FAZ plus ArtikelKleidung im Büro

Außentermin-Sakko und Büro-Beanie

Von Ursula Kals
 - 08:07

Morgens auf dem Weg zur Arbeit vertreibt das Beruferaten die Zeit. Smarte junge Männer stehen in Anzügen herum, oft in Slim Fit, das harte Work-out im Fitnessstudio soll man ja auch sehen! Der Beruf ist ein wichtiges Projekt, ebenso der Körper. Am Arbeitsplatz wird der Mühe Lohn zur Schau gestellt: Diese ehrgeizigen jungen Männer tragen schmal geschnittene Hosen und Sakkos, als wären sie dort hineingeschossen. Sie sind stark und „in shape“, so wie junge Politiker und Präsidenten. Wer wissen möchte, ob die Anzugträger schon länger im Berufsleben stehen, blickt auf die äußere Hülle: Die ganz, ganz frischen Berufseinsteiger greifen zur Freizeitjacke mit Tatzenemblem, im Winter tut es auch die Skijacke. Sie haben sich noch nicht richtig dazu durchgerungen, sich einen Trenchcoat zuzulegen und etabliert zu sein. Ihre Leidenschaft für die Berge und den Sport sollen die anderen ruhig sehen. Diese auszuleben, darauf freuen sie sich schließlich die ganze Arbeitswoche lang. Ihre Vorfreude spiegelt sich in der Outdoorjacke, auch und gerade auf dem Weg ins geregelte Büroleben. Irgendwann in naher Zukunft wird der Ehrgeiz geweckt sein, und nicht nur fachlich wird das Tempo anziehen.

Die Stilsicheren

Am komfortabelsten haben es strenggenommen die stilsicheren Individualisten. Sie sind sicher darin, was ihnen selbst gefällt, und tragen das ebenso selbstbewusst wie selbstverständlich, ohne sich groß darum zu kümmern, ob das aktuell modisch angesagt ist oder nicht. So wie der Kollege, der zu gut gebügelten Streifenhemden, Außentermin-Karosakko oder Innendienst-Pulli greift, jahraus, jahrein. Das ist kleidsam, praktisch und verzeiht Figur- und Wetterschwankungen jeglicher Art. Der Mann ist schließlich Ökonom. Das sieht nicht aufregend aus, aber gut und ein bisschen englisch und ist eine wohltuende Konstante. Da kann die Welt sich noch so doll drehen, seine Lieblingsstücke bleiben. Zum Glück hat sich der Krawattenzwang längst überlebt. Der Mensch ist fein raus und stellt eine verlässliche Größe in unruhigen Zeiten da. Eine befreundete Juristin zieht sich ähnlich zeitlos an, ungeachtet ihres biologischen Alters. Twinsets mochte sie von klein auf, gediegene Muster und Miniröcke bevorzugte sie schon als Teenager, um sich von der Hippie-Mutter abzusetzen. Deren ausgeleierte Wollpullis wurden lediglich zum Lüften rausgehängt, haben nie ein Waschbecken von innen gesehen und rochen entsprechend rustikal. Geht gar nicht, hat die Tochter für sich früh und konsequent entschieden. Ihr Stil ist nicht jedermanns Sache. Aber es ist zumindest einer. Ihre Röcke sind oft so kurz und knapp wie ihre Anweisungen, womit sie mögliche Mäuschen-Effekte und Me-Too-Krisengespräche im Keim erstickt.

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Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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