Anonyme Job-Apps

Bewerben in geheimer Mission

Von Laura Nowak
 - 16:20

Sie heißen Truffls, Placing-You, Legalhead oder Meet Frank: Job-Apps und Stellenportale im Internet, auf denen sich Menschen anonymisiert bewerben können. So soll einerseits Diskriminierung vermieden werden, andererseits wollen die Plattformbetreiber verhindern, dass der derzeitige Chef davon Wind bekommt, dass sich jemand anderswo bewirbt – oder sich jedenfalls für einen Wechsel interessiert. Wie die Anonymität gewahrt werden soll und an welchem Punkt der potentielle neue Arbeitgeber schließlich erfährt, welchen Bewerber er vor sich hat, ist unterschiedlich.

Mit einem Profil der App Truffls etwa bleibt der Bewerber nur bis zu dem sogenannten Match anonym. Der Bewerber erstellt – ähnlich wie bei einer Xing- oder Linkedin-Seite – ein Profil von sich, aus dem zum Beispiel Branche und Berufserfahrung hervorgehen. Die App gleicht dann die Wünsche und Voraussetzungen des Bewerbers mit denen des Unternehmens ab. Passt das zusammen, schlägt die App dem Unternehmen den Bewerber vor und andersherum. Unternehmen sehen dabei nicht den Namen, sondern lediglich die Initialen und den Lebenslauf des Bewerbers. Wenn sowohl Unternehmen als auch Bewerber Interesse haben, wischen sie das Angebot auf ihrem Smartphone nach rechts. Das ist dann ein Match. Nun sieht das Unternehmen auch persönliche Angaben wie den Namen, ein Foto und das Geschlecht des Bewerbers.

Dass dieser Prozess an Online-Dating erinnert, ist kein Zufall: Das Vorbild für Truffls ist die Dating-App Tinder. Nach der ersten Kontaktaufnahme folgt häufig noch eine klassische Bewerbung mit Anschreiben und Zeugnissen. Die Zielgruppe sind dabei vor allem akademische Nachwuchskräfte.

Fehlt die persönliche Note?

In Bezug auf anonymisierte Bewerbungen wird häufig diskutiert, ob die Standardisierung einen Nachteil darstellt. Wenn Bewerber nur noch anhand von beruflichen Stationen im Lebenslauf beurteilt werden, gehe Individualität verloren, sagen Kritiker. Etwa die persönliche Note, die üblicherweise aus einem Anschreiben hervorgeht. Doch Tim Weitzel, Leiter des Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Otto-Friedrichs-Universität Bamberg, entgegnet: „Vielleicht bietet ein Anschreiben gar nicht mehr Informationen, sondern besteht aus hohlen Phrasen.“

Es sei also nicht unbedingt ein Problem, dass Unternehmen weniger interpretierbare Informationen bekämen. Viel wichtiger sei der Matching-Prozess: Das Angebot und die Wünsche des Bewerbers müssten zu denen des Unternehmens passen. Objektive Kriterien – Weitzel jedenfalls ist ein Fan davon.

Clemens Reichel geht es ähnlich. Er ist Geschäftsführer des Unternehmens Mobilehead und betreibt gemeinsam mit seinen Mitgründern mehrere Stellenplattformen, die auf klar definierte Branchen spezialisiert sind: Es gibt zum Beispiel eine Plattform für Mediziner, eine für Hoteliers, eine für Steuerberater und eine für Juristen. Letztere heißt „Legalhead“. Klare Bewerbungskriterien nur für eine einzelne Branche können deutlich leichter benannt werden als in gemischten Stellenbörsen, findet Reichel. So seien etwa im Fall von Legalhead der Master of Laws (LL.M.) und eine gute Abschlussnote für Kanzleien sehr wichtig. Auf Legalhead erstellen Bewerber ähnlich wie bei Truffls im ersten Schritt ein Profil. Und auch hier können Unternehmen die persönlichen Informationen erst nach einem Match sehen. Um die Anonymität der Bewerber zu schützen, können diese ihren aktuellen Arbeitgeber und andere Unternehmen angeben, denen sie nicht vorgeschlagen werden wollen. Außerdem können Bewerber auswählen, dass sie sich aktuell nicht auf Stellensuche befinden. Dann werden Stellenangebote zwar sichtbar, die Bewerber werden Unternehmen aber nicht als Option angezeigt.

Bewerbern auf Legalhead gehe es darum, den eigenen Marktwert zu testen, sagt Reichel: „Ein Teil unserer Nutzer steigt mit einem Konjunktiv in die Suche ein: Was wäre möglich, wenn ich ernsthaft suchen würde?“ Die Individualität der Bewerber zeige sich im Bewerbungsgespräch früh genug, so Reichel: „Man braucht am Anfang des Bewerbungsprozesses noch nicht alle Informationen. Die müssen erst auf dem Tisch liegen, wenn die Entscheidung über eine konkrete Einstellung getroffen wird.“

Wird manchen Bewerbern nicht mulmig dabei?

Auf die Spezialisierung auf eine ganz bestimmte Branche haben auch die Gründer von Placing-You gesetzt. Die Stellenplattform, die ebenfalls zunächst anonym vorgeht, richtet sich ausschließlich an Hörakustiker und Augenoptiker und wirbt mit dem schmissigen Slogan: „Erst verhandeln, dann bewerben!“ Um von Unternehmen gefunden zu werden, hinterlassen Bewerber ein namenloses Profil, in dem der Qualifikationsgrad steht, der Aufgabenbereich, das Gehalt und der Arbeitsort. Der Bewerber beantwortet ein paar Fragen, etwa, ob ein Umzug in Frage kommt oder wie viele Urlaubstage er sich wünscht. Persönliche Daten oder ein Lebenslauf müssen nicht angegeben werden. Wenn die Vorstellungen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber übereinstimmen, wird der Kontakt zwischen Unternehmen und Bewerber hergestellt. Eine formelle Bewerbung sei dann häufig gar nicht mehr nötig, meistens würden im Anschluss nur noch ein Telefonat oder ein persönliches Gespräch geführt, sagt der Gründer Daniel Maron.

Um das Matching, also das Zusammenpassen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Zukunft noch weiter zu verbessern, plant Maron ab dem Jahr 2020, dass die Bewerber einen elektronischen Persönlichkeitstest auf der Online-Plattform durchlaufen sollen – indem er sie einige Computerspiele spielen lässt. Die Spiele dienen aber nicht der Unterhaltung, sondern testen zum Beispiel, wie risikobereit ein Bewerber ist, ob er Multitasking beherrscht oder wie leicht er sich ablenken lässt. Die so gewonnenen Daten gleicht im Anschluss eine Künstlicher Intelligenz mit denen von Berufstätigen ab, die schon erfolgreich in einer ähnlichen Position arbeiten.

Wird denn den Bewerbern nicht ziemlich mulmig, wenn solche und ähnliche Automatismen im Bewerbungsprozess zum Einsatz kommen? Tim Weitzel glaubt das nicht. In seiner Studie „Recruiting Trends 2018“ für die Stellenplattform Monster hat er etwa herausgefunden, dass sich sowohl Unternehmen als auch Stellensuchende erstmals einen höheren Einsatz von Chatbots wünschen. Kandidaten erhoffen sich davon schnellere Antworten und ein faireres Auswahlverfahren. Personalabteilungen wünschen sich, dass Chatbots sie bei Routinearbeiten entlasten. Denn die hohe Geschwindigkeit der Kommunikation mit Bewerbern sei für die Unternehmen schwierig, sagt Weitzel. Außerdem würden häufig ähnliche Fragen gestellt, die ein Chatbot ebenso gut beantworten könne wie ein Mensch.

Chatten mit der Maschine

Die Stellen-App Meet Frank nutzt das Chatbot-Prinzip schon heute. Bewerber laden sich die App herunter, geben aber auch hier nicht ihren Namen und keine persönlichen Daten an. Stattdessen schreiben sie dem Chatbot Frank in Messengerform ihre Erwartungen und Motivationen. Wenn diese Angaben dem Stellengesuch eines Unternehmens entsprechen, wird den Bewerbern der entsprechende Job vorgeschlagen. Dann kann ein Gespräch zwischen Bewerber und Unternehmen beginnen.

Der Gründer Kaarel Holm möchte es Interessierten so ermöglichen, Unternehmen schon vor der Bewerbung Fragen zu stellen: „Das geht viel besser, wenn man anonym fragt. Und die Bewerber beschreiben ihre Motivation auch ehrlicher, wenn das Unternehmen nicht weiß, wer sie sind.“ Dass ein Echtzeit-Chat mit potentiellen neuen Arbeitnehmern für die Unternehmen viel Arbeit bedeutet, glaubt Holm nicht: „Schließlich will das Unternehmen die Bewerber und kommt auf sie zu.“

Eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren Tim Weitzel zufolge immer stärker geworden ist: „Das Machtverhältnis zwischen Unternehmen und Bewerbern hat sich umgekehrt.“ Die Wechselbereitschaft von Arbeitnehmern, die schon einen Job haben, sei höher, und es gebe immer weniger gute Mitarbeiter. Dass Stellen-Apps und Online-Portale Headhunter in den nächsten Jahren ersetzen werden, bezweifelt Weitzel jedoch. Unternehmen würden alle möglichen Kanäle nutzen, um Bewerber zu erreichen. Weitzel vergleicht die Strategie der Unternehmen mit der von Fischern: „Wenn Sie ein Netz auswerfen, fehlen Ihnen am Ende noch zwanzig Fische. Dann nehmen Sie einen Köder. Aber auch damit erwischen Sie nicht alle Fische. Also muss der Taucher mit der Harpune kommen.“

Quelle: F.A.Z.
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