek“ erfunden.

Das Holodeck ist einerseits nur eine Fiktion. Andererseits sollte es die Referenz sein, wenn es um die technische Umsetzung der Virtuellen Realität geht. Doch so einen Raum wird kein Ingenieur der Welt jemals umsetzen können, auch wenn das, was es aktuell gibt, schon ziemlich gut ist. Menschen lassen sich beim ersten Kontakt mit neuen Medien schnell täuschen. Es bedarf manchmal nur einfacher Mittel, um ihnen eine vermeintlich realistische Situation vorzugaukeln. Das zeigen die Erfahrungen aus den Anfangszeiten des Kinos. Als der Stummfilm „L’arrivée d’un train à La Ciotat“ von Auguste und Louis Lumière 1896 Premiere feierte, verließen einige Zuschauer fluchtartig ihre Sitze, weil sie glaubten, dass dieser einfahrende Zug auf der Leinwand tatsächlich auf sie zurollt. Sie konnten in dem Moment nicht zwischen virtueller und wirklicher Realität unterscheiden.

Doch schon beim nächsten Kinobesuch wussten die Ängstlichen, dass der Zug vor ihnen nicht in den Saal, sondern auf der Leinwand fährt. Die Wahrnehmung lässt sich auf diese Art nicht täuschen, auch nicht mit 3D-Filmen. Man weiß, dass diese Welt nicht die eigene ist. Sowohl der Zugang zur 3D-Welt als auch zur Virtuellen Realität erfordert heutzutage und auch die nächsten Jahre eine Brille. Sie sitzt auf der Nase, drückt ein bisschen, die Ränder befinden sich im Sichtfeld. VR-Brillen sind ein Fremdkörper: Unter ihnen schwitzt die Haut, an ihnen hängen immer noch Kabel, die je nach Position leicht am Kopf ziehen, ihre Auflösung ist selbst bei den besten Modellen immer noch pixelig, und das Scharfstellen funktioniert nur bedingt. Bis die Hersteller all diese Probleme technisch gelöst haben, wird es noch Jahre dauern.

Vermischung der Welten

Ingenieure müssen neben technischen Fragen auch strukturelle beantworten. Soll der Weltenwechsel vollständig oder in die Realität integriert sein? Sowohl am Beispiel des Holodecks als auch an dem des Stummfilms fällt auf, dass sich die Realität mit den fiktiven Elementen vermengt. Ähnliches gilt für das Holodeck: Wer es betritt, der nimmt sich selbst mit. Das Subjekt ist bezüglich Charakter, Aussehen und Verhalten das gleiche, wie in der Welt, die es gerade verlassen hat. Im Kino wird aus der Leinwand ein Fenster zu einer virtuellen Welt, die reale bleibt sichtbar. Es handelt sich also in all diesen Fällen um eine erweiterte Realität (Augmented Reality). Für diese Art der Anwendung hat sich Microsoft früh entschieden.

Vor knapp drei Jahren stellte das Unternehmen seine Hololens vor. Der Name ist kein Zufall. Diese Brille sieht zunächst ähnlich aus wie die VR-Produkte von Oculus, HTC, Samsung oder Google. Nur wenn man sie aufsetzt, wird der Unterschied deutlich. Das Wohnzimmer mit seinen Stühlen, Schränken, Sesseln, Teppichen, Fenstern und Türen erscheint wie gewohnt im Sichtfeld. Die Umgebung wird erweitert mit Projektionen der Brille, die sich in Form und Größe so an die Realität anpassen, dass sie echt erscheinen sollen. Sie sind es aber nicht.

Autolackierer probieren Türfarben, Feuerwehrleute proben den Ernstfall

Auch wenn die Sehnsucht der Kreativen, Hersteller und Ingenieure groß ist, die VR-Nutzer in eine authentische fremde Welt zum Spielen und Träumen zu entführen, ist momentan der Einsatz in Berufsausbildung und Produktentwicklung am überzeugendsten. So steigt kontinuierlich die Anzahl der Beispiele, wie vielfältig etwa die HTC Vive eingesetzt wird.

Angehende Autolackierer können mit dem Controller, auf dem eine Lackierpistole steckt, virtuell eine Tür lackieren. Das Programm simuliert den Farbauftrag und wertet das Ergebnis aus. In Australien proben Feuerwehrleute den Umgang mit Rohren und Schläuchen. Deutsches Rotes Kreuz trainiert Rettungssanitäter, indem sie sich virtuell in einem Rettungswagen bewegen und diesen bedienen. Ingenieure von Bosch-Siemens setzten VR-Brillen für die Entwicklung von Waschmaschinen ein, um die Herstellung von Prototypen zu sparen. BMW und Porsche greifen auf die Virtuelle Realität in der Entwicklung einiger Modelle zurück. Audi stattet seine Autohändler mit der Brille aus, damit Kunden die Fahrzeuge konfigurieren können. Im Auftrag der Vereinten Nationen werden im bestimmten Ländern Krankenschwestern mit der Vive-Brille für die Geburtshilfe ausgebildet. Neurochirurgen proben komplizierte Operationen im virtuellen Raum. Bei Bilfinger Berger üben Mitarbeiter virtuell aufwendige Arbeiten, bevor sie an der Baustelle Realität werden. Das Unternehmen Curiosity setzt die HTC Vive in der Reha für Schwerverletzte und Querschnittsgelähmte ein. Mit der Virtuellen Realität reduzieren die Unternehmen in all diesen Fällen Kosten.

Lieber professionell als privat

Der professionelle Einsatz bietet sich an, weil nach wie vor die Installation einer VR-Brille mit Raumtracking für private Zwecke recht aufwendig und teuer ist. Für die HTC Vive muss der Nutzer zwei kleine Kistchen in etwa zwei Metern Höhe in einem Raum installieren. Weil die Software den Rechner sehr beansprucht, muss dieser mit einem schnelleren Prozessor, ausreichend viel Arbeitsspeicher und vor allen Dingen mit einer sehr guten Grafikkarte bestückt sein. Vom PC führen dann Kabel zur Brille, so dass der zirka fünf mal fünf Meter große Raum recht leer sein sollte, damit man nicht hängenbleibt, wenn man sich bewegt. Zwar gibt es den PC-Rucksack XMG Walker von Schenker Technologies, so dass keine Kabel mehr stören. Doch dieser ist teuer und unhandlich. Lösungen für die kabellose Übertragung zwischen Rechner und Brille bieten Hersteller wie TPCast erstmals für den europäischen Markt. Letztlich bleibt das Problem bestehen, dass zu Hause ein Raum für die VR-Aktionen freigeräumt und reserviert sein müsste.

VR hat also das gleiche Problem wie 3D. Solche Brillen will niemand zu Hause tragen. Dann schon lieber auf der Arbeit oder in speziellen VR-Spielhallen.

Quelle: F.A.Z.
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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